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Wahlkampf als Realityshow - Teil 1

Wahlkampf als Realityshow - Teil 1

Die Macht der Masse, die Beeinflussung der Wähler, die Inszenierung von Politik und Wahlkampfkandidaten: Der US-Wahlkampf 2008 war ein schillerndes Beispiel für die moderne Form der Politikvermittlung. Katharina Tomaszewski war zu dieser Zeit in Amerika und live bei den Wahlkampfreden dabei.

 
 

Zehntausend kreischende Studenten und Schüler, Metalldetektoren, bewaffnete Polizisten und eine Marketingmaschinerie wie bei einem Popstar. Massenveranstaltungen mit Sicherheitskontrollen, bei denen nicht einmal eine Wasserflasche erlaubt war, Gastredner, welche mit ihren Anfeuer-Rufen die Massen bis zur Hysterie aufheizten, Scharfschützen auf den umliegenden Häuserdächern, T-Shirt-Wurfaktionen und eine Stimmung wie auf einem Rockfestival - so sah der Wahlkampf 2008 mit Obama, Clinton und Mc Cain aus. Ein hervorragendes Beispiel für den Einfluss von Massenveranstaltungen. Heiße Kampagnen mit Spitzenkandidaten und Massenpublikum auf dem Campus; Was in Deutschland kaum vorstellbar wäre, war hier tägliche Realität. Vor allem das Wahlrennen der  Demokraten erinnerte an eine Reality-Show. Während meines Auslandsstudiums im US-Westküstenstaat Oregon konnte ich das hautnah miterleben. Hillary Clinton, Barack Obama und Bill Clinton haben hier ihre Wahlreden gehalten und ich war dabei.

Allein die Wahlkampfwerbung kostete mehrere Milliarden Dollar. Ein Farbiger und eine Frau, die beide für das Amt des 44. amerikanischen Präsidenten kandidierten, so vielfältig war der Wahlkampf noch nie. Im Vorfeld wurden penibel die Pro- und Kontra-Listen mit Wahlargumenten für die beiden Demokraten gegenübergestellt und heftig diskutiert. "Sieht Obama nicht geil aus?", fragte mich meine Freundin Lisa während der Wahlrede. Darüber hatte ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht, schließlich geht es hier doch um Politik, dachte ich. "Bill, I love you!", schreit mein linker Nebensteher und bester Freund Pierre-Anthony. Der Austauschstudent aus Annecy war bekennender Politik-Junkie. Mir war jedoch neu, dass er auch Männern Liebeserklärungen macht.

Händeschütteln mit Obama

Während ich mich bei Hillarys Rede schüchtern in den hinteren Reihen befand, steigerte sich mein Selbstvertrauen beim Auftritt Obamas; ich drängelte mich durch die Menschenmassen, bis ich nur noch zwei Meter vom jetzigen US-Präsidenten entfernt war. Bei Bill Clinton stellte ich mich bereits am frühen Mittag in die Schlange, so dass ich am Schluss sogar in der ersten Reihe stand. Nach seiner Werberede für Hillary trat er zu der ersten Reihe vor und schüttelte jedem die Hand. In mir kamen noch nie dagewesene Gefühle auf; die große Ehre einem ehemaligen US-Präsidenten die Hand zu schütteln, die aufgeheizte Stimmung und die jubelnden Hände von 2.000 Zuschauern hinter mir. Die Spannung war fast nicht auszuhalten und jedes einzelne Handschütteln schien für mich wie in Zeitlupe zu geschehen.

Auf einmal stand er dann vor mir und reichte mir die Hand. Ich war in diesem Moment wie gelähmt und dachte nur: "Sag jetzt etwas Kluges, dies ist ein einzigartiger Moment und irgendetwas muss du ihm zu sagen haben". Aber es kam einfach nichts aus meinem Hals, zu groß waren die Überwältigung und der Schock über das, was gerade passierte. Pierre-Anthony schrie die ganze Zeit: "Bill, I love you!". Nachdem Bill die Bühne verlassen hatte, suchte ich Lisa und fand sie bei den Rettungssanitätern. Sie war nach der Rede in Ohnmacht gefallen, obwohl sie auch ganz vorne stand und ihm die Hand schütteln wollte. Das stundenlange Warten, der Druck der Massen und die Dehydrierung waren für sie, wie für viele andere, einfach zu viel gewesen.

Auf einmal verstand ich die ganze Hysterie und das Staraufgebot der Präsidentschaftskandidaten. Es gab vor allem unter den Jungwählern viele, die sich nicht selbst informiert hatten und sich einzelnen Gruppen von Wählern angeschlossen hatten. Der Zauber der Massenveranstaltungen überdeckte die mehr oder weniger gleichen Wahlbotschaften bei Hillary und Obama. Die Macht der Massen reichte vielen Schüler und Studenten, um sich eine Meinung zu bilden. Viel Rummel, Aufregung und die Massenhysterie von tausenden von Menschen kann die politische Meinungsbildung stark beeinflussen. Dieses verrückte Verhalten konnte ich, als ich mitten drin stand, plötzlich nachvollziehen.

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