Drucken

jobwelt

 

Protokoll einer Nachtfahrt

Protokoll einer Nachtfahrt

Sie kennen von der Hauptstraße bis zur kleinsten Gasse alle Straßen und sorgen dafür, dass ihre Fahrgäste zu jeder Uhrzeit sicher und schnell ans Ziel kommen: Taxifahrer. Ann-Katrin Wieland war mit Minicar eine Nacht lang rund um Ludwigsburg unterwegs und traf auf viele interessante Persönlichkeiten – sowohl bei den Fahrgästen, als auch bei den Fahrern.

 
 

Die Schicht neigt sich dem Ende zu. Rückruf aus der Zentrale vom MINICAR in Ludwigsburg für Ulrich Sauerzapf. Als wir die Treppe zum Gebäude erreichen erblicke ich die Überbleibsel eines alkoholreichen Abends eines Fahrgastes, der es wohl bis zur Zentrale geschafft hat, allerdings die Toilette nicht mehr erreicht hat. Nichts Spektakuläres für den Frührentner und Hobbyfahrer. „Ich fahre, um mich fit zu halten. Autofahren ist mein Leben. Über all die Jahre war ich viel unterwegs.“ Ernst fügt er hinzu: „Wenn es beim Mietwagen-Unternehmen MINICAR keine ordentliche Personalführung gäbe, würde ich das nicht machen.“ Er scheint zufrieden zu sein, sonst würde er nicht zwei Mal die Woche als Aushilfsfahrer eine neunstündige Nachtschicht fahren – und das seit Jahren.

Taxifahrer teil einer Kriminaluntersuchung

Dass man als MINICAR-Fahrer schnell Teil einer Kriminaluntersuchung werden kann und maßgeblich an der Verhaftung von Verbrechern beteiligt sein kann, durfte Ulrich Sauerzapf bereits erfahren. Die Wartezeit vor der Pädagogischen Hochschule in Ludwigburg nutzt er, um mir von seiner Heldentat zu erzählen. „Es war Samstagnacht. In Ossweil stiegen drei betrunkene Männer zu, um gemeinsam wegzugehen. Dass sie nicht so recht wussten wohin, machte mich bereits stutzig. Während der Fahrt packte der Beifahrer plötzlich einen 50-Euro-Schein heraus und knallte ihn mir auf das Armaturenbrett und prahlte damit. Ich bat ihn, mir das Geld erst am Ende der Fahrt zu geben.“ Ulrich fischt während er erzählt einen 50-Euro-Schein aus seiner Geldbörse, um mir zu erklären wie er später bemerkte, dass es sich um einen gefälschten Geldschein handelte. „Das glänzende Symbol der Kopie war nur schwarz.“ In der Nacht waren noch drei weitere gefälschte 50-Euro-Scheine im Umlauf. Dank seiner Aufzeichnungen über seine Fahrten konnte die Polizei bereits am nächsten Tag die Täter fassen, die bereits längere Zeit Falschgeld in den Einzelhandel geschleust hatten.

Opfer eines Verbrechens zu sein, erfuhr auch Fahrer Bati Necip Anfang diesen Jahres. Er hatte Glück im Unglück. Der Täter war so clever und ließ sich von zu Hause abholen. Am Ziel angekommen wollte der Fahrgast nicht zahlen und zückte sein Messer, um es Bati an den Hals zu halten. Bati konnte aus seinem Auto flüchten und rief bei einem nahe gelegenen Discountmarkt die Polizei.

Fahrer zwischen 21 und 60 Jahren

Doch solche Ereignisse sind eher die Ausnahme. Autofahren ohne teure Benzinkosten, im Umkreis von Ludwigsburg und Stuttgart herum kommen, viele unterschiedliche Menschen kennen lernen und dabei noch etwas Geld dazu zu verdienen - das sind Gründe warum die Aushilfsfahrer gerne für MINICAR arbeiten. Auf einige interessante Menschen sollte auch ich treffen, als ich gemeinsam mit Stella Nikolopoulou gegen 23.30 Uhr in die rote B-Klasse mit der Nummer 65 steige. In dieser Nacht ist diese Zahl Stellas Nummer, die sich heute wie 31 weitere Ziffern auf einem Magneten befindet. Wenn die Fahrer unterwegs keinen Auftrag im Anschluss bekommen, müssen sie zurück in die Zentrale kommen. So ergeht es Stella an diesem Abend einige Male. Ihr Magnet ist bereits an der Pinnwand eingereiht. Für eine Zigarettenpause, ein kurzes Nickerchen oder für eine Unterhaltung mit den ebenfalls wartenden Kollegen ist allemal Zeit. Die Fahrer sind zwischen 21 und Ende 60. Und eines verbindet sie alle: Die Liebe zum Auto fahren.

