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Gib mir ein Zeichen

Gib mir ein Zeichen

Gib mir ein Zeichen von Mensch zu Mensch. Denn ich habe ein Recht darauf. Ein Recht darauf gesehen zu werden, beachtet und geachtet zu werden. Schenke mir ein Lächeln, schenke mir ein Wort. Denn es kostet dich nichts, außer ein bisschen Mut und vielleicht etwas Zivilcourage.

 
 

Man hört und liest tagein tagaus über die Liebe zum Nächsten, des Menschen Rechte, die Hilfe zur Selbsthilfe, das Brot für die Welt, denn es sei genug für alle da. Doch wo bin ich da? Wie weit reicht die gesellschaftliche Verantwortung eines rechtschaffenen Bürgers, eines guten Mitmenschen?

Fünf Schülerinnen und Schüler der Klasse 11b des Königin-Charlotte-Gymnasiums in Stuttgart-Möhringen haben im Namen ihrer sozialen Verantwortung ein Zeichen gesetzt. Mit Unterstützung der Jugendstiftung Baden-Württemberg im Rahmen des Bundesprogramms „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" haben sich Maike Bernert, Daniel Bonk, Annalena Ehmann, Kevin Ferson und Alexander Goltz mit der Thematik der Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit im deutschsprachigen Raum, mit Schwerpunkt auf Stuttgart, auseinandergesetzt. Die Ergebnisse wurden durch ein Zeitzeugeninterview als Filmmaterial und durch eine Projektzeitung  „Projekt Obdachlosigkeit/ Wohnungslosigkeit" dokumentiert.

Projektvorstellung im Gemeindehaus

Am Abend des 25. Februars 2010 präsentierten die Jugendlichen ihr Interview im Gemeindehaus der Versöhnungskirche in Degerloch. Zu Beginn wurde das Publikum auf die Differenzierung zwischen Obdachlosen und Wohnungslosen hingewiesen. Obdachlose seien Menschen, die direkt auf der Straße lebten, wohingegen ein Wohnungsloser keinen eigenen Mietvertrag besitze und bei Verwandten oder Bekannten, in betreuten Wohnformen oder in einer Wohnung, deren Mietvertrag über die Caritas läuft, lebe.

Das Interview im Film

Der Film ermöglichte dem Publikum einen ganz persönlichen Zugang zu einer Thematik, an der man sonst gerne unmerklich vorbeischleicht. Ein junger, sympathischer Mann sitzt in zurückhaltender Pose zweien der Schüler gegenüber. Ein Mensch wie du und ich. Nein, nicht ganz, die Lebensbedingungen seiner Kindheit und die Erfahrungen seiner Jugendzeit kann sich unser eins wahrscheinlich nur vage vorstellen. Sein Leben lang habe er die kranke Mutter pflegen müssen, die Erziehung erfolgte durch harte Strafmaßnahmen und ließ an jeglicher, liebevoller Zuwendung fehlen. Durch unverantwortliche Handhabung der Finanzen, habe es häufig an Essen und anderen grundlegenden Utensilien zur Lebenserhaltung gefehlt. Für die Kindheit oder Jugend habe es eben keine Zeit gegeben. Auf die Frage, "was ist Glück für Sie?", antwortet er erst nachdenklich, dann etwas zögerlich: „Glück ... habe ich selten gehabt, eher Pech."

Ursachen von Wohnungsverlust

Die Ursachen für den Verlust eines Dachs über dem Kopf liegen häufig im privaten Bereich durch die Beendigung einer Liebesbeziehung oder im Berufsleben durch den Verlust des Arbeitsplatzes. Kommt hierbei noch das Fehlen eines gesicherten, sozialen Netzes durch Familie, Freunde und Bekannte hinzu, ist das Leben auf der Straße nicht mehr weit entfernt. Besonders Eingewanderte sind dieser Gefahr weitaus häufiger ausgesetzt, wie uns auch der türkisch stämmige Zeitzeuge berichtete.

