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Europareise - Teil 1

Europareise - Teil 1

Ihr wollt mit auf eine Reise durch Europa? Prag, das Hip Hop Kemp in Hradec Králové und Warschau - so heißen unsere ersten drei Stationen der Europareise. Ziel unserer Tour ist es möglichst viele andere Kulturen und Menschen kennenzulernen und natürlich eigene, spannende Erfahrungen zu machen. Ob uns das gelungen ist?

 
 

Mein neugieriger Geist weckte schon früh die Reiselust in mir. Schon immer träume ich davon meinen kleinen Heimatort zu verlassen und die Welt zu entdecken: Raus gehen, alle Eindrücke in sich aufsaugen, Menschen aus anderen Ländern, Kulturen mit ihren ganz eigenen Geschichten kennen lernen, Erfahrungen sammeln, die überall in der weiten Welt verborgen liegen und mich und mein Leben bereichern - mir die Welt näher bringen.

Genau das war es was mich keine Sekunde zögern ließ als ich die Pläne meiner Freunde hörte mit dem Rucksack durch Europa zu ziehen. Da musste ich mit: Raus gehen und die Welt entdecken, angefangen mit Europa.

So standen ich und vier Freunde wenige Wochen später am Bahnhof mit unseren Tickets zur Welt – naja, eigentlich zu Europa - in der Hand. Die Rucksäcke umgeschnallt durften wir uns jetzt stolz „Interrailer“ nennen. Das Abenteuer „mit dem Zug durch Europa“ konnte also losgehen.

Zwischenstopp: Prag

Nach sieben Stunden, die wir uns mit Nickerchen, Spielen und den ersten Bierchen unserer langen Reise vertrieben hatten, fuhr unser Zug Prag ein. Mit Hilfe unseres Reiseführers gelangten wir ziemlich schnell an unser Hostel. Angekommen, eingecheckt, geduscht und weiter ging's: Erst einmal essen und dann einen Blick in die Hostel eigene Bar werfen. Dabei erstaunten uns nicht nur die billigen Preise. Viel eindrucksvoller waren die verschiedenen Persönlichkeiten, die die Bar füllten. Wenige Sekunden später fanden wir uns an einem Tisch voller junger, reiselustiger Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern in angeregte Gespräche verwickelt wieder. Die Offenheit mit der man sich dort begegnete verblüffte mich. Jeder war neugierig auf die Herkunft, Erlebnisse und Reisepläne der anderen. Es herrschte eine Atmosphäre voll von Unbeschwertheit und Neugierde.

Das Nachtleben in der Hauptstadt Tschechiens

Mit dieser Stimmung im Gepäck machten wir uns los, um die umliegenden Bars und Clubs zu erkundigen. Schließlich landeten wir in einem Szeneclub, der alles noch viel unwirklicher erscheinen ließ. Wörter wie „stylisch“ oder „avantgardistisch“ wären untertrieben um die Gestalten, die die Tanzfläche schmückten zu beschreiben: Ein Mädchen im Stewardess-Dress gekleidet, ein Prager Junge mit Afro und Hornbrille im 70er Look, ein anderer tanzt mit Flieger-Sonnenbrille in dem sowieso schon ziemlich düsteren Raum. Ist das die Prager Untergrundmode? Voll von diesen Eindrücken gingen schließlich ins Bett, um am nächsten Tag den Zwischenstopp in Prag vorerst zu beenden und ausgeruht das nächste Ziel anzusteuern:

Die erste Station: Das Hip Hop Kemp in Hradec Králové

Als die Reiseroute in etwa stand - „erst in den Osten und dann Richtung Norden“ - und wir hörten, dass das Hip Hop Kemp während unserer geplanten Reisezeit in der Nähe von Prag statt finden würde, war sofort klar, dass dieses zu einer Station unseres Trips werden würde. Das bedeutete natürlich einiges an Zusatzgepäck – Zelte, Schlafsäcke, Isomatten... Aber wie es der Zufall so wollte hatte eine aus unserem Fünfergespann Bekannte, die sich mit dem Auto auf den Weg zum Hip Hop Kemp machten. So hatten wir nicht nur das Glück, dass wir einen Zeltplatz freigehalten bekamen und eine „Rückfahrgelegenheit“ für unser Zusatzgepäck fanden, sondern wir wurden auch gleich freundlich empfangen und lernten sehr interessante Menschen kennen. Anders als geplant war leider nur noch Platz für eines unserer beiden Zelte, so dass es sich zwei der Jungs im Vorzelt bequem machen durften.

Das Festival

Kaum angekommen zogen wir dann auch schon los um das Festivalgelände zu erkunden. Neben der Mainstage fanden wir einige Hangar vor, die abends von den unterschiedlichsten Musikrichtungen erfüllt werden sollten. Alles in allem herrschte eine lockerere und natürlichere Atmosphäre als wir es von den großen Festivals in Deutschland kannten. Dementsprechend fehlte aber auch „die deutsche Gründlichkeit“, so dass das mit vielen unbekannten Namen beschriebene Line-up dem Chaos zum Opfer wurde und wir leider nicht alles zu sehen bekamen. Die Qualität des Festivals litt jedoch keinen Falls unter der Organisation: Wir genossen nachmittags die Sonne auf dem der Mainstage gegenüberliegenden Hügel, während wir jazzigen Hip-Hop-Klängen lauschten und tanzten abends im strömenden Regen mitten in der tobenden Menge zum schwedischen Mainact oder folgten den Old-School-Hip-Hop-, Dancheall-, Reggae- oder UK-Grime-Beats der DJs und DJanes, die die Turntables in den Hangars heiß laufen ließen.

