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Wenn alles schläft und einer wacht - Teil 2

Wenn alles schläft und einer wacht - Teil 2

Abends, wenn wir schlafen gehen, ist alles ruhig. Doch die Welt steht nicht still. Wenn die einen das Licht ihrer Nachttischlampe ausknipsen, beginnt für die anderen die Nachtschicht. Wenn im morgendlichen Berufsverkehr  alle zur Arbeit hetzen, machen sie sie auf den Weg nach Hause. Polizisten, Nachtwächter, Bäcker und Piloten machen die Nacht zum Tag. Kämpfen gegen ihren Biorthythmus. Was sie wachhält? Arbeit. Verantwortung. Adrenalin. Koffeintabletten. Unsere Autoren haben Nachtarbeiter begleitet: Geschichten von Nachtschwestern, Barkeeperinnen, GoGo-Girls, Taxifahrern, Polizisten und Journalisten.

 
 

Die Barkeeperin: Alle persönlichen Probleme zu Hause lassen

Schwungvoll wirbelt der Shaker durch die Luft - ein sicherer Griff und eine kirschrote, fruchtig-schäumende Flüssigkeit füllt das erste Cocktailglas. "Arbeit? Das ist keine Arbeit, das ist Spaß!" strahlt die Künstlerin und wischt sich mit dem Handrücken eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Es ist zwei Uhr nachts. Der Club tobt. Zwischen dem bebenden Beat der House- Musik und der feuchtschweren Luft der rappelvollen Dancefloors füttert Patricia die hungrige Partymeute.
Jede Donnerstag- und Samstagnacht schwingt sich die 20-jährige Studentin in ihre heißesten Outfits und bringt hinter der Bar die Party zum Kochen.

"Barkeeperin zu sein ist nicht nur ein Job. Es ist Entertainment. Du musst die Leute mitreißen", grinst sie. Während sie lässig die Hüften schwingt, kokettiert sie, flirtet und albert mit den Gästen herum. Strike, schon wieder  eine große Flasche Champagner für 87 Euro an den Mann gebracht! Das steigert den Umsatz und ihr Ansehen beim Chef. "Das Nachtleben ist ein hartes Geschäft. Du musst alle persönlichen Probleme zu Hause lassen und funktionieren." Doch das hat auch Grenzen. Wird ein Betrunkener zu aufdringlich, ruft der Security-Knopf unter der Bar sofort den Türsteher, der dem Betroffenen postwendend und nachhaltig beim Verlassen den Clubs behilflich ist. Patricia arbeitet von 20:30 Uhr bis 6:30 Uhr. Wie sie das durchhält? Mit Motivation, guter Laune, Koffeintabletten und dem ein oder anderen Schnäpschen. Die Nacht ist lang... Es ist sieben Uhr morgens. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen über die Hausdächer Ulms. Die Riemchen-Stilettos baumeln vom kleinen Finger ihrer rechten Hand. Mit den letzten Schatten der Nacht balanciert Patricia barfuß über das Kopfsteinpflaster zu ihrem silbernen Flitzer. Sie ist erschöpft, aber zufrieden. Im Kühlschrank zu Hause wartet ein leckeres Frühstückscroissant. (Felicia Schneiderhan)

Die Tänzerin: Die Nacht zum Tag machen

Die 23-jährige Jacqueline sitzt in einem kleinen Café in Osnabrück. Jacqueline arbeitet als GoGo-Girl in einem Nachtclub. Wie kam es dazu, dass sie anfing als Tänzerin zu arbeiten? Jacqueline lächelt schüchtern und antwortet: "Kurz nachdem ich mit meinem Jurastudium begonnen hatte, merkte ich sehr schnell, dass mein BAföG nicht ausreichte, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Da suchte ich nach Alternativen, und das Tanzen war für mich am lukrativsten." Sie lächelt und nippt verhalten an ihrem Cappuccino. War es am Anfang schwierig, leicht bekleidet vor fremden Menschen zu tanzen? Wie fühlt man sich dabei? Jacqueline zupft ihr hautenges Top zurecht und beugt sich langsam nach vorne. "Eigentlich hat es keine große Überwindung gekostet. Ich war schon vor meiner Anstellung oft tanzen, und die Blicke der Männer waren meistens auf mich gerichtet." Sie streicht sich langsam durch ihr blondes Haar. "Ich musste mich zum Arbeiten noch nicht einmal anders anziehen." Was halten Freunde und Familie von Jacquelines Nebenjob? "Meine Freunde stehen voll und ganz  hinter mir und zeigen großes Verständnis", sagt Jacqueline. "Einige meiner Freundinnen haben mittlerweile auch mit dem GoGo-Tanzen angefangen." Die Familie sei erst skeptisch gewesen, aber seit sie gemerkt haben, dass nichts Anstößiges dabei ist, habe sie nichts gegen Jacquelines Nebenjob.

