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Zwei Fliegen mit einer Klappe: Orientierung und Engagement im Freiwilligen Jahr

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Orientierung und Engagement im Freiwilligen Jahr

Da war sie – die Panik. Ganz langsam machte sie sich in meinem Kopf breit und ließ den ganz normalen Gedanken über meine Zukunft kaum noch Luft zum Atmen. Die Zeit rannte mir davon, aber von einer Entscheidung, wie es in meinem Leben weitergehen sollte, war ich noch meilenweit entfernt.

 
 

„Was machst du eigentlich nach dem Abitur?“ Schnell konnte ich die Frage nicht mehr hören. Denn soviel ich selbst schon darüber nachgedacht hatte: Ich wusste es nicht! Ich erinnere mich selbst heute noch an das schreckliche Gefühl, in der Luft zu hängen – zwischen Schule und ungewisser Zukunft.

Zeit zum Nachdenken

Gut. Ich schrieb in meiner Freizeit Beiträge und veröffentlichte sie in Jugendmagazinen und Lokalzeitungen. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich meinen Nebenjob zum Beruf machen wollte und versuchte es mit der Option Ausland. Ich dachte an einen Freiwilligendienst. Doch was ich fand, interessierte mich nicht oder war nicht finanzierbar. Also Uni-Bewerbungen schreiben? Aber für welchen Studiengang? Ich fand Ethnologie interessant – aber reicht ein bisschen Interesse aus, um das Fach zu studieren und sich mehrere Jahre intensiv damit auseinanderzusetzen?
Ich merkte, dass ich Zeit brauchte, um diese Entscheidung treffen zu können, und so schrieb ich eine Bewerbung für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Jugendmedienbereich. Testen, ob Journalistin wirklich mein Traumberuf ist, und mich dabei auch noch sozial engagieren – das war der Plan.
Das Freiwillige Jahr ist eine Orientierungsphase mit Tradition. Seit mehr als 40 Jahren wird es vom Bundesjugendministerium gefördert. Die Dauer beträgt minimal sechs und maximal achtzehn Monate. Die meisten Freiwilligen bleiben zwölf Monate in ihrer Einsatzstelle.

Hektik vor dem Bewerbungsschluss

Genau das wollte ich! Die Idee war perfekt. Mein Zeitmanagement leider nicht. „Bitte komm morgen an!“, flehte ich, küsste den Umschlag und warf meine Bewerbungsunterlagen einen Tag vor Bewerbungsschluss fünf Minuten vor Leerung in den Briefkasten.
Die Bewerbung für ein Freiwilliges Soziales Jahr geht entweder direkt an die Einsatzstelle oder an einen Träger, der den jungen Freiwilligen eine geeignete Einsatzstelle vermittelt. Typische Einsatzstellen sind Kindergärten, Jugendtreffs, Sportvereine, Altenheime, Kulturinstitutionen und Umweltorganisationen. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer können ein Freiwilliges Jahr anstelle des Zivildiensts absolvieren. Wer Fernweh hat, kann sich für ein FSJ im Ausland bewerben.

Gut abgesichert

Meine Unterlagen kamen rechtzeitig an. Ich hatte mich bei der Jugendstiftung und Jugendpresse Baden-Württemberg beworben – ein FSJ mit zwei verschiedenen Aufgabenbereichen also. Mein neuer Lebensabschnitt begann mit dem Auszug von zu Hause. Mit unserem vollgepackten Familienkombi fuhr ich nach Stuttgart und zog zusammen mit zwei Studenten in eine Wohngemeinschaft.
Manche Einrichtungen stellen ihren Freiwilligen eine Unterkunft. Wer dieses Glück nicht hat, muss sich selbst auf die Suche machen und erhält neben Taschen- und Verpflegungsgeld einen Wohnkostenzuschuss. Es besteht Anspruch auf Kindergeld, außerdem sind die Freiwilligen in der gesetzlichen Renten-, Unfall-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung versichert.

Bildung und Weiterbildung

Das Freiwillige Soziale Jahr ist als Bildungsmaßnahme gedacht. Wir sollen uns also nicht nur engagieren, sondern auch etwas lernen. Deshalb gehören 25 Seminartage für alle Freiwilligen verpflichtend dazu. Ich bin dafür mehrere Male in ein verschlafenes Dorf auf der Schwäbischen Alb gefahren. In der Seminargruppe sollten wir unsere Praxiserfahrungen austauschen und reflektieren. Da mein Träger ein Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes war, waren die Themen sehr auf den Gesundheitssektor bezogen. Spaß gemacht haben der Erste Hilfe Workshop in einer Grundschule und der Crashkurs in Deutscher Gebärdensprache trotzdem. Themen wie „Krankenhaushygiene“ sprachen mich dagegen weniger an – was sollte ich damit auch in meiner Einsatzstelle?
Ich habe mich während meines Freiwilligen Sozialen Jahres um ein Online-Magazin und die Mitgliederbetreuung der Jugendpresse Baden-Württemberg gekümmert. Meinen Tagesablauf musste ich mir dabei selbst organisieren - zwischen Post, E-Mail und Telefongeklingel. Wenn ich nicht mit Mitgliedsanträgen, Presseausweisen oder der Organisation von Veranstaltungen beschäftigt war, arbeitete ich für das Online-Magazin. Das Redaktionssystem, in das ich die Artikel einstellen musste, hat mich dabei oft an den Rand des Wahnsinns getrieben.

Lernprozesse

Aber ich habe gelernt, das auszuhalten und darüber hinaus mit sämtlichen Bürogeräten von der Frankiermaschine bis zum Kopierer umzugehen. Ich habe erfahren, was eine Arbeitswoche mit mindestens 40 Stunden bedeutet. Und ich musste lernen, mich selbst und meine Arbeitsprozesse innerhalb dieser Zeit zu organisieren und Prioritäten zu setzen.
Nach einiger Zeit ging die Fragerei wieder los: „Was machst du nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr?“ Die Entscheidung war nicht einfach. Aber sie ist mir leichter gefallen. Ich hatte ein Jahr lang die Möglichkeit, meine Stärken und Schwächen kennenzulernen und mich zu orientieren. Die Panik blieb aus.

Klare Zukunft

Journalismus oder Ethnologie studiere ich immer noch nicht. Den kurzfristigen Berufswunsch der Gebärdensprachendolmetscherin habe ich nach einem Wochenendkurs in Deutscher Gebärdensprache verworfen. Während meines Freiwilligenjahres aber hatte ich viele Schulen besucht und Veranstaltungen geleitet. Dadurch ist der Berufswunsch wieder aktuell geworden, den ich von der Grundschule bis zur 11. Klasse hatte: Lehrerin.
Gesagt, beworben, Aufnahmetest gemacht und bestanden! Fragen zu meiner Zukunft kann ich nun mit „Ich studiere Europalehramt für Realschulen an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe“, beantworten. Ruhe habe ich für die nächsten dreieinhalb Jahre aber nicht. Denn jetzt fragen alle, was das genau sei, dieses Europalehramt.

Weiterführende Links

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