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Nach dem Abitur: ab ins Ausland – ein Jahr in Indien

Nach dem Abitur: ab ins Ausland  – ein Jahr in Indien

Bereits seit längerer Zeit hatte ich den Entschluss gefasst, direkt nach dem Abitur für ein Jahr nach Südindien, ins Land der heiligen Kühe, zu reisen, um dort einen Freiwilligendienst über den ICJA (Internationalen Christlichen Jugend Austausch) durchzuführen. Hier berichte ich über meine Erfahrungen.

 
 

Namaskara - Die Begrüßung

Der erste Aufenthaltsort war erst einmal Bangalore, das „Silicon Valley“ Indiens. Für eine Woche trafen sich dort alle Freiwillige aus den verschiedensten Ländern, um dort am obligatorischen Vorbereitungscamp teilzunehmen. Es wurde über verschie­dene Aspekte, wie z.B. Kultur, Traditionen, Religionen, Essen, Kleidung und Verhal­ten aufgeklärt. Jedermann zeigte großes Interesse und es wurden viele Freund­schaften geschlossen, da wir alle die gleichen Interessen verfolgten. Allerdings trennten sich nach einigen Tagen unsere Wege, und jeder war bereit sein ihm zuge­teiltes Projekt zu starten.
Mein Einsatzort war Ramanagaram, eine Stadt mit ca. 500 000 Einwohnern. Für In­dien ist das erstaunlicherweise eine ziemlich kleine Stadt. Sie ist zwar nur 48 km von Bangalore entfernt, doch müssen mindestens zwei Stunden Busfahrt in Kauf ge­nommen werden, um dort hinzugelangen. Meine Gastfamilie holte mich in Bangalore ab. Bei unserer ersten Begegnung glitt mir nur ein schüchternes „Namaskara“ über die Lippen, eine übliche Begrüßung, bei der die Gegenüberstehenden ihre Hände in Brusthöhe senkrecht aneinanderlegen und ein leichtes Kopfnicken vollführen. Mit dem Bus starteten wir anschließend in Richtung Ramanagaram. Diese Fahrt wird für mich ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Die hintersten Sitzreihen sind absolut nicht zu empfehlen, da die Kombination aus schlechte Straße und harte Federung etliche unfreiwillige Luftsprünge zur Folge hatte.
Kaum angekommen, ging es weiter mit der Rikscha, einem dreirädrigen, luftverpes­tenden Vehikel, das sich mit einem tu­ckernden Geräusch und Vollgas durch die engsten Wege quetschte. Nach zehnminü­tiger Fahrt auf holpriger Stecke erreichten wir mit der vollbepackte Rikscha endlich mein neues Zuhause.

Die Unterschiede zu Deutschland sind schon enorm

Meine Gastfamilie wohnt in einer harmoni­schen Familiengemeinschaft, bestehend aus den Gasteltern, ihrem Sohn sowie des­sen Frau und den Großeltern. Bereits am ersten Tag fiel mir auf, wie anders doch alles im Gegensatz zu meinem Leben in Deutschland war. Hier wird mit den Fingern gegessen, zum Frühstück gibt es schon scharfen Reis und ich befinde mich unter wirklichen Frühaufstehern, wobei fünf Uhr morgens keine Seltenheit ist. Nach ein paar Tagen war deutlich zu erkennen, dass der Alltag in der Familie immer gleich ist. Da meine Gastfamilie dem Glauben der hinduistischen Religion angehört (80% der gesamtindischen Bevölkerung sind Hin­dus!), leben sie streng nach deren Regeln und Traditionen. So befindet sich bei­spielsweise in jedem Hindu-Haus ein kleiner Altar mit dem Bild der verehrten Gott­heit. Mindestens einmal täglich wird ihm mit dem Umhängen von Blumengirlande, dem Entzünden von Räucherstäbchen und einer kleinen Andacht gehuldigt.

