weltweit
extra religion: Gott ist wie ein Spiegel
„Mein intensivstes Erlebnis in Nepal war ein siebentägiger Marsch im Himalaya. In 3000 Metern Höhe bin ich dann zu einem Rebellenstützpunkt gekommen. Zuerst habe ich das gar nicht registriert, verlassene Bergdörfer hab ich schließlich schon einige gesehen. Doch dann haben mich 10 vermummte Männer mit Kalaschnikovs umkreist. Sie wollten Zoll.“
Auf der Suche
Michael Bierbaum war sieben Monate im Mittleren Osten unterwegs, trampte durch Nepal, Indien und Pakistan. „Was ich dort erlebt habe, hat meine Seele gereinigt, mir wieder Lebensmut gegeben.“ Den Lebensmut habe er verloren, sagt Michi, wie er sich selbst vorstellt. Nach einem Selbstmordversuch war der 22-Jährige einen Monat lang in einer Psychiatrie. Wie es soweit kommen konnte, darüber spricht Michi offen. Dennoch scheint es ihm nicht leicht zu fallen, seine Geschichte zu erzählen. Die blauen Augen wirken entspannt, trotzdem zittern seine Hände als er von seinem Vater erzählt. „Es war schwierig zu Hause. Mein Vater ist Alkoholiker und wenn ihm etwas nicht gefallen hat, wurde er wütend auf mich und meine Mutter. Er war oft wütend.“ Hier bricht Michi ab, doch in seinen Augen erzählt sich die Geschichte zu Ende. Nicht aufgeben, hat sich der gebürtige Österreicher immer wieder gesagt.
Nach dem Abitur hat er vier Jahre lang Kraftfahrzeugbau studiert und dann doch aufgegeben. „Ich hatte einfach keine Lust mehr.“ Er hatte eigentlich nur noch ein Jahr Studium vor sich. Im Anschluss folgte eine Ausbildung zum medizinischen Masseur. „Auch das wollte ich irgendwann nicht mehr machen. Ich konnte einfach nicht mehr. Dann bin ich abgestürzt; ich wollte einfach nicht weiterleben." Doch gleichzeitig war der Versuch, sich das Leben zu nehmen auch die Chance für einen Neuanfang. "Ich bin froh, dass der Versuch mein Leben wegzuwerfen, nicht funktioniert hat. Plötzlich wollte ich wieder leben, ich wusste nur nicht wie.“ Antworten fand Michi in einem buddhistischen Kloster in Österreich, wo er eine Zeit lang lebte. Dort hat er gelernt, sich von seinen Zwängen zu befreien, loszulassen und seinen eigenen Weg zu gehen. Für Michi führte er in den Mittleren Osten, ein Gebiet, das ihn schon seit seiner Kindheit faszinierte.
Dann haben mich die Rebellen zum Tee eingeladen.
Dort hätten ihn die Rebellen vielleicht erschossen, wenn er den Zoll nicht gezahlt hätte. Außerdem war er alleine. Einen Sherpa, einen Führer durch die Bergpässe, konnte er sich nicht leisten. Der hätte ihm vielleicht übersetzen können, was die Vermummten zu ihm sagten. Dann passierte etwas, womit Michi nicht gerechnet hätte. „Sie luden mich zum Tee ein. Einige Stunden saßen wir zusammen, haben süßen Tee getrunken und uns mit Händen und Füßen unterhalten. Ich hatte keine Angst mehr.“ Anschließend ging er auf den Gipfel, 5500 Meter hoch. „So etwas Schönes hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich musste weinen. Seit langem habe ich mich wieder lebendig gefühlt.“
Sieben Monate ist er von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt gefahren, hat Lebenswelten kennengelernt, die ihm fremd waren und ihn doch faszinierten. Auf einem Kamel ist er durch die Wüste geritten, im Ganges geschwommen und den Dalai Lama getroffen. „Ich habe so viele wahnsinnige Dinge gesehen, so viel Freundlichkeit erfahren. Überraschendes wie Menschen, die sich vor mir niedergekniet haben und mich anfassen wollten, weil sie noch nie einen Weißen gesehen haben. Aber auch Erschreckendes: Alte und Kranke, die auf der Straße leben und nicht wissen, ob sie die nächsten Wochen überleben werden oder Kinder, die Kleber schnüffeln um sich von ihrer Armut abzulenken.“
Ohne Karte unterwegs und doch am Ziel angekommen.
Für Michi sind diese Erlebnisse nebensächlich. „Natürlich war es eine unvergessliche Erfahrung, aber jede Reise geht vorbei. Doch eines kann mir niemand mehr nehmen: meine Lebenskraft und meinen Glauben. Einen Glauben, an mich selbst.“ Michi war fast immer alleine unterwegs, ohne Karte und ohne zu wissen, wo er am nächsten Morgen sein würde. Das gab ihm genügend Zeit um nachzudenken. Er selber hatte kaum Geld dabei, kein Hotel also, wo er übernachten konnte. Auf vieles hat er in dieser Zeit verzichten müssen. Aber gerade dadurch hat er Eines gelernt. „In Indien heißt arm sein noch lange nicht unglücklich sein. Leider hat das Geld in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert, man braucht es, um glücklich zu sein. Im Mittleren Osten herrscht ein ganz anderes soziales Gefüge, der Familienzusammenhalt ist viel stärker und gleichzeitig ist jeder sein eigener Meister.“ Sein eigener Herr sein, das ist es, was Michi geholfen hat, seinen Lebenswillen zurück zubekommen. „Der Schlüssel zum Glück liegt nicht in einem Lehrer oder einer Religion, die dir den Weg vorschreibt, sondern in uns selber.“ Er hat für sich ein völlig neues Bild von Gott entdeckt. „Wenn ich sage, ich glaube an Gott, glaube ich eigentlich an meine eigene Projektion. Gott ist wie ein Spiegel von mir selbst. Ein Idealbild, das meine Wünsche und Träume reflektiert und mir einen Sinn gibt, weiterzumachen und an mich selber zu glauben.“
Ein Fazit
Für Michi sind die Religionen, die er hautnah erlebt hat, das Christentum, der Islam und der Hinduismus, zu starr. „Sie entwickeln sich nicht weiter und tappen auf der Stelle, obwohl sich der Mensch doch ständig verändert.“ Er will lieber frei sein, frei von all den Zwängen seiner Vergangenheit. „Ich habe jetzt verstanden, wie lebenswert das Leben ist und will nun für andere Menschen da sein.“
Um seine Mitmenschen kümmert sich Michi nun seit acht Monaten. Er unterstützt verschiedene Nichtregierungsorganisationen, spendet und macht Mitgliederwerbung: für die Menschenrechtsorganisation Amnesty, den Weißen Ring, der Opfern von Kriminalität hilft und verschiedene Umweltorganisationen wie Global 2000 oder den BUND, mal in Wien, Berlin oder München. Sein Lebensmotto: „Ich habe bewusst keines. Das würde mich nur einschränken.“ Und die Zukunft: Eine Ausbildung vielleicht, Studium und Familie? „Pläne mache ich schon lange nicht mehr. Dazu ist zu viel passiert. Außerdem: was kommt, das kommt.“
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Alle Artikel zum extra religion
- Stichwort Auslandsaufenthalt
- Stichwort Interkulturelle Begegnungen
- Der Bereich Reisen in den Jungen Seiten.
- Fragen zum Thema Ausland? Stellt sie im Forum im Bereicht Weltweit. Hier stehen euch Experten Rede und Antwort.
im weiteren WWW:


