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extra recherchefahrt straßburg: Als junge deutsche Journalistin in Frankreich
Frau Straßenburg, wodurch ist Ihr außergewöhnliches Interesse an Frankreich geweckt worden?
Schon in der Schule hat es mich gereizt, Dinge zu machen, die sonst keiner konnte. Und bei uns war es nun einmal so, dass Französisch als Schulfach ziemlich verhasst war. Also habe ich mir gedacht: Darauf konzentriere ich mich. So bin ich dabei geblieben und habe die Sprache als Leistungskurs gewählt und anschließend sogar studiert. Schon als Jugendliche habe ich viele Reisen in unser Nachbarland gemacht, bin immer aufmerksam gewesen, habe mich umgeschaut, viel geschrieben und auch an Wettbewerben teilgenommen. Mein Glück war es, dass es gerade im deutsch-französischen Bereich viele Angebote gibt, von denen man super profitieren kann. Ich würde sagen, dass ich ein richtiges Kind des deutsch-französischen Jugendwerkes bin.
Worin unterscheidet sich denn die Medienarbeit und -landschaft in Frankreich von der in Deutschland?
Ein erster Punkt ist sicherlich die Organisation und Aufteilung der Aufgaben. In Deutschland beispielsweise ist die Tagesschausprecherin oft nur eine Sprecherin und keine Journalistin. Das würde es so in Frankreich nicht geben. Unterschiedlich ist auch, dass das Netzwerk eine noch größere Rolle spielt als in Deutschland. Um Fuß zu fassen, ist es fast Pflicht, jemanden zu kennen, der wiederum jemanden kennt und so weiter und so fort. Verschieden ist auch, dass es in Frankreich viel, viel mehr Magazine gibt als bei uns in Deutschland, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Das Ziel vieler französischer Jungjournalisten ist es, einmal für solch ein Magazin zu schreiben.
Besonders ist außerdem, dass französische Regionalzeitungen mehr Gewicht haben als bei uns. Was es in Deutschland nicht gibt ist das Editorial, eine speziell französische Rubrik, die fälschlicherweise oft als Leitartikel übersetzt wird. Das Editorial ist aber genau genommen der Standpunkt einer Zeitung zu einem bestimmten Thema. Da steht dann exakt: „Le Monde findet, dass …“ .
Wie schwer ist es, gerade als Ausländerin in Frankreich an Informationen zu gelangen?
Einfach ist das wirklich nicht. Wenn man für ein ausländisches Medium tätig ist, das auch in Frankreich einen Namen hat, so liegen einem bei der Recherche keine größeren Steine im Weg. Aber als freier Journalist und dann auch noch als relativ junger Mensch an Informationen zu gelangen, ist oft wirklich ein Problem. Gerade bei der Regionalpresse läuft da viel unter der Hand. Spitz ausgedrückt ist es so: Wer die Fußballkarten fürs Wochenende besorgen kann, ist im Vorteil.
Wie sieht die gegenseitige Berichterstattung Frankreichs und Deutschlands aus?
Generell muss man sagen, dass das Interesse in Frankreich an Deutschland um einiges geringer ist als andersherum. Eine Freundin von mir arbeitet für französische Medien in Deutschland und hat viel mehr Schwierigkeiten, Themen unterzubringen, als ich andersherum. Viele Franzosen denken sich: Was interessiert es uns, was da auf der anderen Seite des Rheins passiert?
Gibt es neben Arte noch weitere Kooperationen von französischen und deutschen Medien?
Ja, dafür bin ich selbst mit meiner französischen Freundin Eva John ein Beispiel. Gemeinsam haben wir ein Blogprojekt mit dem Namen Generation 80 auf die Beine gestellt und im vergangenen Jahr das Journalismusportal Junds gegründet. Ich weiß auch von einem Kollegen bei einem Wirtschaftsmagazin, bei dem viel zusammengearbeitet wird. Insgesamt gibt es zahlreiche länderübergreifende Projekte zwischen Deutschland und Frankreich.