Meine neue Arbeitsstelle - Die Schule

Nun aber zu meiner Arbeit. Ich arbeite als Freiwillige in einer Pri­vatschule, namens „Pavithra Rastriya Vidyalaya“, in welcher mein Gastvater zugleich der Di­rektor ist. Die Schule trägt diesen besonderen Namen zu Ehren der einzigen Tochter der Gastfamilie, welche vor neun Jahren verstor­ben ist.
Der erste Eindruck der Schule war für mich sehr schockierend. Zum Schulbeginn um zehn Uhr versammeln sich alle Schüler in einheitlicher Uniform und stellen sich wie eine Armee in Reih und Glied auf. Stehen dann endlich alle still, wird auf Kommando gemeinsam die heimische Nationalhymne gesungen und anschlie­ßend gebetet. Die wichtigsten Nachrichten aus der Regionalzeitung werden darauf­hin der gesamten Schülerschaft vorgelesen, jedoch nicht in Englisch oder Hindi, wel­che die Haupt­sprachen Indiens sind, sondern in „Kannada“, der Sprache des Dist­rikts. Zuletzt wird noch kontrolliert, ob alle Fingernägel sauber sind und dann mar­schiert jede Klasse zum Unterrichtsbeginn in ihr Klassenzimmer.
Die Schule unterteilt sich in den L.K.G (Lower Kinder Garten), den U.K.G. (Upper Kinder Garten) und die Klassenstufen eins bis neun, die sich aus drei bis dreißig Schülern zusammensetzen. Insgesamt haben wir hier eine Altersspanne von drei bis dreizehn Jahren. Die Schule besitzt leider nur das Notwendigste zum Unterrichten, d.h. es gibt keine Elektrizität, stattdessen armselige Räume, in denen manche Schüler keinen richtigen Arbeitsplatz besitzen und deshalb auf einfachen Bänken oder gar auf dem Boden sitzen müssen. Ihre Knie nutzen sie hierbei als Schreibun­terlage. Es mangelt leider auch etwas an der Belegschaft der Lehrer und die Klassen müssen sich teilweise selbst beschäftigen. Mitunter ist deshalb (wie auch in Deutschland) eine sehr große Unruhe in den Klassenzimmern.

Bestrafungen in der Schule gibt in Deutschland zum Glück nicht mehr...

Ich unterrichte Englisch- und Mathegrundkenntnisse, nebenbei etwas Deutsch. Aber auch Tests schreiben und Hausaufgaben korrigieren gehören zu meinem Aufgaben­gebiet. Ich vermittle auch noch einfache Lieder, Tänze oder Spiele. Im Gegenzug bekomme ich „Kannada“ Nachhilfeunterricht, bei dem ich die Sprache und auch die Schrift lerne. Hierbei sollte man wissen, dass das Alphabet des Kannadadialekts aus kompli­zierten Symbolen besteht.
Mein Arbeitstag endet gewöhnlich um 17:00 Uhr, nachdem die letzten Schüler, nach einer Art Hausaufgabenbetreuung, mit dem Bus ab­geholt werden.
Das Bildungssystem unterscheidet sich dras­tisch von dem unsrigen. Die meiste Zeit wird nur „copywriting“ praktiziert und auch für bevorste­hende Prüfungen werden gerade die vorher unterrichteten Stunden auswendig gelernt.
Was nicht verschwiegen werden sollte, sind die Bestrafungen! Hat z. B. ein Schüler die Hausaufgaben vergessen oder schläft er im Unterricht ein, so wird er von seinen Mitschülern verpetzt. Sanktionen für solch ein Fehlverhalten sind entweder Schläge mit dem Stock auf die Hände oder mit einem Buch auf den Kopf. Beliebte Strafen sind allerdings auch Strafrunden mit ei­nem Kind Huckepack. Üblich sind auch Fesselung, die den Kindern große Schmerzen und Isolation durch Zurschaustel­lung bereiten.

