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Balik Ekmek oder Butterbrot?
Disziplin, Sauberkeit, blonde Mädchen und Bier zum Frühstück - fragt man junge Türken in Istanbul nach "den Deutschen", bleibt ein Griff in die Klischeekiste nicht aus. Max Mustermann ist ehrlich, ordentlich und pflichtbewusst. Jeden morgen geht er pünktlich zur Arbeit, abends hilft er beim Abwasch. Als besonders humorvoll gilt Max nicht, aber nach Feierabend gibt er beim wöchentlichen Stammtisch schon mal eine Runde aus. Überhaupt: Bier und Fußball sind seine großen Leidenschaften. Dass Max außerdem gerne Weißwürste isst, sieht man seinem Bauch an. Max Mustermann - der Prototyp eines Deutschen? Was kann typisch sein für ein Land, in dem mehr als 80 Millionen Menschen leben? Und was denkt man in Istanbul über "die Deutschen"?
Wo liegen die Unterschiede?
Sybille Çizenel weiß, wovon sie spricht. Seit gut 25 Jahren lebt sie nun in der Türkei, war mit einem Türken verheiratet und lehrt an der Bosporus Universität Englisch und Deutsch. "In den achtziger Jahren wurde händeringend nach deutschen Muttersprachlern gesucht", erzählt sie. Nach ihrem Studium in Tübingen ist die heutige Lehrbeauftragte deshalb in die Türkei gereist. Mit Vorurteilen wird sie immer wieder konfrontiert: "In Deutschland trinkt man Bier zum Frühstück" oder "Deutsche sind aufrichtig, da weiß man, woran man ist" - Sätze, die Sybille Çizenel oft zu hören bekommt. Die meisten Türken verbänden das Land der Dichter und Denker außerdem mit technischem Fortschritt und modernen Erfindungen. Die Reaktionen auf ihre Herkunft seien bisher durchweg positiv gewesen. "Rassismus habe ich nie erlebt", bekräftigt sie.
Aber was genau unterscheidet Deutsche von Türken? Sybille Çizenel fährt sich durch das Haar und schaut nachdenklich durch die Gläser ihrer roten Brille. "In Deutschland packen wir die Leute viel schneller in Schubladen. Das ist bei den meisten Türken anders." Außerdem gelten in der Türkei andere Begriffsdefinitionen. "Wer sich von dem Grundsatz ‚versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen’ leiten lässt, wird in der Türkei früher oder später eines Besseren belehrt." Sybille Çizenel erzählt: "Wenn dir ein Türke etwas verspricht, dann drückt er damit nur aus, dass er ehrlich und aufrichtig bemüht ist, dir zu helfen." Ob diese Hilfsbereitschaft auch zum gewünschten Resultat führt, sei zweitrangig. Hier zähle nicht das Ergebnis, sondern die Art und Weise, meint die Schwäbin, die sich inzwischen als Teil der türkischen Gesellschaft sieht.
Gemüsehändler statt Supermarkt
Ein älterer Mann ruft etwas von der gegenüberliegenden Straßenseite, Sybille Çizenel dreht sich um und grüßt. Sie hat viele Freunde in der Türkei und weiß die türkische Gastfreundschaft sehr zu schätzen. Könnte sie sich trotzdem vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren? "Später vielleicht, aber nach so vielen Jahren fühle ich mich schon fast als Türkin." Über einen Besuch in der Heimat freut sie sich trotzdem jedes Mal. "Manche Dinge", sagt sie, "vermisst man eben doch." Im Istanbuler Stadtteil Beyolu kann man auf einer der bekanntesten Einkaufsstraßen, der Istiklal Caddesi, schlendern, ehrwürdige Moscheen besichtigen und auf dem Ägyptischen Bazar traditionelle Spezialitäten probieren. Oder aber man schaut nahe der Galata-Brücke den Fischern beim Angeln zu.
So auch Ali Aba. Der 22-jährige Student lebt und studiert im letzten Semester BWL an der Bosporus Universität, einer der schönsten Hochschulen des Landes. Fragt man ihn nach seinem Bild von den Deutschen, so seien diese vor allem eines: sehr diszipliniert. "Bei euch ist alles geregelt, nichts wird dem Zufall überlassen", meint Ali und beißt genüsslich in sein balik ekmek, ein Fladenbrot mit frisch gegrilltem Fisch. In der Türkei, erzählt er, mache man nicht so viele Pläne: "Die meisten Menschen hier leben von einem Tag in den anderen. Keiner spricht davon, was er in fünf Jahren vorhat." Diesen Unterschied sehe man sogar beim Einkaufen: Statt Shoppen im großen Supermarkt, gehen türkische Familien lieber mehrmals pro Woche zum Gemüsehändler um die Ecke.
Gastfreundschaft und Stupsnasen
Aller fehlenden Planungsliebe zum Trotz, hat der BWL-Student Ali schon ein genaues Ziel vor Augen: Sobald er sein Studium abgeschlossen hat, möchte er sich an der London School Of Economics bewerben. Und falls das nicht klappt? "Das wird sich zeigen", meint Ali, wischt sich mit der Hand über den Mund und schaut sich um. Einheimische, Touristen und grellgelbe Taxis drängeln sich über die Brücke. Ab und zu hört man ein Hupen und sieht verschreckte Fußgänger von der Fahrbahn springen. Auch einige Touristen sind unterwegs - darunter auch Deutsche. Die erkennt Ali sofort. "Ich habe einfach ein Gespür dafür", sagt er und lacht. Selbst bei einem Bangladeshi habe er intuitiv auf die richtige Nationalität getippt. Woran er das sieht? Deutsche Touristen seien vor allem an Haar- und Augenfarbe zu erkennen. "Und an den Nasen, die haben immer so einen Schwung nach oben." Ali kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
In der Türkei weiß er vor allem die Spontanität zu schätzen: "Hier kommt es vor, dass man sonntags beim Nachbarn klingelt und sagt: ‚Wir kommen heute Abend zum Essen. Um neun sind wir da’." In Deutschland gelte das als unhöflich. "Dabei macht doch dieses unerwartete Zusammenkommen gerade den Reiz aus!", sagt der 22-Jährige und schüttelt verständnislos den Kopf. Wenn er trotzdem etwas von Deutschland übernehmen würde, so wären es Fahrradwege - "Und die Autobahnen, die sind einfach klasse", nickt er anerkennend.
Ein ganz spezielles Lebensgefühl
Trotz der positiven Seiten, die Ali an Deutschland sieht - alt werden möchte er in Istanbul. Keine andere Stadt habe ihn je so verzaubert, meint er und schaut begeistert auf das Goldene Horn, den Fluss, der durch den europäischen Teil Istanbuls fließt. Istanbul, das sei einfach ein ganz spezielles Lebensgefühl. Und zum Thema Deutschland schließt er weise: "Wahrscheinlich ist das moderne Deutschland viel zu abwechslungsreich und vielschichtig, um es in wenige Worte zu fassen." Ali nimmt noch einen letzten Bissen "balik ekmek" - eines der Dinge, die ihm neben seinem Lieblings-Fußballverein "Galatasaray Istanbul" in Deutschland auf jeden Fall fehlen würden.
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