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Freund oder Feind?
"Was ist denn das?", fragte Rokko seine Spielkameraden.
"Was meinst du?"
"Wo denn? Ich sehe nichts."
"Da draußen, das große Boot."
Einige junge Pinguine watschelten zu Rokko hinauf. Rokkos bester Freund Pitty brauchte mehrere Anläufe; immer wieder verlor er auf dem glatten Untergrund den Halt. Oben herrschte große Aufregung. Noch nie waren ihnen die Menschen so nah gekommen.
"Das ist aber ein riesiges Boot!"
"Jetzt macht doch nicht so ein Theater", sagte Pitty. "Das hatten wir doch schon öfters. Und meistens sind die Boote eh nur vorbeigefahren."
"Ich weiß nicht. Sollten wir vielleicht den anderen Bescheid sagen?", fragte Rokko unsicher.
Immer wieder wanderte sein Blick zu dem Boot. Kam es überhaupt näher?
"Wir behalten das Boot im Auge, und wenn es näher kommt, können wir immer noch die anderen warnen", schlug Pitty vor.
"Hey!"
Rokko traf ein Schneeball am Kopf. Pitty grinste ihn an.
"Na warte, das bekommst du zurück!"
Abendessen
Später am Abend saßen Rokko und seine Freunde beim Essen. Die Männer hatten mehrere große Fische gefangen; es gab reichlich zu essen.
"Hey, Rokko! Wieso isst du denn nichts? Schau mal, sooo viel Fisch!", rief Pitty.
Pitty hatte schon Unmengen an Fisch verschlungen und machte keine Anstalten, damit aufzuhören.
Rokko konnte das Boot einfach nicht vergessen. War es richtig, den anderen nichts davon zu erzählen?
"Hey, Pitty, meinst du nicht, wir sollten wenigstens unseren Eltern von dem Boot erzählen? Ich weiß nicht ... Es hat ja vielleicht nichts zu bedeuten, aber was ist, wenn doch?", fragte Rokko.
"Ich hab eine Idee! Wir schauen morgen früh erst mal, ob das Boot überhaupt noch da ist. Sollte es immer noch da sein, können wir ja mal hinschwimmen und es uns genauer anschauen."
"Pitty! Du weißt ganz genau, dass wir das nicht dürfen! Es könnte sonst was passieren."
"Ach, komm, reg dich doch nicht so auf! Wolltest du nicht schon immer mal wissen, wie so ein Boot von innen aussieht? Und die Menschen werden uns schon nichts tun. Nur ein kleiner Ausflug. Falls es gefährlich wird, hauen wir ab."
"Ich weiß nicht. Ich will keinen Ärger bekommen."
"Wieso solltest du denn Ärger bekommen? Es muss doch keiner etwas davon erfahren.“
Pitty griff nach einem weiteren Fisch und schlang ihn hinunter.
Ausflug mit Hindernissen
Mit den ersten Sonnenstrahlen machten sich Rokko und Pitty am nächsten Morgen auf den Weg zum Schiff. Rokko hatte die ganze Nacht gehofft, das Schiff wäre weg.
"Sieh mal, Rokko, da ist das Boot. Na los, lass uns hinschwimmen!", rief Pitty.
Bevor Rokko etwas erwidern konnte, war Pitty schon ins kalte Nass gesprungen. Mit einem flauen Gefühl im Magen sprang Rokko hinterher. Es würde schon nichts passieren.
Je näher sie dem Boot kamen, desto größer wurde es. Bis es sich schließlich gewaltig vor ihnen auftürmte. Rokko und Pitty waren beeindruckt. Geschwind kletterten sie auf das Boot und landeten auf dem Deck. Das Boot war komplett aus Metall, das an einigen Stellen schon rostig war. Ein kalter Schauer lief den beiden über den Rücken. Dies war alles andere als ein behaglicher Ort.
"Das ist wirklich beeindruckend.", sagte Rokko erstaunt.
"Lass es uns erkunden. Ich bin gespannt, was wir finden."
Pitty lief hastig los, als könnte er gar nicht schnell genug alles anschauen.
"Guck mal hier. Was ist denn das?"
Plötzlich schrie Pitty und verschwand aus Rokkos Blick. Dieser rannte sofort hinter ihm her.
"Pitty?! Was ist los?"
Rokko sah gerade noch, wie Pitty auf einer schwarzen Flüssigkeit ausrutschte. Pitty versuchte sich festzuhalten. Dabei riss er sich an einer Harpune ein Stück seiner Flosse aus. Er schrie erneut auf und rutschte schließlich vom Boot.
"Pitty!"