Wie haben Sie es geschafft, in der Medienbranche allgemein, beziehungsweise in Frankreich speziell Fuß zu fassen?
Schade war es natürlich, dass meine Eltern fast gar nichts mit der Medienbranche zu tun hatten. Dementsprechend konnte ich also nicht von bereits bestehenden Kontakten profitieren. Aber ich habe selbst die Initiative ergriffen und mich bei zahlreichen französischen Regionalzeitungen für ein Praktikum beworben. Da hatte ich dann den Bonus des Exoten: Ich war aus dem Ausland, jung und weiblich. Ein weiterer Vorteil war, dass der Chefredakteur sich gut in meine Lage hineinversetzen konnte und meine Artikel, obwohl ich nicht Muttersprachlerin bin, veröffentlicht wurden. Da hatte ich einfach sehr viel Glück. Glück spielt übrigens oft eine Rolle. Denn ein richtiges Geheimrezept gibt es nicht für den Journalismus.
Der Vorzug, den ich jetzt habe, ist, dass ich mich auf Jugendmedien konzentriere und somit ein eigenes Spezialgebiet gefunden habe. Hätte ich mich auf klassische Themen wie zum Beispiel Politik gestürzt, für die rennomierte Medien sowieso eigene Korrespondenten in Frankreich haben, hätte ich als freie Journalistin keine Chance gehabt. Stattdessen mache ich beispielsweise Porträts von jungen Künstlern oder berichte über Trends unter jungen Franzosen. Da habe ich dann den Vorteil, dass ich mich einfach nur in meinem Freundeskreis umschauen muss, um Kontaktpersonen zu finden. Man muss sich als Journalist auch immer nach der eigenen Glaubwürdigkeit fragen: Warum sollten die Menschen mir glauben, wenn ich zum Beispiel einen politischen Kommentar schreibe? Woher kann ich mir denn das Recht nehmen, zu behaupten, dass ich die politische Landschaft Frankreichs so genau kenne?
Zum Abschluss noch: Was planen Sie für ihre Zukunft? Wollen Sie weiterhin in Frankreich bleiben?
Ach Gott, dass ist eine schwierige Frage. Da spielen auch private Faktoren mit. Mein Freund ist ebenfalls Journalist, spricht aber kein Wort Deutsch. Was soll er denn in Deutschland?
Zur Person:
Romy Straßenburg ist Anfang der 1980er Jahre in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur im Jahr 2000 folgte ein Studium der Fächer Französisch, Soziologie und Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. Während zahlreichen Praktika, zum Beispiel beim Mitteldeutschen Rundfunk, der französischen Tageszeitung L’Est Républicain oder dem Fernsehsender Arte, konnte Romy Straßenburg bereits Erfahrungen im journalistischen Bereich sammeln. Für das Blogprojekt Generation 80 wurde sie gemeinsam mit ihrer Freundin Eva John mit dem deutsch-französischen Journalistenpreis 2008 ausgezeichnet. Im selben Jahr gründete Romy Straßenburg, ebenfalls mit John, das deutsch-französische Journalistenportal Junds. Heute lebt Romy Straßenburg als freie Journalistin in Paris.
Dieser Artikel entstand im Rahmen der Recherchefahrt "Rendez-Vous in Straßburg" der Jugendstiftung Baden-Württemberg und der Jugendpresse Baden-Württemberg.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Alle Artikel zur Recherchefahrt nach Straßburg
- Alle Artikel zur Recherchefahrt nach Berlin in 2008
- Stichwort Medien
- Stichwort Politik
- Stichwort Auslandsaufenthalt
im weiteren WWW:
- Die Veranstalter der Fahrt: Jugendstiftung BW und Jugendpresse BW
- Das Blogprojekt Generation 80
- Das deutsch-franzöische Journalistenportal Junds



