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Brief an den Teufel

Du hast mehr Decknamen als ein Geheimagent beim FBI. Scheint fast, als hättest Du etwas zu verbergen...

 
 

Hallo Teufel, Satan, Luzifer oder Mephistopheles,

Du hast mehr Decknamen als ein Geheimagent beim FBI. Scheint fast, als hättest Du etwas zu verbergen...
Wenn man sich Deine Historie ansieht, dann merkt man, dass Du nicht immer so warst. Du warst Gottes erster und bester Engel, um genau zu sein. Das ganze Dilemma hast Du Dir erst eingebrockt, als Du anfingst, gegen Gott zu rebellieren. Dein Stolz wollte sich nicht vor den Menschen beugen, die aus niederem Stoff gemacht waren. Du wolltest sein wie Gott. Du wolltest über die Menschen herrschen.
Bin ich ehrlich, so glaube ich, dass Du zu diesem Zeitpunkt schon anfingst zu sein, wie die, vor denen Du Dich nicht verbeugen wolltest: den Menschen. Schließlich warst auch Du es, der in Gottes neuester Kreation Lücken entdeckte: Machthunger und unendlichen Wissensdurst. Als Schlange getarnt hast Du Gott so unsere Schwächen offenbart. Wir wurden somit aus dem Paradies geworfen, weil wir Erkenntnis erlangten, und wenn man deswegen aus dem Garten Eden fliegt, sollte man sie auch einsetzen. Ich vermute die Zeiten nach Deinem Fall und nach der Erkenntniserlangung der Menschen waren daher nicht leicht für Dich. Hier und da jemanden auf den falschen Pfad lenken, versuchen, die Menschen zu verleiten. Doch Du musstest feststellen, dass die Menschen nicht so niedere Geschöpfe sind, wie Du dachtest. Selbst der Volksmund weiß, dass der Teufel ein Eichhörnchen sein kann. Unsere Erkenntnis und unseren freien Willen setzen wir gegen Dich ein.

Leider scheint unsere Welt trotzdem immer mehr den Bach runter zu gehen. Bist Du also gerade am Gewinnen? Bist Du verantwortlich für all die bösen Machenschaften, für all das Leid in dieser Welt?
Definitiv nicht. Da mutet man Dir in meinen Augen noch zu viel zu. Natürlich versuchst Du die Menschen zu verleiten und auf den falschen Weg zu bringen, aber ich schreibe Dir von allem Bösen auf der Welt nur einen kleinen Teil zu. Du bist eben nur Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Würdest Du alles Böse verkörpern und kontrollieren, so hättest Du einen gottähnlichen Zustand erreicht und dann würde unsere Welt nicht so aussehen, wie sie aussieht. Wir sind auf keinen Fall perfekt und auf der Erde läuft einiges falsch, aber schreckliche Katastrophen lassen uns nur noch näher zusammenrücken. In den dunkelsten Momenten rücken wir als Menschen zusammen und bilden ein Licht in der Dunkelheit. Es ist fast so, als würde das Böse uns dazu bewegen, unser Bestes zu geben, um Gutes zu schaffen.
Zu Deiner Unzufriedenheit musst Du nun auch feststellen, dass, egal wie sündhaft wir uns zu Lebzeiten verhalten, es für jeden einzelnen Menschen immer ein Platz im Himmel geben wird. An einem Ort der vollkommenen Vergebung, und das zerreißt Dich wohl innerlich. Alle Sünder erfahren im Glauben Vergebung, nur Du verbringst die Ewigkeit damit, auf Deinem Stolz zu sitzen wie auf einem hohen Ross, und das ist für Dich die Hölle.
Vermutlich war es Dein Plan, Gott seine neueste Schöpfung zu verderben, doch er steht noch immer bei uns. Das muss Dich doch unheimlich ärgern. Der Muster-Engel, der, der alles besser kann, und der, der Sicherheitslücken in den Menschen entdeckt, wird unter die unvollkommenen Menschen gestellt. All Deine Versuche, wie ein Teenager zu rebellieren, werden abgewiesen. Ich glaube, dass Du es bereust, Dich gegen Deinen Vater gestellt zu haben, aber Dein Stolz lässt es nicht zu, das zuzugeben.

Du wirst von allen abgewiesen, in den Himmel kommst Du nicht mehr rein, die Hölle ist wohl auch nicht mehr das, was sie im Mittelalter war, und auf Erden stellt man Dich als aufrecht gehenden, roten Ziegenbock dar, der gerne als Halloween-Kostüm gebraucht wird. Es mag sein, dass uns unser Verstand weiter von Gott entfernt hat, aber dadurch hat sich auch unsere Distanz zu Dir vergrößert. Vieles des Bösen auf der Welt ist nicht von Dir ausgelöst, denn dazu brauchen wir Deine Hilfe nicht. Damit bleibt Dir wohl nichts anderes übrig, als den Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich als Ganzes entwickeln, wieder Rückschläge erleiden und sich einmal im Jahr als Deinesgleichen verkleiden.
Eigentlich muss man mit so einem armen Teufel wie Dir ja schon Mitleid haben.

Grüße Alison

Artikel und Zeichnungen von Alison Strauch

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