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Wenn alles schläft und einer wacht - Teil 1
Der Reporter: Geschichten schlafen nie
Nacht. Keine ungewöhnliche Arbeitszeit für Reporter Steffen Schwarzkopf. Schlaf ist bei seiner Arbeit purer Luxus: Die Geschichten schlafen nie. Die Zwillingstürme stürzen gerade in New York ein. Die ganze Welt hält den Atem an, doch die Berichterstatter senden unentwegt. Wenige Meter vom Krisenherd entfernt steht Steffen Schwarzkopf. Die Schalten an diesem Tag sind kaum mehr zählbar, die Stunden ohne Schlaf schon. Direkt vom Flieger geht es voll bepackt zum Schauplatz des Unglücks - Ruhe ist dann auch in der Nacht Mangelware. Vor der Kamera ist jede schlaflose Minute vergessen. Höchstens an den sich mehrenden Falten kann man erkennen, welche Opfer der Dauer-Jetlag fordert. Als Erster vom grausamen Tsunami berichten, den Mittleren Osten besser als die eigene Wohnung kennen, von jubelnden Fans mit Bier überschüttet werden und die Menükarten sämtlicher Airlines im Kopf haben - viele Facetten begleiten Steffen Schwarzkopf Tag für Tag.
Fast immer spielt das Leid eine entscheidende Rolle. "Ich bin immer dort, wo es für die Zuschauer spannende Themen gibt. Falls nicht gerade das Fußballfieber ausgebrochen ist, sind meine Berichte eben über Krieg oder Terrorismus", mustert Schwarzkopf die Zuschauergunst nüchtern. Doch nicht immer geht alles so gut, wie es vor der Fernsehkamera scheint. Hinter Objektiv und Satellitenverbindung gerät Schwarzkopf immer wieder zwischen bewaffnete Banden und ist Spielball lokaler Machthaber. Trotz aller Widrigkeiten liebt er seinen Beruf und fiebert immer wieder dem Satz entgegen: "Nun ist Steffen Schwarzkopf live vor Ort". (Adrian Bechtold)
Die Krankenschwester: Mit Cola und Teein wachhalten
"Drrrrrrrrrr". Wieder verlangt ein Patient nach Nachtschwester Nicole. Bei meinem Besuch auf Station drei wird unser Gespräch alle paar Minuten unterbrochen. "Das legt sich aber meist gegen elf Uhr, wenn die meisten Patienten eingeschlafen sind." Dann ist Schwester Nicole schon mehr als zwei Stunden im Dienst. Von 20:50 Uhr bis morgens um 6:15 Uhr dauert ihre Nachtschicht. "Dass man sich an Nachtarbeit gewöhnen kann, halte ich für falsch. Tagsüber schlafen und nachts arbeiten, das ist einfach nicht der natürliche Rhythmus", meint Schwester Nicole. Wach hält sie sich mit Cola und mindestens drei Tassen Schwarztee. Als Entschädigung für die nächtliche Arbeit bekommen Nachtschwestern im Schnitt nur 1,28 Euro mehr auf ihren normalen Stundenlohn. Trotzdem ist diese Aufwandsentschädigung viel geringer als zum Beispiel in der Industrie, wo oft der doppelte Stundensatz an Nachtarbeiter gezahlt wird. Feiertage sind allerdings besser bezahlt.
Doch manchen fällt es schwer, tagsüber erholsamen Schlaf zu finden. Sie stellen sich zur Sicherheit lieber einen Wecker - auf sieben Uhr abends. Obwohl Krankenschwestern über die Nacht Pausen von 30 Minuten zustehen, dürfen sie ihren Posten nicht verlassen. Die Station muss immer besetzt sein. Die Kosten für eine zweite Schwester, die in der Pause auf die Patienten aufpassen würde, sind zu hoch. Deswegen muss Schwester Nicole ihre freien Minuten an ihrem Arbeitsplatz verbringen und bei einem Patientenruf ihre Pause unterbrechen. Im Schnitt befinden sich pro Station 33 Patienten in ihren Betten - wenn nicht gerade ein Neuzugang kommt: "Dann ist das ganz normale Annahme-Procedere nötig, auch wenn es schon weit nach Mitternacht ist", so Schwester Nicole. "Ich werde nie die Jahrtausendwende vergessen, als wir einen betrunkenen Obdachlosen aufnahmen, der sich beschwerte, dass er das Feuerwerk jetzt gar nicht mehr anschauen könnte. Dass wir als Pflegepersonal genauso wenig davon mitbekamen, hat er gar nicht bemerkt." (Simon Staib)
Der Polizist: Den Tatort sichern
Nachts können wir die buntesten Dinge sehen", beschreibt Rainer Köller seine Tätigkeit. Der Polizeihauptkommissar arbeitet seit 1981 bei der Polizeidienststelle in Heilbronn. Dass der heute 48-jährige zur Polizei kam, war mehr Zufall als Wunsch. "Nach dem Abschluss meiner Realschulzeit wurde ich zum Bund einberufen. Leider waren damals schon die Ausbildungsplätze begrenzt, und ich verpflichtete mich für vier Jahre. Später zog es mich zur Polizei." In seiner sieben Jahre langen Tätigkeit im Streifendienst hat Köller viel erlebt, doch ein Erlebnis blieb im bis heute im Gedächtnis: Wie jeder seiner Kollegen verbrachte er jede fünfte Nacht mit seinem Kollegen auf Streife. Pünktlich um 20 Uhr war er in der Dienststelle eingetroffen um die Kollegen abzulösen. "Es versprach ein ruhiger Abend zu werden. Die Straßen waren frei und das Wetter verhielt sich auch ruhig." Gegen 23 Uhr erreichte Köller der Funkspruch: Schwerverletzter nach Messerstecherei. Ohne zu zögern und mit einer gewissen Routine schaltete Köller Blaulicht und Martinshorn ein.
"Ich hatte bei den Einsätzen zuvor schon viel Blut gesehen, das gehört einfach dazu. Was ich hier aber sah, war mit nichts vorher zu vergleichen", erzählt Köller fast schon ängstlich. "Als wir eintrafen, waren bereits einige Kollegen vor Ort. Unsere Aufgabe bestand darin, den Tatort zu sichern. Der gesamte Gehweg vor dem Eingang einer Kneipe war mit Blut übergossen. Das Blut war nicht wie üblich, nämlich etwas dickflüssig und dunkel - es war extrem hell und fast so flüssig wie Wasser." Später erfahren Köller und sein Kollegen, dass einem jungen Mann ein Messer in die Brust gestochen wurde. Dieses traf genau die Lunge. "Ein Rettungssanitäter erklärte uns, dass das Blut aus der Lunge extrem sauerstoffreich sei - daher der helle Farbton." Auch wenn solche Einsätze immer wieder vorkommen, gehören sie nicht zur alltäglichen Arbeit der Polizisten. Laut Köller sind es meist kleine Delikte unter Alkoholeinfluss: Schlägereien, Beleidigungen und Sachbeschädigungen sind nächtlicher Standard. Auch Diebstähle werden meist im Schutz der Dunkelheit begangen. (Sebastian Czub)
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