Wenn die Lautsprecher der Bühnen morgens noch ruhten, saßen wir in unseren Campingstühlen unter dem Pavillon, ernährten uns von Konserven und lernten unsere Zeltnachbarn besser kennen, wobei die Wiese nach und nach mit Bierdosen „befliest“ wurde. Alles in allem war das Hip Hop Kemp ein berauschendes Erlebnis für Ohren und Seele und ein gelungener Auftakt unseres Trips durch Europa.

Zweite Station: Prag und diesmal wirklich!

Das erste Schnuppern in Prag hatte uns alle richtig neugierig gemacht, so dass wir gespannt dem ersten richtigen Aufenthalt entgegen blickten. Diesmal wollten wir die Stadt erkunden, all die schönen Gebäude, Statuen und vor allem aber auch die Burg. Erschöpft vom vergangenen Wochenende beschlossen wir uns den von unserem Hostel empfohlenen Fremdenführer zu gönnen.

Nach dem Frühstück wurden wir also von Paul, einem gebürtigen Briten, in unserem Hostel abgeholt und begaben uns auf eine Expedition durch die Geschichte dieser wundervollen Stadt. Zu Fuß bewunderten wir die historischen Gebäude, während Paul uns die geschichtlichen Hintergründe aufführte, allen voran die zahlreichen Fensterstürze, und uns mit witzigen Anekdoten unterhielt. Mit britischem Humor erzählte er uns von den Verteidigungsversuchen der tschechischen Bevölkerung zu Zeiten des „Prager Frühlings“: Um die Stadt vor der damals bevorstehenden Invasion der Sowjets zu schützen, haben die Bewohner Straßenschilder verdreht, übermalt oder entfernt, so dass die Panzer erst nach einer mehrstündigen Irrfahrt ihr Ziel erreichten. In der Stadt angekommen hielt die Verwirrung der Roten Armee allen Anschein nach noch an, denn sie eröffnete das Feuer auf das Nationalmuseum, das mit großen Lateinischen Lettern auch als solches gekennzeichnet ist (!), in der fälschlichen Annahme es sei ein Parlamentsgebäude.

Ein erlebnisreicher Tag geht zu Ende

Pauls Geschichten machten den langen Weg vom Wenzelsplatz, über die Altstadt, das Judenviertel und die Karlsbrücke bis hin zur Burg zu einem unterhaltsamen Erlebnis. Den Abschluss der Sightseeingtour bildete der majestätisch wirkende Veitsdom. Die Fenster der gotischen Kathedrale faszinierten mit atemberaubender Glasmalerei, aber vor allem auch mit einem Firmenlogo, das zwischen den biblischen Motiven schimmerte. Wie uns Paul aufklärte gehört dies zu einer örtlichen Bank, die Sponsor der neuen Fenster war.

Den Rest des Tages erkundeten wir auf eigene Faust die Stadt, bummelten durch Läden und schnüffelten in Museen. Als die Sonne unterging kamen wir erschöpft im Hostel an und begaben uns mit unserem Gepäck auf den letzten Fußmarsch in Prag in Richtung Hauptbahnhof. Dort erwarteten uns schon unsere frisch gemachten Betten im Nachtzug nach Warschau...

Zwischenaufenthalt: Erlebnis Nachtzug


Eine enge Kabine, sechs Betten auf gefühlten zwei Quadratmetern, jeweils drei übereinander, über der Tür ein kleiner Stauraum für das Gepäck und ein kleines Fenster gegenüber der Tür - das war unser Schlafgemach für die fünfte Nacht unserer Reise. Nicht geräumig, dafür aber gemütlich – das Richtige nach einem anstrengenden Tag auf den Beinen. Glücklich darüber sich nicht mehr bewegen zu müssen – bzw. zu können – breiteten wir unsere Schlafsäcke aus und ließen den Abend mit Musik, Fressalien und einem Gute-Nacht-Bier in den Betten ausklingen. Unsere Erschöpfung sorgte dafür, dass wir uns von der Enge nicht weiter beirren ließen.

