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extra unterwegs: „Svenjas Reise“ / Folge 7: Dieses Mal nur "Positives"
Hallo Freiburg!
Nach dem letzten Blog, der ja doch etwas bedrückend war, habe ich dieses mal nur Positives zu berichten. Ich bin jetzt schon über eine Woche in der neuen Familie und merke täglich, wie mein Spanisch sich schnell verbessert. Die Familie unternimmt viel mit mir und alles fühlt sich so vertraut an. Ich bin auch gar nicht mehr alleine, das ist schon allein praktisch nicht möglich, schließlich leben wir zu fünft in diesem Haus und so ist immer jemand da.
Mein Zimmer habe ich mir schon eingerichtet, Fotos aufgehängt, alle meine Sachen, die sonst immer in zwei Schubladen gestopft waren großflächig auf MEIN Regal verteilt. Wie schön. Jetzt habe ich auch einen Ort, in den ich mich zurückziehen kann, in dem Privatsphäre herrscht. Auf Privatsphäre legt die Familie großen Wert. Niemand stürmt einfach in mein Zimmer, oder nimmt Sachen daraus, nicht einmal mein kleiner Bruder. Wenn du in das Zimmer von jemandem gehen willst, musst du erst um Erlaubnis fragen. “Permiso“. Das find ich sehr angenehm, denn es ist einfach ein Zeichen von gegenseitigem Respekt. „Permiso“ wird auch verwendet als „Darf ich?“ wenn du einen Stift von jemandem nimmst oder ähnliches.
Ist euch mal aufgefallen, wie viele Formen von Entschuldigungen es im Deutschen gibt? Mir ist das erst klar geworden, als ich diese im Spanischen verstehen wollte. „Permiso“ eben als „Darf ich?“ ist finde ich auch irgendwie eine Art von Entschuldigung, dann „Perdonne“ so viel wie sorry. Ich weiß nicht, aber "Sorry" und "Tut mir Leid" hat ja irgendwie eine andere Gewichtung im Deutschen. "Disculpe“ bedeutet so viel wie Verzeihung oder auch Entschuldigung, wenn du dir deinen Weg durch eine Menschenmenge bahnen willst und „Lo Siento“ ist dann das wirkliche „Tut mir leid“ wenn du etwas kaputt gemacht, oder jemanden versetzt hast.
Ich habe ziemlich viel erlebt in der letzten Woche. Vergangenen Freitag wollte ich eigentlich mit Catalina, einer Freundin zu einer Jongliergruppe gehen, aber die haben wir irgendwie verpasst, deshalb sind wir dann in den Kindergarten gefahren, in dem ihre Mutter arbeitet, um sie zu besuchen.
Also reinmarschieren in den Kindergarten mit den Jonglierkeulen lässig in der rechten Hand und einfach übersehen, dass die kleinen Nachwuchs-Chilenen vor Verblüffung glatt das Spielen vergessen, als da eine „Gringa“ in ihren Kindergarten spaziert. ("Gringa" oder "Gringo" ist eigentlich ein Begriff für Amerikaner, aber die Chilenen nehmens da nicht so genau. Jeder Nicht-Latino ist ein "Gringo“).
In der Gruppe von Catalinas Mutter musste ich dann natürlich mein Können präsentieren und die kleinen waren total begeistert. Nachdem die Keulen und Jonglierbälle durch jede kleine Hand gegangen waren, sie festgestellt hatten, dass man damit Schwertkampf und Hockey spielen kann und dass sich die Bälle auch gut dazu eignen, sie zu werfen, mussten sie nach Hause gehen. Doch die Rotznasen sind einfach nicht gegangen, sie standen vor der Tür, mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken und haben mich angestarrt. Ich kam mir vor wie eine Attraktion auf dem Weihnachtsmarkt. Kinder. Aber ich bin ja froh, ihren kulturellen Horizont schon in so frühen Jahren einfach nur durch meine Präsenz erweitert zu haben.

Am Samstag war Familientag. Gegen zirka halb eins sind wir zu Omi und Opi (oben im Bild) gegangen und haben dort zu Mittag gegessen. Die Häuser der Großeltern sind hier richtige Zentren der Familie. Ein Haufen Onkel war da und meine neue Oma kocht soo gut!Nach dem leckeren Mahl sind wir wieder aufgebrochen, wohin hatte ich nicht richtig verstanden. Umso schöner war die Überraschung, als ich mich in einem riesigen Bingospiel wiedergefunden habe. Wir waren in einer Schule - der katholischen Jungsschule am Rande bemerkt – deren Abschlussklasse dieses Event für ihre Abschlussfahrt organisiert hatte. Also strömten Jung und Alt in diese Schule in der Hoffnung, etwas zu gewinnen. Ja und dann wurde Bingo gespielt. Manche hatten zwei oder drei Bingotafeln vor sich, andere wollten wirklich systematisch gewinnen und hatten einen ganzen Tisch mit Bingotafeln für sich alleine. Die Tafeln waren aus Holz, mit runden Feldern für die Nummern und wenn die Zahl augerufen wurde, konnten wir das Fensterchen zuschieben. Meine Schwester Coni war die Glückliche und hat eine riesige Torte gewonnen.Also mussten wir bis ganz am Ende bleiben, um den Preis abzuholen. Die Familie war ganz schön perlplex, als wir mit dem riesigen Ding danach wieder bei den Großeltern aufgetaucht sind. Das gute Stück hat eine Woche gehalten. Hmm, que rico!