Da gibt es Andreas Dicks, der tagsüber Verkäufer bei Auto-Teile-Unger ist. Am Wochenende und an den Abenden vor einem Feiertag sitzt er bei MINICAR hinter dem Steuer, weil „es ein Job ist, der Spaß macht und bei dem man zudem Geld verdient“, so Andreas. Er ist nun schon (mit Unterbrechungen) seit vier Jahren beim Unternehmen. Da weiß er natürlich einiges zu berichten: „Da wäre die 45-jährige Mutter mit Seehundhausschuhen, die ihre Tochter in der Disco besuchen wollte und sich am Ende Geld von mir leihen musste. Oder eine 80-jährige Dame wollte mich anzeigen, weil sie meinte, ich hätte ihre Tochter entführt. Und dann gibt es natürlich noch die Momente, speziell nach Kurven und Kreisverkehren, bei denen du rechts ranfahren musst und die Tür sich hinten öffnet.“

Hausfrau, Mutter und Taxifahrerin

Stella ist Hausfrau und Mutter. Sie hat als Aushilfe begonnen. „Inzwischen arbeite ich fünf Tage die Woche. Wenn man fest angestellt ist bekommt man an Feiertagen 125 Prozent Zuschläge und bei einer 12-Stunden-Schicht zehn Euro Spesen.“ „Kollidiert die Arbeit nicht mit der Rolle als Hausfrau und Mutter,“ frage ich sie. „Nein, ich kann relativ flexibel hier arbeiten. Wenn mein Mann Nachtschicht hat kann ich tagsüber arbeiten und am Wochenende sind die Kinder oftmals bei den Großeltern.“ Gibt es ein Problem bezüglich des Schlafmangels? „Nein“, sagt Stella. Am Wochenende kann sie nach der Nachtschicht ins Bett und ihr Mann oder die Großeltern kümmern sich am Morgen um die Kinder. Wenn sie unter der Woche nachts ran muss, hört sie meist gegen 5 Uhr auf und geht anschließend für zwei Stunden ins Bett, bis sie ihre Kinder für den Kindergarten und die Schule richtet. Danach geht es wieder zurück ins Reich der Träume.

MINICAR-Fahrer sind neben Chauffeur, Verbrechensbekämpfer und Opfer aber auch Psychologe. Liebeskummer oder lebensbedrohliche Krankheiten sind nur Teil einer großen Palette von Themen, die Fahrer wie Maged Einuz sich während ihrer Fahrt anhören. Das MINICAR ist auch ein Platz, um Kontakte zu knüpfen. Im Fall des von allen nur liebevoll „Gustav Gans“ genannten Fahrers war es die Liebe. „Ich habe sie ein paar Mal gefahren,“ erzählt er mir, als Stella und ich gemeinsam mit zwei anderen MINICARS vor der Pädagogischen Hochschule stehen und unsere vorgegebenen fünf bis zehn Minuten auf den Fahrgast warten. „Wir verliebten uns ineinander. Allerdings bin ich recht schüchtern und so half mir das Glück auf die Sprünge. Mein Kollege Bati kennt ein Mädchen aus ihrer Wohngemeinschaft und gemeinsam verkuppelten sie uns schließlich.“ „Und wie lange hielt das gemeinsame Glück an“, frage ich ihn. „Leider nur zwei Monate.“
In diesem Moment torkelt eine Studentin zu uns und möchte sich gemeinsam mit ihrer Begleitung einen Wagen nehmen. „Hast du Eines bestellt?“, fragt Stella. „Nein, die ganze Zeit geht die Mailbox ran,“ lautet darauf die Antwort. Stella muss sie enttäuschen: „Du musst vorher ein MINICAR bestellen, bevor du es nutzen kannst.“

