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extra unterwegs: „Svenjas Reise“ / Folge 2: Abreise in München und Ankunft hinter den Anden
Jetzt ist es genau eine Woche her, dass ich die Heimat verlassen habe und gen Ferne gezogen bin. Bevor es in den Flieger ging, musste ich erst mein Visum bekommen. Ich weiß zwar nicht warum, aber das Chilenische Konsulat in München verlangt, dass man es persönlich abholt. Das bedeutete für uns, also meine Familie, meine zwei besten Freundinnen und mich sehr früh aufstehen, da das Konsulat nur bis ein Uhr mittags geöffnet hat - und ohne Visum kein Chile–Flug.
Meine Eltern scheuchten uns schon um 4 Uhr aus dem Bett und ab ins Auto. Lange Fahrt. Frühstück an einer bayrischen Tankstelle. Weiterfahren. 11:30 in München. Konsulat suchen. Finden. Warten. Warten. Warten.
Irgendwo zwischen noch da und noch nicht weg
Die ganze Prozedur lief wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich war irgendwo im Niemandsland zwischen noch da und noch nicht weg, ich bewegte mich im Nebel. Zwischen Lachen und Weinen. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es war so emotional und wog wie ein Bleigewicht auf meinen Schultern. Noch hatte ich meine Liebsten (fast) alle um mich geschart und doch waren sie nur da, um mich zu verabschieden.
Das Visum abzuholen verlief stressfrei und nun blieb uns noch fast ein ganzer Tag in München. Wir haben meine Cousine getroffen und sind von Café zu Café gezogen, bis es endlich zum Flughafen ging. In meinem Kopf war immer noch verankert, das sei ja nur ein Tagestrip und ich würde gleich wieder mit den anderen ins Auto steigen. Dass der Moment des Abschieds jetzt endlich gekommen war, hatte ich immer noch nicht begriffen. Einchecken. Verabschieden. Sicherheitskontrolle. Weg. Einfach weg, jetzt war ich alleine mit meinem Handgepäck und einem flauen Gefühl im Magen. Doch ich war nicht alleine. Um mich herum war eine ganze Schar von Gleichgesinnten,alles ebenfalls Schüler mit demselben Bauchgefühl wie ich, deshalb war alles nicht so schlimm.

Der Flug war lang. Sehr lang. Und auch im Flieger war dieses dumpfe Leeregefühl nicht aus meinem Kopf zu kriegen. Dreizehn Stunden saßen wir im Flieger nach Sao Paulo und weitere vier nach Santiago. (Und wir sind über die Anden geflogen: Siehe Bild oben) Dort wurden wir am Flughafen schon von AFS–Betreuern erwartet und in den Bus zum "Orientationcamp" gesetzt - dort bekommen Austauschschüler erst mal eine Art Einweisung für das kommende Jahr. Mehr als den Blick aus dem Busfenster konnten wir aber leider nicht von Santiago erhaschen, denn wir waren etwas außerhalb untergebracht und durften alleine keinen Fuß vor die Tür setzen.
Oh freuet euch,wenn ihr Heizungen habt
Um das Orientationcamp zu beschreiben, bedarf es genau einem Wort: Kalt. Oh freuet euch,wenn ihr Heizungen im Zimmer habt. Auch, wenn ihr sie gerade wahrscheinlich beim besten Willen nicht braucht, so ist allein die Gewissheit beruhigend. Das Haus, in dem wir untergebracht waren, war riesig, die Räume groß und zugig und die Fensterscheiben dünn wie Papier. In den Aufenthaltsräumen gab es Holzofen und im Essraum eine mickrige Heizung. In den Zimmern gab es keine Heizungen und ich bin total erschrocken, als ich auf meinem knarzenden und wackelnden Stockbett nicht mal eine dicke Decke fand, nur einen Stapel Wolldecken. Die mussten wir über uns schichten, denn Daunendecken gab es nicht. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es in Santiago normalerweise nie schneit und es im Sommer um die 30 bis 40 Grad hat. (Derzeit ist das Wetter eher schlecht, siehe Bild unten)

Wir haben uns auf Englisch verständigt, denn die Leute auf dem Vorbereitungskamp kamen aus der ganzen Welt. Viele Norweger und Schweden waren da, ein paar Dänen und sehr viele Italiener. Die Deutschen kannte ich ja schon vom Flughafen. Alle in diesem Camp waren etwas angespannt. Es war kalt und wir waren vom vielen Fliegen total übermüdet, doch es war ja nun mal Freitagmittag, als wir ankamen und so mussten wir "arbeiten". Wir lernten die Besonderheiten in Chilenischen Haushalten kennen, die Feste und Feiertage und wie wir mit dem Geld umzugehen haben. Ich fühle mich immer sehr reich, wenn ich hier in Chile einkaufen gehe, denn ein Euro sind zirka 700 Pesos - siebenhundert! Allerdings muss man für eine Zahnbürste auch 1.795 Pesos bezahlen - wie gewonnen so zerronnen.

Am Sonntag flogen wir dann endlich weiter nach Punta Arenas (im Bild oben: Meine Straße). Eine Deutsche, eine Österreicherin und ein Italiener waren mit mir unterwegs und langsam wuchs unsere Aufregung, wer uns dort am Flughafen erwarten würde gehörig.
Welcome, Bienvenue, Willkommen Svenja!
Das Flugzeug landet. Aussteigen. Laufen. Koffer holen. Knie zittern ein wenig. Ignorieren. Laufen. Und - Oh, welch Freude! So viele Menschen drängten sich an die Glasscheibe am Ausgang und ein Mädchen kämpfte sich zur Scheibe durch mit einem Schild über dem Kopf: „Welcome, Bienveue, Willkommen Svenja“

Meine Familie (die Gastmama seht ihr im Bild oben) nahm mich gleich herzlich in ihre Mitte und ich wurde von Arm zu Arm gereicht und Küsschen hier und Küsschen da... Die Chilenen geben ständig Küsschen. Nur einen auf die Backe, immer wenn sie sich treffen und wenn sie sich wieder verabschieden.
Kaum war ich in meinem neuen Heim, wurde ich erst mal von einer Grippe niedergestreckt. Wie auch anders, hier unten ist es unerträglich kalt. Ich friere immer, die ganze Zeit und habe immer, wirklich immer kalte Füße. Also mussten wir statt dem zweiten Schultag gleich mal ins Krankenhaus. Nicht erschrecken, so schlimm war die Grippe nicht, aber hier scheint es keine Hausärzte zu geben. Man fährt eben in die Klinik, wenn man zum Arzt will.
Auch die Schule ist ein Abenteuer. Doch davon schreibe ich das nächste Mal, denn ich habe mich mit ein paar Klassenkameraden (Bild unten: Meine Klasse) verabredet und die holen mich jede Minute ab...

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