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Wahlkampf als Realityshow - Teil 2
Die Rede Hillary Clintons habe ich im April 2008 in einer Highschool in Eugene, Oregon, miterlebt. Die Turnhalle der Highschool war mit über 3.000 Zuschauern fast überfüllt. Clinton-Fans aus dem ganzen Westküsten-Staat versammelten sich bereits in den frühen Morgenstunden, um ihre Wahlkampagne zu unterstützen. Vor der Rede wurden die Zuschauer mit Sprechchören von Clintons Wahlkampfteam angeheizt: "Wir schreiben heute Geschichte!" und "Hillary hat die Lösung!" schallte es aus der Turnhalle. T-Shirts wurden geworfen, Plakate verteilt (eigene waren verboten) und eine Telefonaktion gestartet. Dazu wurden Zettel mit jeweils fünf Telefonnummern ans Publikum ausgegeben mit der Bitte, diese Personen anzurufen und ihnen Clintons Wahlslogan aufzusagen. Damit sollten in 15 Minuten über 10.000 der rund 150.000 Einwohner von Eugene erreicht werden.
Als Clinton endlich mit 90-minütiger Verspätung eintraf, wurde sie mit Standing Ovations empfangen. Die Demokratin sprach davon, dass Amerika immer mehr zu einem Land mutiere, in dem die Reichen privilegiert sind und Steuervorzüge bekommen, während die arbeitende Mittelklasse und ärmere Bürger ausgebeutet werden. "Nicht die Reichen haben dieses Land erbaut, sondern die hart arbeitende Mittelklasse", sagte Clinton. Sie sprach über steigende Benzinkosten, hohe Studiengebühren, den Irak-Krieg, das unflexible Schul- und das schlechte Krankenversicherungssystem.
Clintons positive Rede
Die Wahlinhalte waren ähnlich wie bei Obama und vergleichbar mit seiner Rede: positiv, überzeugend und hoffnungsvoll. Obama ging sogar noch einen Schritt weiter und startete eine Aktion, bei der Freiwillige gesucht wurden, die an Haustüren klingelten, um dort seinen Wahlslogan aufzusagen. Das Wort "change" entwickelte sich dabei zum einem Ohrwurm, den bald jeder kannte, egal ob Obama-Unterstützer oder nicht. Obama hielt zwei Wochen später seine Rede. 10 000 Frauen und Männer hatten sich damals auf dem großen Rasen vor der Hauptbibliothek der University of Oregon versammelt. Bei Obama kamen die ersten Zuschauer zehn Stunden vor Redebeginn und er verspätete sich über zwei Stunden, bis er vor das angeheizte Publikum trat.
Der Jurastudent James Cleavenger fuhr Obamas Eskorte in Eugene. Cleavenger hatte den ehemaligen Senator aus Illinois persönlich kennen gelernt, nachdem er 2001 seine Arbeit für die Al Gore-Kampagne in Chicago beendet hatte. "Ich hatte einige Male die Gelegenheit, mit ihm Zeit zu verbringen. Er ist eine tolle Persönlichkeit und man merkte schon damals, dass er eine große Zukunft vor sich hat", sagte Cleavenger. "Er kann seine Botschaft überzeugender vermitteln als jeder andere amerikanische Präsident seit John F. Kennedy". Cleavenger traf auch Hillary Clinton mehrmals während seiner Tätigkeit in Chicago. "Ich halte sie für eine ebenbürtige Konkurrentin, wir brauchen jedoch drastische Veränderungen in den USA und Obama scheint dieser großen Aufgabe eher gewachsen zu sein", findet er. "Ich mache mir jedoch ein wenig Sorgen um Obamas Leben", fügt er besorgt hinzu. Schließlich hätten viele große politische Führer wie Martin Luther King, John F. Kennedy und sein Bruder Robert ihr Leben verloren, trotz ihrer Beliebtheit. "Ich habe Obamas Bodyguards gesehen; er braucht momentan mehr Schutz als Al Gore während seiner Wahlkampagne vor vier Jahren".
Kritische Studenten
Obama wurde gefeiert wie ein Star und hielt eine Rede, in der nicht ein negatives Wort über seine Konkurrenz fiel. Aber es gab auch kritische Zuhörer. Elizabeth Alford ging zu der Rede, um die Unterschiede zu Clintons Programm zu sehen. "Obwohl mich seine offene und ehrliche Art beeindruckt hat, bin ich nicht einverstanden mit einigen seiner Ziele, vor allem seiner Immigrationspolitik", so die Medizinstudentin. Der 19-jährige Lewis Birdseye war von der Rede unbeeindruckt: "Obama hielt seine Rede und verließ hinterher die Stadt, sie war nicht so interaktiv wie die von Clinton". Außerdem kritisierte der Romanistikstudent, dass Obama von einem ehemaligen Airforce-General angesagt wurde, wo doch Frieden eine seiner wichtigsten Botschaften sei.
Unfaire Hilfsmittel
Neben dem ultimativen Obama Wahlspruch "Yes, we can" sah man auch viele Anti-Hillary T-Shirts auf den Straßen mit Spürchen wie "Life is a bitch, don´t vote for one" oder "Bro´s before ho´s". Die politische Meinungsbildung wurde hier offensichtlich stark durch die täglichen Hetzaktionen in den Medien beeinflusst. Kein Tag verging, an dem nicht eines der Gesichter der Präsidentschaftskandidaten zu sehen war. In TV-Spots, auf den Wahlkampf-Postern, in den Tageszeitungen und Magazinen: Obama tanzend in der Talkshow "Ellen" oder Hillarys Gatte Bill, der sich nicht einmal zu schade war, auf einer Hundeshow in Salem (Hauptstadt von Oregon) die Werbetrommel zu rühren. Während Hillary Clinton beim Aufzählen der Kernpunkte ihres Wahlprogramms gleichzeitig das von Obama kritisierte und an seiner Kompetenz zweifelte, glänzte Obama vor allem dadurch, dass er kein schlechtes Wort über seine Konkurrenz verlor. Hier zeigte sich eine eindeutige Strategie von Obama.
Der richtige Wahlkampf kam aber erst in Gang, als im Juli 2008 das Wahlergebnis der Demokraten feststand: Obama war der klare Sieger. Nachdem mein Auslandsstudienjahr im Juni vorbei war, beschloss ich, drei weitere Monate im Bundesstaat Michigan, mitten im Land und angrenzend an Kanada, zu verbringen. Mc Cain hatte sich bis dahin dezent im Hintergrund gehalten. Gleich am nächsten Morgen wurde Mc Cains neuer Werbespot ausgestrahlt und erinnerte von der Art an den von Hillary: Eine Hausfrau, mitte 30, im Businesskostüm spricht in die Kamera: "Jetzt, wo Hillary aus dem Rennen ist, wähle ich McCain und das ist ok, denn die meisten Demokraten wählen ihn jetzt auch".
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Wahlkampf als Realityshow - Teil 1
- Stichwort Politik
- Stichwort Auslandsaufenthalt
- Stichwort Rundfunk & Fernsehen
im weiteren WWW:
- Noir - das junge Magazin der Jugendpresse Baden-Württemberg e.V.
- Jugendpresse Baden-Württemberg e.V.