Fahrgäste sind überraschend ruhig

Viele Male an diesem Abend werden Wägen zur Pädagogischen Hochschule gerufen. Neben den Discos wie die „Rockfabrik“, das „Vegas“ oder der „Apfelbaum“, ist die Hochschule ein beliebter Ort bei den Jugendlichen in der Region, wenn sie Party machen wollen. Somit werden diese Locations regelmäßige Anlaufstellen für die Fahrer. Zum eigenen Leid, verlassen die Fahrer auch einige Male ohne Fahrgäste das Gelände, denn die Zeit ist abgelaufen und ihr Fahrgast kam bis dato nicht. Und auch wir müssen wieder weiter fahren. Bisher bin ich etwas enttäuscht von den meisten Fahrgästen: Ich habe mir dramatischere Szenen vorgestellt: Ein schluchzendes Mädchen in den Armen ihrer Freundin, weil ihr Freund gerade Schluss gemacht hat. Oder einen Boxenstopp, damit sich der betrunkene Fahrgast erleichtern kann. In dieser Nacht sind die Gäste allerdings umso ruhiger je mehr sie getrunken haben. Die Anderen plaudern fröhlich mit mir. Wir stellen gemeinsame Interessen wie den Journalismus fest und Ramona und Günter, beide Endvierziger, loben das Unternehmen und gackern auf der Rückbank darüber, dass ein Taxifahrer einmal ihre Straße nicht gefunden hat und sich komplett verfahren hat. „Das passiert uns bei MINICAR nicht, die kennen uns und unsere Straße inzwischen.“

Stammgast ist auch Wolfgang. Seit sieben Jahren fährt der Rentner drei bis vier Mal die Woche vom Naturfreundehaus in Asperg nach Hause. „Für mich gibt es kein Rabatt“, witzelt er. Mit knapp 1300 Euro Ausgaben, könnte er MINICAR inzwischen schon einen gebrauchten Kleinwagen finanzieren.
Bei Mitfahrer Markus komme ich kaum zum Zug: „Ich fahre gerne mit einem Taxi oder MINICAR. Ich lerne dabei Leute kennen, das ist wunderbar. Ursprünglich komme ich aus dem Osten. Beim Fahren habe ich schon andere Menschen kennen gelernt, die ebenfalls von dort stammen.“ Ich erfahre etwas über seinen Beruf und er erzählt mir, dass ihn die Unfreundlichkeit mancher Fahrer stört. Er unterhält sich gerne und ausgelassen und mag pampiges Verhalten überhaupt nicht.

Doch noch Action!

Schwarze Schafe gibt es in dem Geschäft aber immer, wie mir später Ulrich preisgibt: „MINICAR Stuttgart hatte nun einen Prozess am Hals, weil den Taxi-Fahrern die Kundschaft weggeschnappt wurde und willkürliche Preise festgelegt wurden, um ihre Konkurrenz auszustechen.“ Kurz vor Schluss bekomme ich dann doch meine gewünschte Action. Jura-Student Matthias steigt gemeinsam mit seinen zwei Kumpels an der Hochschule zu und bringt mich während der Fahrt fast zum Weinen. Dieter Bohlen wird imitiert und einer seiner Freunde bekommt von dem selbsternannten Komödianten sein Fett weg: „Der nagelt soviel, der könnte Schreiner sein,“ posaunt Matthias lautstark heraus. Allgemeines Gelächter im Wagen. Außerdem demonstriert er sein musikalisches Können. „Wo bist du, mein Sonnenlicht? Ich suche dich und vermisse dich…“, trällert er fröhlich vor sich hin. Wir applaudieren Deutschlands nächstem Superstar und setzen ihn sicher an seinem Ziel für diese Nacht ab. Ich schaue auf die Uhr: 04.15 Uhr. Gemeinsam mit Ulrich fahre ich zurück zur Zentrale und mache mich nach einem kurzen Zwischenstopp im Büro auf den Weg nach Hause. Ulrich wird noch bis 6 Uhr unterwegs sein.

Weiterführende Links

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

Diesen Monat verlassen wir die gewohnten Pfade und begeben uns auf Reisen. Wohin diese führen? Das weiß wahrscheinlich niemand so genau. Schließlich kann es einen überallhin verschlagen. Zum Urlaub in die Staaten oder im Rahmen eines Austauschprogramms nach Frankreich. Völlig egal, Hauptsache weg von daheim! 
Wer mit uns auf Entdeckungsreise gehen will, ist hier genau richtig, beim extra unterwegs.

extra unterwegs: Das kommt im Januar/Februar 2012

Diesen Monat verlassen wir die gewohnten Pfade und begeben uns auf Reisen. Wohin diese führen? Das weiß wahrscheinlich niemand so genau. Schließlich kann es einen überallhin verschlagen. Zum Urlaub in die Staaten oder im Rahmen eines Austauschprogramms nach Frankreich. Völlig egal, Hauptsache weg von daheim! Wer mit uns auf Entdeckungsreise gehen will, ist hier genau richtig, beim extra unterwegs. >>>