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Bratschen braucht die Welt
So, als würde sie in einem der bekanntesten Jugend-Orchester der Welt mitspielen, sieht sie eigentlich gar nicht aus. Yoly Aragon ist 25, kommt aus Venezuela und studiert seit April Bratsche an der Mannheimer Musikhochschule. Seit rund fünf Jahren spielt sie im Simón-Bolívar-Orchester von Venezuela mit Gustavo Dudamel als Dirigenten. Nach Mannheim kam sie, weil ihr venezolanischer Lehrer zu ihr gesagt hatte: „Jetzt bist du bei mir fertig; nun musst du zu meiner Lehrerin nach Mannheim.“
Erst Leistungssport, dann kam die Musik
Dass ausgerechnet dieses Jugend-Orchester, gemeinsam mit den Landesjugendchören und dem Mannheimer Hochschulchor, Mahlers „Auferstehungssinfonie“ in Ludwigshafen und Luzern aufführen wird, ist Zufall. Doch wie ist Yoly in dieses große Orchester gekommen? Yolys Mutter hatte ihr schon früh Notenlesen und Klavierspielen beigebracht. Als sie 14 Jahre alt war, wollte sie das Musizieren dann richtig lernen; zuvor war sie auf Leistungssport
fixiert gewesen. Aus einer Musiker-Familie stammend, erhielt Yoly ihre ersten fünf Stunden Violinunterricht von ihrem Onkel, um dem Musik-Konservatorium Simón Bolívar vorzuspielen.
Viel mehr als ihr Instrument und den Bogen halten konnte sie nicht. Doch ihr Ehrgeiz und ihre Begeisterung waren so groß, dass sie trotzdem aufgenommen wurde. Kurz darauf erlebte sie das Simón-Bolívar-Orchester unter Dudamel bei einer Aufführung der Nussknacker-Suite, die sie nie vergessen wird. An diesem Abend beschloss Yoly, nicht, wie geplant, den Sport zu ihrem Beruf zu machen, sondern die Musik.
Die "große Violine"
Ein venezolanisches Sprichwort sagt: „Wollen ist Können“. Genau das treffe auf sie zu, sagt Yoly. An einen der ersten Tage im Konservatorium erinnert sie sich noch ganz genau: Sie kam in einen Klassenraum mit vielen Kindern; Yoly war mit 14 die Älteste. Die Kinder sollten sich aufteilen: die, die Violine lernen wollten, nach rechts, alle Bratschenspieler nach links. Yoly ging nach rechts, zu den Violinen. „Nein, nein,“ sagte die Lehrerin, „du bist so groß, du musst nach links, du lernst Bratsche!“ Yoly war traurig und wusste nicht, was eine Bratsche ist. Die Mutter erklärte, das sei fast so wie eine Violine. Und dann lerne Yoly eben „große Violine“.
Später stellte sich heraus, dass Yolys Mutter sie sogar für Bratsche angemeldet hatte, denn erstens klinge eine Bratsche nicht so schrill beim Üben, und zweitens würden in der Welt immer Bratschen gebraucht. Als sie nach drei Monaten in das Orchester des Konservatoriums eintrat, konnte Yoly dies bestätigen. Das erste Konzert mit dem Orchester war sehr schwer „Wir führten „Figaros Hochzeit“ auf, aber ich habe besonders im ersten Jahr sehr viel geübt und es gut geschafft.“ Nach sechs Jahren durfte Yoly in das Orchester „Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar“ von Dudamel eintreten, in dem schon ihr Vater gespielt hatte.
Besondere Förderung der Jugendorchester
In Venezuela werden Jugendorchester besonders gefördert, damit auch sozial schwache Familien sich leisten können, ihr Kind ein Instrument lernen zu lassen. Aus den mehreren hundert venezolanischen Orchestern können jeweils die Besten in das Simón-Bolívar -Orchester aufsteigen – nach bestandenem Probespiel. Yoly hat es geschafft. Das Orchester zieht Aufmerksamkeit auf sich; viele Kinder träumen davon, in Dudamels Orchester zu spielen. Daher werden immer mehr Orchester gegründet. Das Simón-Bolívar-Orchester probt fast täglich für jeweils drei Stunden, manchmal sogar siebenmal die Woche.
Vormittags in der Schule, dann drei Stunden Orchester. „Das war ganz schön anstrengend!“, sagt Yoly. Nebenher noch Leistungssport mit zahlreichen Wettbewerben. Und den Bratschen-Unterricht musste sie auch noch unterkriegen. Abends dann jeweils ein bis zwei Stunden Bratsche üben. Inzwischen gehört Yoly zu den Ältesten des Orchesters. Die Jüngsten sind 14 oder 15 alt, der Älteste etwa 30 Jahre. Bei Konzertreisen hat sie mitgewirkt und auch bei den CD-Aufnahmen. Zur Zeit ist sie in Venezuela bei der End-Probenphase und der Tournée-Vorbereitung mit dem Orchester. Für den großen Auftritt im September in Ludwigshafen und das Lucerne Festival. Sie freut sich, lächelt- und sieht dabei ganz normal aus.
Weiterführende Links
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