Schließlich war es nicht die Räumlichkeit, sondern der ominöse Schaffner, der uns zu kurz zu bedenken gab. Nach wenigen Minuten Fahrt forderte er zunächst einmal in gebrochenem Englisch unsere Personalausweise und Zugtickets ein, die er, wie wir nach langem Rätseln herausfanden, über Nacht aufbewahren würde. Nach anfänglichem Zögern blieb uns schließlich nichts anderes übrig als ihm unsere Papiere für die Nacht zu überlassen. Wenig später beehrte er uns wieder, um nach einer Zigarette zu fragen, die er gerne zusammen mit einem Bier genießen würde, wie er uns erklärte. Auf dem Weg zum Bad fanden wir ihn auch nur wenige Kabinen weiter an, wie er beides genüsslich konsumierte. Als wir kaum später auf dem Rückweg wieder bei ihm vorbei kamen, mussten wir überrascht feststellen, dass unser Schaffner mit dem Bier in der Hand über seinem Buch eingenickt ist. Mit ähnlicher Gelassenheit fanden auch wir schließlich zur Ruhe und unsere Müdigkeit bescherte uns einen ruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen weckte uns ein ausgeschlafener Schaffner. Munter gab er uns unsere Papiere zurück, während es draußen noch dämmerte. Anders als der Schaffner wären wir gerne noch liegen geblieben. Leider blieb uns aber nichts anderes übrig als aufzustehen, denn in wenigen Minuten würden der Zug an der nächsten Haltestelle ankommen: Warschau Hauptbahnhof.

Dritte Station: Warschau

7:00 Uhr, Warschau Hauptbahnhof. Eine Gruppe Jugendlicher irrt wahllos durch die Gänge, Treppen und Haltestellen des Bahnhofsareals.
Vermutlich lag es an unserer Müdigkeit, dass wir nach unserer Ankunft erstmal die Orientierung verloren. Voller Tatkraft marschierten wir zielsicher in Richtung Bushaltestelle, wo wir laut Reiseführer den Bus zu unserem Hostel finden würden. Dort angekommen mussten wir jedoch verstört feststellen, dass wir keinerlei Zloty in den Taschen hatten. Somit begaben wir uns nochmal in die Irrgänge des Warschauer Bahnhofs, um Geld zu wechseln. Wieder zahlungsfähig warteten wir auf den richtigen Bus und fuhren in Richtung Hostel – naja, fast: Nach etwa drei Haltestellen wurden wir etwas stutzig, bis wir bemerkten, dass wir prompt in die entgegengesetzte Richtung gefahren sind. Aber auch das rüttelte uns noch nicht richtig wach. Nachdem wir dann mit dem richtigen Bus in die richtige Richtung bis zur richtigen Haltestelle gefahren sind, konnten wir unser Hostel nicht finden. Schließlich benötigten wir noch fünf Minuten Durchfragen, sieben Minuten Laufen und drei Minuten Straßenschilder Lesen bis wir an unserem Hostel ankamen, dass lediglich 100 Meter von der Bushaltestelle entfernt lag.

Kurzerhand lieferten wird das Gepäck ab, machten uns frisch und beschlossen nach dem Sightseeing-Marathon des Vortags und der kurzen Nacht einen „Chill-Out-Tag“ einzulegen. Mit einer Stadtkarte, die im Hostel auslag, bewaffnet stand dem nicht mehr im Weg.

Wir begonnen den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück in einem Kaffee, schickten anschließend ein paar Grüße nach Hause, flanierten über die Einkaufspromenade, stöberten in Plattenläden und genossen die Sonne bei einem Picknick im Grünen. Am Abend lernten wir während der Happy Hour in der Hostelbar ein paar Engländer kennen, mit denen wir nach ein paar Bier die Nachtclubs der Gegend erkundeten.

Die Deutsch-Polnische Geschichte

Am zweiten Tag in Polen wollten wir dann endlich die Schönheit und Sehenswürdigkeiten der Stadt entdecken, was zu einer Reise durch die deutsch-polnische Geschichte wurde; angefangen in der Altstadt. Die prächtigen Gebäude und Kirchen wurden während des Zweiten Weltkriegs größten Teils von der Wehrmacht zerbombt. Mit zahlreichen Spendengeldern wurden sie nach Ende des Krieges fast vollständig rekonstruiert, so dass sie wieder im alten, bunten Glanz strahlten. Historisch gesehen, blieben wir in derselben Zeit, als wir einen Rest der Warschauer Ghettomauer besichtigten. In einem Hinterhof versteckt, war dieser nicht nur schwer zu finden, sondern wurden dem Mauerrest dort auch wenig Achtung zugesprochen, so dass der Ort nicht die historische Bedeutung ausstrahlte, die er im Grunde besaß. Der nächste Besichtigungspunkt auf unserer Liste dahin gegen, trieb uns die Ehrfurcht in den Körper. Das Denkmal zu Ehren der jüdischen Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto, an welchem Willy Brandt seinen berühmten Kniefall machte, implizierte nicht nur das Schrecken des Zweiten Weltkriegs, sondern gleichzeitig den Wandel der Ostpolitik in den 60er Jahren, die zu der Entspannung zwischen Ost und West beitrug. Mit diesem Erlebnis endete unser Streifzug auf den Spuren der deutsch-polnischen Geschichte in Warschau. Jetzt war es wieder an der Zeit die Rucksäcke aufzuschnallen, um an den Ort zu reisen, wo die Gräueltat der Deutschen begann: auf nach Danzig!

Ein Artikel aus "Financial t('a)ime", Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.


Weiterführende Links:

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

  • Financial t('a)ime, Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.
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