Bild oben: Cousine Pia und ihre kleine Schwester Ignacia
Am Sonntag sind wir auf Fest gegangen, das sich „18 Chicos“ nennt. Ich habe gefragt, warum es so heißt, aber das weiß keiner. Heißt nunmal so.
Dort gab es ganz viele klassische chilenische Spiele und gaanz viel gegrilltes Fleisch. Ein chilenisches Spiel, das ich natürlich auch einmal ausprobieren musste, ist sehr simpel. Du musst Ringe werfen und das Ziel ist es, den Ring um den Hals einer Hardalkoholflasche zu werden, wenn du das schaffst, darfst du die Flasche behalten. Ich habe nicht getroffen und habe mein Glück dann lieber beim Glücksrad mit den Süßigkeiten versucht. Da hatte ich mehr Glück.
Diesen Freitag war „Feliz Dia de profesores“, der Tag, an dem die Lehrer gefeiert werden. Und - wir kennen ja die Lehrer- natürlich gab es an diesem Tag keinen Unterricht. Wir hatten erst um halb zehn Schule, aber meine Schwester und ich waren wie viele andere schon viel früher in der Schule, um den Klassenraum zu schmücken und alle haben etwas mitgebracht. So hatten wir letztendlich fünf Torten und jede Menge Chips zu verdrücken. Als die Profs dann endlich kamen, ist ihnen erst einmal jeder Schüler in die Arme gefallen, Küsschen auf die rechte Backe und „Feliz dia, Miss“ Ja, in unserer Schule müssen wir alle Lehrer Miss, oder Mister nennen. Wir reden sie mit Miss an und dem Vornahmen, aber das macht jede Schule individuell. In der Nobeliusschule nennen sie die Lehrer „Tia“ oder „Tio“, das bedeutet so Onkel und Tante.
Hier gibt es auch eine Deutsche Schule. Das ist die teuerste Schule der Stadt – teurer als die Universität. Dort müssen sie die Lehrer doch tatsächlich Onkel und Tante nennen. Ich habe schon mal angemerkt, dass in Deutschland niemand seine Lehrer mit Onkel und Tante anspricht, aber das ist nicht wichtig.
Nach diesem gelungenen „Essen bis zum Platzen“ und der anschließenden viel zu langen Zeremonie in der Turnhalle durften wir nach Hause gehen und ich hatte auch schon etwas vor: Daniel, ein Freund, den ich auf den Bildungsdemos beim Jonglieren kennengelernt hatte, und ein anderer Freud der Jongliergruppe holten mich mit dem Auto ab und wir sind zu einer Schule gefahren, in der es eine Zirkus-AG gibt und Daniel und zwei andere Freunde sind da die Betreuer. Die Jugendlichen da hatten ganz schön was auf dem Kasten und ich habe eine Menge gelernt.
So um sechs Uhr hat sich die Gruppe aufgelöst und ich habe mich dem Rest angschlossen, die meinten, sie würden noch in eine andere Schule zum Jonglieren gehen. Wir sind eine Ewigkeit durch die Kälte gestapft und dann haben mich dir guten direkt in eine besetzte Schule geführt. Erst war ich ein bisschen irritiert und dann nur noch am Staunen. Am Eingang saßen ein paar Jugendliche und haben geraucht - in der Schule - und ihre Zigarettenstummel haben sie auf dem Schulboden ausgetreten. Überall war Unordnung und es war schwer vorstellbar, dass hier mal Schulalltag geherrscht hat. Wir sind eine Treppe rauf, vorbei an ein paar Emos- auch rauchend - und in das Klassenzimmer ganz am Ende des Ganges gelaufen. Das Klassenzimmer war klein und in einer Ecke lagen vier Matratzen, auf denen drei Mädchen saßen, eine mit einem Laptop auf dem Schoß. Ein Punk mit Iro stand jonglierend in der Mitte des Raumes und in einer anderen Ecke standen ein paar Gitarren. Dieses Klassenzimmer war ein Wohnzimmer geworden. Später sind wir in die Eingangshalle gegangen, um dort zu jonglieren. Dort waren auch ein paar Kinder und ein Hundewelpen, der noch etwas unsicher auf seinen Beinchen stand. Hier war auch Alltag eingekehrt. Der Alltag einer besetzten Schule und ihrer Bewohner. Chilenischer Bildungsstreik hautnah.
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