Was passiert, wenn aufdringliche Gäste mehr von Jacqueline wollen als sie nur tanzen zu sehen? Wird sie manchmal belästigt? "Das kann schon vorkommen, gerade wenn die Gäste sehr viel getrunken haben. Dann sind aber die Türsteher sofort zur Stelle. Sie haben immer ein Auge auf uns Tänzer", beruhigt Jacqueline. Vor allem bei Schaumparties komme es häufiger vor, dass Leute grabschen. Jacqueline ist es aber wichtig klarstellen, dass GoGo- Tänzerinnen keine Prostituierten oder Stripperinnen sind. "Wir versuchen nur, die Stimmung im Club auf eine ästhetische und leicht erotische Art anzuheizen. Wer mehr möchte, muss andere Etablissements aufsuchen. Bei uns hat er keine Chance." (Malte Kampmeyer)

Der Taxifahrer: Eine lange Nacht steht bevor

Mittwochabend, 23 Uhr in Ludwigsburg. Morgen ist Feiertag. Beim Mietwagen-Unternehmen Minicar ist Hochbetrieb. Dass man als Minicar-Fahrer schnell Teil  einer Kriminaluntersuchung werden kann, durfte Ulrich Sauerzapf bereits erleben. Er nutzt die Wartezeit vor der Pädagogischen Hochschule in Ludwigburg, um von seiner Heldentat zu erzählen. "Es war Samstagnacht. In Ossweil stiegen drei betrunkene Männer zu. Während der Fahrt packte der Beifahrer einen 50-Euro-Schein heraus und knallte ihn mir auf das Armaturenbrett. In der Nacht waren noch drei weitere gefälschte 50-Euro-Scheine im Umlauf." Dank seiner Aufzeichnungen über seine Fahrten konnte die Polizei bereits am nächsten Tag die Täter fassen, die bereits längere Zeit Falschgeld in den Einzelhandel geschleust hatten.
Aufregende Geschichten hat auch Andreas Dicks auf Lager. "Da wäre die 45-jährige Mutter mit Seehundhausschuhen, die ihre Tochter in der Disco besuchen wollte und sich am Ende Geld von mir leihen musste."

Fahrerin Stella Nikolopoulou ist Hausfrau und Mutter. Hat sie Probleme wegen des Schlafmangels? "Nein", sagt sie. "Am Wochenende kann ich nach der Nachtschicht schlafen, während sich mein Mann oder die Großeltern um die Kinder kümmern." Unter der Woche hört sie meist gegen 5 Uhr auf, steht gegen 7 Uhr kurz auf um ihre Kinder für den Kindergarten und die Schule zu richten und schläft weiter. Viele Male an diesem Abend werden Wagen zur Pädagogischen Hochschule gerufen. Jedoch bin ich etwas enttäuscht von den jungen Fahrgästen. Je mehr die Gäste getrunken haben, desto ruhiger sind sie. Der Rest führt seichten Smalltalk. Kurz vor Schluss die gewünschte Action: Jura-Student Matthias steigt gemeinsam mit Kumpels an der Hochschule zu. Dieter Bohlen wird imitiert, und ein Freund bekommt sein Fett weg: "Der nagelt so viel, der könnte Schreiner sein", posaunt Matthias lautstark heraus. Allgemeines Gelächter. Außerdem demonstriert er uns sein musikalisches Können. "Wo bist du, mein Sonnenlicht? Ich suche dich und vermisse dich...", trällert er fröhlich. Wir applaudieren Deutschlands nächstem Superstar. Die Fahrt neigt sich dem Ende zu. 04:15 Uhr. Ulrich wird noch bis 6 Uhr unterwegs sein. (Ann-Katrin Wieland)

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Wer mit uns auf Entdeckungsreise gehen will, ist hier genau richtig, beim extra unterwegs.

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