Der Alltag in Indien

Wenn samstags der Halbtagsunterricht endet, heißt es für mich entweder ab nach Bangalore, um mich im Internet zu vergnügen (in Ramanagaram ist der Begriff Internet noch et­was unbekannt), oder es gilt alltägliche Dinge, wie z. B. Wa­schen, zu erledigt. Wie jeder sich vorstellen kann, geht das hier ganz einfach! Es genügen ein Eimer, Wasser, Seife, Bürste, Waschstein, Armkraft und viel Geduld. Könnt ihr euch vorstel­len, was ein Waschstein ist? Wenn man sich selbst duschen möchte, ändert sich nicht besonders viel. Ich denke, es gehört nicht viel Einbildungskraft dazu, sich einen Eimer als einzige Duschmöglichkeit vorzustellen. An das kalte Wasser gewöhnt man sich in Ermangelung von warmem Wasser ziemlich schnell, außerdem hilft es beim Wassersparen.
Der übliche Gang zur Toilette könnte einigen Schwie­rigkeiten bereiten, es gibt zumeist nur „Plumpsklos“. Ist mal kein Klopapier parat, greift man gezwungenerma­ßen auf die indische Methode zurück. Wasserkrug in die rechte Hand, säubern mit der linken. Händewa­schen wird danach niemand vergessen! Die linke Hand gilt hier deshalb als unrein, da sie traditionell als Ersatz für Klopapier genutzt wird. Zur Begrüßung, zum Essen oder zur Annahme von Geschenken sollte diese auch tunlichst nicht benutzt werden.
Bei der Kleidung und dem Aussehen können weitere kleine Probleme auftreten. In der Schule sollte ich möglichst immer knöchellange Hosen oder Röcke tragen und meine Haare gekämmt und zusammengebunden tra­gen. Bauch und Arm dürfen problemlos gezeigt werden, was man an der traditionel­len Frauenkleidung, dem Sari, betrachten kann. Ungewohnt erscheint für den ein oder anderen auch, dass viele Männer hier Röcke, sogenannte Lungis, tragen. Durchaus üblich ist ebenso das Händchenhalten zwischen Männern, man sollte dies aber nicht falsch verstehen, hierbei handelt es sich nur um ein Zeichen der Freund­schaft.

So habe ich mich ein Jahr lang ernährt

Im Süden stellt der Reis das Grundnahrungsmittel Nummer eins dar und er wird grundsätzlich scharf gewürzt. Das Essen wird mit den Händen eingenommen. Das „Spülmittel“ für die Essensutensilien stellt reine Asche dar. Anfänglich konnte ich mir das gar nicht vorstellen, aber die Praxis zeigt, es klappt wunderbar. In meiner Gast­familie essen wir meistens vegetarisch, wobei hier eine sehr große Vielfalt von Ge­müse und Salaten zur Auswahl steht. Ganz selten gibt es auch einmal Fleisch. Hier­bei lässt die Auswahl leider sehr zu wünschen übrig. Die Fleischportion besteht zum größten Teil aus Haut und Knochen. Wir essen natürlich auch keine Kuh.

Die Vorurteile über Indien

Apropos Kuh! Wie jedermann weiß, ist die Kuh in Indien ein heiliges Tier. Ich hinter­frage mich jedoch öfters, wie heilig denn die Kuh den Indern ist. Meist sieht man Tiere abgemagert durch die Straßen streunen, in der Hoffung in den Abfallhaufen etwas Essbares zu finden.
Als Frau nimmt man in Indien eine stark benachteiligte Stellung ein und die Ge­schlechtertrennung spielt noch eine große Rolle. Beim Gepäcktragen wird einem nie geholfen, auch ein gerade freigewordener Sitzplatz wird natürlich wie selbstverständ­lich von einer männlichen Person eingenommen. Für Frauen ist es keine Seltenheit, dass sie wie ein Tier im Zoo angestarrt werden.
Viele dieser Aspekte treffen jedoch hauptsächlich in den ländlicheren Gegenden von Indien zu. Kommt man hingegen in größere Städte, findet man teilweise eine sehr westliche Vorstellung.
Das Bild vom Lumpen tragenden und verkrüppelten Bettler gehört ebenfalls zum klassischen Indienbild. Diese Armut zeigt sich auch an meinem Aufenthalts­ort. Viele Kinder betteln um Geld und Essen, jedoch musste ich lernen, dies auch zu ignorieren, da sich alleine mit Almosen nicht die Welt verbessern lässt.
„Indian Stretchable Time“. Wer sich etwas länger in Indien aufhält, merkt schnell, dass Geduld in Indien GROSS geschrieben wird, wobei aus einer Stunde Stunden und aus einem Tag Tage werden können.

Einen Kulturschock der extremen Art in Indien zu erleben ist keine Seltenheit. Man sollte viel positives Denken, Geduld und innere Gelassenheit mit sich bringen.

Nichtsdestoweniger ist mein soziales Jahr in Indien
Interessant
eine Neue Welt
über Dimensional
Irreal
Erlebnisreich
uNvergesslich


Mit indischen Grüßen verabschiedet sich
Anjuli Götzelmann
Namaskara

Ein Artikel aus "Financial t('a)ime", Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.

Weiterführende Links:

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

  • Financial t('a)ime, Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.
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