Rokko sprang hinterher. Im Wasser sah Rokko nur eine rote Wolke. Er schwamm darauf zu und hoffte, dass Pitty noch lebte. Schließlich erreichte er Pitty und zog ihn an seinem Schnabel an die Wasseroberfläche.
"Rokko … Ich ... Was ist denn passiert?", murmelte Pitty benommen.
Plötzlich vernahm Rokko hinter sich ein auffälliges Plätschern. Ein Seehund. Er hatte wohl das Blut gewittert. Sie mussten an Land! Nur so hatten sie eine Chance. Der Seehund war schnell. Verzweifelt schwamm Rokko um sein Leben. Doch sie hatten keine Chance.
Und dann hörte er dieses Geräusch. Es war eine Art Rauschen, gefolgt von einem seltsamen Geruch, der stark an die schwarze Flüssigkeit vom Boot erinnerte. Rokko erkannte aus dem Augenwinkel ein Motorboot mit einem oder zwei Menschen darauf. Der Seehund erschrak und schwamm in die Tiefe des Meeres davon.
Es war nicht mehr weit bis zur Küste. Rokko versuchte den Schmerz in seinem Schnabel zu ignorieren, der durch Pittys Gewicht immer stärker wurde. Meter für Meter kämpfte er sich durch das Meer, bis sie endlich die Küste erreichten. Das Motorboot wendete kurz vor der Küste und fuhr in die Ferne.
Er warf sich in den kalten Schnee und blieb regungslos liegen. Pittys Blut färbte den weißen Schnee tiefrot.
„Pitty?! Was ist denn passiert? Pitty!“, hörte Pitty noch eine Stimme sagen.
Dann wurde alles schwarz.
Das Erwachen
Pittys Kopf schmerzte fürchterlich, doch die Schmerzen seiner rechten Flosse waren stärker. Was war bloß passiert? Er versuchte die Augen zu öffnen, aber so grelles Licht blendete ihn.
Das Boot, der Sturz, dann der Seehund. Jetzt fiel ihm alles wieder ein. Endlich schaffte er es, seine Augen zu öffnen. Sein Blick wanderte zuerst zu seiner rechten Flosse und er sah das Blut.
Als er sich aufrichtete, kam seine Mutter zu ihm.
„Pitty, endlich bist du wach! Was ist denn bloß passiert? Was ist mit deiner Flosse? Meine Güte, Pitty, ich hatte solche Angst!“
„Ich … ich weiß nicht. Irgendwie, da war ein Seehund und Wasser. Und dann war da noch dieses komische Geräusch. Aber wo ist Rokko? Oh Gott, oh Gott, ich bin an allem schuld. Ich muss sofort zu ihm!“
„Beruhige dich doch, Pitty! In deinem Zustand kannst du jetzt nirgends hin. Außerdem geht es Rokko gut. Er ist bei seiner Mutter. Sie hat euch beide bewusstlos an der Küste gefunden. Du blutest ja. Wie ist das passiert, Pitty?“
„Ich glaube, es war der Seehund. Wahrscheinlich hat er mich erwischt.“
Das Ende mit Schrecken
Am nächsten Morgen, als sich Rokko einigermaßen von dem Schock erholt hatte, machte er sich auf den Weg zu Pitty.
„Hey, Pitty, hast du Lust, ein bisschen spazieren zu gehen?“, fragte Rokko.
„Ja, klar. Gerne.“
„Sag mal Pitty, sollten wir den anderen nicht doch von dem Schiff erzählen?“
„Nein! Das können wir nicht machen! Bestimmt finden sie dann heraus, dass wir auf dem Schiff waren. Was meinst du, was es dann für ein Donnerwetter gibt?! Nein, wir behalten das Ganze für uns. Dass ich mich verletzt habe, war meine eigene Schuld. Die Menschen sind keine Gefahr für uns!“
„Aber was, wenn doch? Was ist, wenn sie einen Angriff auf unsere Kolonie planen? Ich kann das nicht verantworten.“
„Willst du etwa alle in Panik versetzen?“
„Wieso denn Panik? Ich finde, die anderen haben ein Recht darauf, von dem Boot zu erfahren.“
„Es wundert mich sowieso, warum die anderen es noch nicht bemerkt haben. Die unternehmen bestimmt nur nichts, weil sie ganz genau wissen, dass nichts passieren kann.“
„Ich weiß nicht …“
„Komm schon, vertrau mir doch einmal!“
„Na gut! Aber nur, wenn wir sofort Bescheid sagen, falls noch mal was passiert!“
„Jaa, jaaa …“
Während sie auf dem Eis watschelten, gab Rokko plötzlich einen aufgeregten Laut von sich und blieb wie angewurzelt stehen. Jetzt sah Pitty es auch: Am Ufer wurde Rokkos Vater in einem Netz von einem Menschen zum Boot getragen.
