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"Ich wollte den Weg bewusst erleben"
Warum bist du nach Taizé geradelt?
Ich habe viele Freunde, die eine Woche in Taizé verbracht haben. Je mehr ich von Taizé erfahren habe, desto öfter habe ich gedacht: Boah, da musst du auch mal hin! Ich denke, es war einfach die Begeisterung, mit vielen Jugendlichen aus aller Welt zusammen zu treffen und sich über den Glauben auszutauschen. Einige Kirchentage habe ich besucht und ein CVJM-Festival (Christlicher Verein Junger Menschen).
Weshalb bist du mit dem Rad nach Taizé gefahren und nicht wie die meisten mit einem Busunternehmen?
Zum einen ist da die Begeisterung fürs Radfahren. Zum anderen wollten wir vier den Weg bewusster erleben. Mit dem Bus geht das nicht so intensiv. Schon auf dem Hinweg haben wir Taizé-Lieder gesungen, abends im Zelt. Auf dem Rückweg haben wir dann aber mehr gesungen. Mein Lieblingslied ist „Fiez-vous en Lui“. Der Text lautet: „Vertraut auf Ihn, fürchtet euch nicht, der Friede Gottes wird eure Herzen bewahren. Vertraut auf Ihn. Halleluja, halleluja.“ Mir gefällt die Aussage des Textes, nämlich dass Gott uns helfen wird, wenn wir auf ihn vertrauen. Es gibt keinen Grund, sich zu starke Sorgen zu machen.
Warum war die Ankunft in Taizé nach acht Tagen Radtour erst mal ein Schock?
Der Kontrast zur Reise war sehr stark. Die meiste Zeit waren wir zu viert unter uns gewesen und bei der Ankunft waren erst mal 3000 andere Leute. Ein Schock war auch, dass von ihnen so viele Deutsch gesprochen haben und es nicht so international war, wie wir erwartet haten.
Was hat dir in Taizé am besten gefallen?
Die Kirche und die Gebete, die den Tagesrhythmus prägen, haben mir am besten gefallen. Nach den Andachten bin ich oft in der Kirche geblieben, um meine Gedanken zu ordnen. Wenn man nach Taizé kommt, muss man sich darauf einstellen, dass es kein Liegestuhlurlaub ist. Es ist sinnvoll, jeden Tag zu den drei Andachten zu gehen, es ist einfach ein wichtiger Teil des Gemeinschaftslebens.
Jeder übernimmt eine Gemeinschaftsaufgabe, wie Essen verteilen oder für Ordnung und Sauberkeit sorgen. Ich habe in der Kirche gesaugt, die Liederbücher geordnet und die Kerzengläser gereinigt. Diese Arbeit habe ich mir ausgesucht, weil die Kirche ein so zentraler Ort ist. Ich wollte sehen, wie die Kirche abseits der Gebete aussieht.
Was hat dir Taizé gebracht?
Am meisten hat es mir geholfen, meine Gedanken in Ordnung zu bringen. In Taizé und auf der Radtour konnte ich Abstand vom Alltag gewinnen und abschalten. Ich habe überlegt: „Wo sind die Punkte, wo es nicht zu 100 Prozent läuft? Wo sind Dinge, die ich aktiv in meinem Leben ändern will?“ Auch die Bibelgespräche waren toll. Zusammen mit einem Bruder bespricht man in einer Kleingruppe Bibelstellen. Manchmal habe ich mich am Nachmittag hingesetzt, um einfach über die Themen nachgedacht. Auch die Workshops haben mir Anstöße gegeben. Einer hieß „Wie erkenne ich den Ruf Gottes?“. Ein Ordensbruder hat erzählt, dass die Erwartung, dass Gott in unserem Leben spricht, weit verbreitet ist. Wir wünschen uns, dass er sagt: das und das sollst du tun. So einfach ist das aber nicht. Gott lässt uns leben, er lässt uns erst im Nachhinein erleben, wie unser Leben auszusehen hat. Wir sollten nicht so stark darauf bedacht sein, auf den großen Ruf Gottes zu warten, sondern darauf, in kleinen Schritten ohne Erwartung der riesigen Dinge, aber im Vertrauen auf Gott, im Leben voranzuschreiten.
Was ist in Taizé anders beim Beten und beim Umgang mit der Bibel?
Das Beten fällt leichter. Man kann sich besser auf sich selbst konzentrieren. Man betet dort anders, auch weil dort nicht so viele Gedanken auf einmal sind. Zu Hause hat jeder so viele Dinge wie Studium und eben den Alltag, den man nicht so schnell ablegen kann.
Generell gehe ich gerne in die Kirche. Ich sehe Kirche nicht als christliche Pflichterfüllung, sondern als Ort der Freundschaft. Man kann in die Kirche gehen, wie wenn man einen Freund besucht. Glaube ist etwas Persönliches. Für mich ist es wichtig, auch zu Hause in der Bibel zu lesen. Wenn ich jetzt in der Bibel lese, versuche ich, die Stelle mindestens zwei Mal zu lesen und einen Vers rauszusuchen, der mich jetzt gerade anspricht. Nach meinem Aufenthalt in Taizé bin ich in Freiburg einem Hauskreis beigetreten, um auch weiter mit anderen über Bibelstellen zu sprechen.
Was hast du in der Woche in Taizé zu schätzen gelernt?
Das einfache Leben habe ich zu schätzen gelernt und den einfachen, gleich bleibenden Tagesrhythmus. Es lässt viel Platz, um sich mit dem Glauben und sich selbst auseinander zu setzen. Nach Taizé habe ich mir drei Tage Zeit genommen, um die Erlebnisse einwirken zu lassen. Meine Gedanken habe ich weiter gedacht und eine Collage für mich erstellt. Ich will versuchen, alles in den Alltag zu tragen. Generell bin ich einen Tick ruhiger geworden. Ich bemühe mich, nicht zu viel auf einmal zu machen. Dinge möchte ich bewusster machen. Mein Versuch ist, Körper und Geist gleichzeitig am selben Ort zu haben, so gut wie es geht.
Warum sollten Jugendliche Zeit in Taizé verbringen?
Nirgends anders kann man so schnell Geschwindigkeit aus seinem Leben nehmen. Man nimmt sich Zeit zum Nachdenken und überlegt, was einem im Leben wichtig ist. Es ist sozusagen eine Neuordnung von Prioritäten. Im Prinzip ist man in dem kleinen Ort Taizé von der Welt abgeschnitten. Es gibt zwar Internet dort, aber davon habe ich mich fern gehalten. Sonst schaue ich jeden Tag nach Mails. Mein Handy hatte ich dabei, aber immer ausgeschaltet. Das fällt in Taizé gar nicht schwer.
Fährst du noch mal zu dem französischen Wallfahrtsort?
Auf jeden Fall möchte ich noch mal nach Taizé, dann gerne bei besserem Wetter. Ich kann jedem empfehlen, offen zu sein für das Abenteuer Taizé – mit oder ohne Fahrrad.
Dieser Artikel stammt aus fudder, der Internetinformationsplattform für lokale Themen aus dem Raum Freiburg.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Alle Artikel zum extra religion
- Stichwort Religion / Kirche
im weiteren WWW:
- fudder - Neuigkeiten aus Freiburg
- Das Online-Angebot der Badischen Zeitung
- Mehr Informationen über Taizé