Nach seiner Ankunft in Deutschland habe er acht Tage auf dem Flughafen verbracht. Um Geld oder Nahrung gebettelt habe er nicht, da es ihm unangenehm gewesen sei. Vorerst habe er nicht gewusst, wohin er sich wenden solle, da ihm der Informationszugang gefehlt habe. Erst über Bekanntschaften konnte er die kurze Zeit der Obdachlosigkeit überwinden und sich mit Hilfe der Caritas ein Obdach sichern.

Inzwischen hat sich der junge Mann nach Ausbildungsstellen umgesehen und besitzt inzwischen zumindest eine hoffnungsträchtigere Vorstellung seiner zukünftigen Möglichkeiten.

Die Situation in Stuttgart

Aufgrund herausragender Arbeit verschiedener Hilfsorganisationen sind in Stuttgart derzeitig nur 50 Obdachlose polizeilich gemeldet, in Hamburg sind es 2500. In Stuttgart-Nord hilft die evangelische Kirche, für Stuttgart-Süd und -Mitte zeigt die Caritas ihren Einsatz, während die Obdach- und Wohnungslosigkeit in Stuttgart-Ost und den Neckarvororten in den Zuständigkeitsbereich der ambulanten Hilfe fällt. Leider ist der Ausbau des Informationszugangs über relevante Anlaufstellen noch nicht gänzlich ausgeschöpft. Die Polizei beispielsweise gibt keine Auskunft über Kontaktdaten der diversen Hilfsorganisationen in Stuttgart.

Neben Einrichtungen wie „Caritas" für Jugendliche und Kinder, „Mara e.V. Lagaya" für suchtmittelabhängige Frauen, dem „Neeffhaus", das als Sozialunternehmen der Landeshauptstadt Stuttgart alleinstehenden Frauen ab 18 Jahren Räume bietet und dem „Johannes- Falk-Haus" der Evangelischen Gesellschaft für junge Frauen und Männer zwischen 18 und 27 Jahren, versorgt das Projekt „MedMobil" Menschen in sozialen Schwierigkeiten hinsichtlich medizinischer Grundversorgung ohne bürokratische Hürden.

Menschenrechte

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Resolution 217A (III)), die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris genehmigt und gewürdigt wurde, besagt im Artikel 1 Folgendes: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Recht geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen."

Alle Menschen sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. Nicht nur der Staat oder die Kirche, nicht allein humanitäre Hilfsorganisationen oder andere zuständige Behörden sind für das Allgemeinwohl der Gesellschaft verantwortlich. Wir alle sind es. Es liegt in unserer aller Verantwortung die Schranken der Diskriminierung abzubauen und Berührungsängste zu überwinden.

Was wir tun können

Wenn wir einen verwahrlosten Menschen auf der Straße betteln sehen, dann sollten wir den Blick nicht abwenden. Vielmehr sollten wir Blickkontakt aufnehmen, ihm ein Lächeln schenken. Wir könnten ihn ansprechen, ob wir ihm eventuell etwas zu essen kaufen oder anderweitig Hilfe leisten können. Vielleicht reicht ihm schon ein einfaches Gespräch, das Gefühl beachtet zu werden, geachtet zu werden. Der Großteil der Gesellschaft meint den sichereren Weg zu wählen und lässt namhaften Hilfsorganisationen regelmäßige Spenden zukommen. Doch da finden sich auch „schwarze Schafe", die das Vertrauen der Spender zerrütten.

Wir sollten uns davon jedoch nicht beirren lassen, denn man sollte nicht die Guten der wenigen „schwarzen Schafe" wegen mitbestrafen. Vertrauen Sie auf Ihre Intuition und lassen Sie sich nicht davon abbringen Ihrer Verantwortung im „Geiste der Brüderlichkeit" nachzugehen.

 

Das Zeitzeugeninterview "Wohnungslos - Obdachlos":

Weiterführende Links

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

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