„Rokko …“, sagte Pitty, „wir müssen etwas unternehmen, schnell!“
„Ich gehe jetzt sofort zu den anderen und erzähl ihnen alles. Oh mein Gott, mein armer Vater … Was haben die bloß mit ihm vor?“
„Wir müssen ihm sofort helfen.“
„Okay, hol du die anderen. Ich behalte so lange die Menschen im Auge.“
Pitty watschelte so schnell er konnte zu den anderen. Vor Aufregung fiel er noch öfter hin als sonst.
Rokko nahm all seinen Mut zusammen und rutschte bäuchlings den Hügel hinunter.
Noch bevor der Entführer etwas ahnen konnte, rutschte ihm Rokko schon in die Fersen. Vor Schreck ließ der Rokkos Vater fallen. Dieser wirkte erst benommen von dem Sturz, verstand dann aber ganz schnell die Lage und konnte sich aus seinem Netz befreien. Der Mensch erholte sich von seinem Schreck schneller als gedacht. Blitzschnell packte er Rokko und seinen Vater und wütend trug er sie zum Boot. Rokko und sein Vater pickten und zappelten wie verrückt, doch es war hoffnungslos.
„Rokko! Was tust du denn? Wieso hast du dich nicht in Sicherheit gebracht? Meine Zeit wäre sowieso bald gekommen!“, sagte Rokkos Vater vorwurfsvoll und aufgewühlt.
„Aber Vater! Hätte ich denn einfach zusehen sollen, wie sie dich mitnehmen?!“
Ehe sie sich versahen, wurden sie auf dem Boot in eine Kiste geworfen, aus der sie nicht fliehen konnten. Um sie herum war alles dunkel.
„Das haben wir jetzt davon. Wir sind beide gefangen.“
„Oh nein, was machen wir denn jetzt?“
Aufgeregte Männerstimmen drangen durch das Holz zu ihnen durch. Die Menschen schienen etwas zu planen.
Plötzlich hörten sie die lauten Rufe der anderen Pinguine. Pitty! Er hatte es geschafft. Es gab einen kräftigen Ruck. Das Boot schien zu kippen. Und tatsächlich! Als die Kiste im Wasser landete, löste sich der Deckel und Rokko und sein Vater konnten fliehen. Sie schwammen ein Stück hinaus aufs Meer. Dann blickten sie zurück zum Boot. Dort sahen sie einige anderen Pinguine, die die Menschen mit Schneebällen abwarfen und einige, die im Wasser auf die Menschen einpickten.
„Rokko! Wir haben es geschafft!“ Pitty kam auf Rokko zugeschwommen „Du hättest uns sehen müssen! Die haben wir besiegt! Also: Ich bin so schnell, wie ich konnte, zu den anderen. Zum Glück haben sie mir alles geglaubt und sind mir sofort zur Küste gefolgt. Dann standen wir oben auf dem Eisberg. Einer nach dem anderen sind wir losgesprungen, auf dem Bauch ins Wasser gerutscht und dann zu euch geschwommen.“
„Aber … aber das Boot? Wie konntet ihr uns befreien?“, fragte Rokko verwundert.
„Wir haben uns alle unter dem Boot versammelt und sind dann gemeinsam mit aller Kraft von unten gegen das Boot geschwommen, um es zu kipppen. Die Idee kam übrigens von mir.“, fügte Pitty stolz hinzu.
„Dass so etwas funktioniert, kann ich einfach nicht glauben“, meinte Rokkos Vater.
„Los, Jungs, auf zu den anderen, um die Menschen zu vertreiben!“
Sie halfen den anderen Pinguinen mit Schneebällen, fliegenden Eisschollen und Schnabelattacken, bis auch der letzte Entführer reglos in den Tiefen des Meeres versank.
Das Fest
Am selben Abend war ein riesengroßes Fest auf dem gekenterten Boot. Es gab so viele Fische wie noch nie, denn durch die Essensvorräte der Menschen im Wasser wurden Unmengen von Fischschwärmen angelockt. Alles verlief bestens und es gab lautes, freudiges Geschnatter und Geklatsche für die mutigen Helden. Und irgendwann war Pitty so vollgefressen, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und mit einem zufriedenen Lächeln um seinen Schnabel einschlief.
Dieser Artikel entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt der Klasse 10 am Königin-Charlotte-Gymnasium Stuttgart-Möhringen.
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