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Fliederduft und Neonlicht

Fliederduft und Neonlicht

Klofrau, Toilettendame, Reinigungskraft. Unzählige Titel zieren Menschen, die Tag für Tag die Schüsseln der öffentlichen Örtchen schrubben. Esther aus Freiburg ist eine von ihnen. Sie erlebt ihren Alltag zwischen Kloschüsseln und Putzlappen bei der populären Fast-Food-Kette McDonald’s.

 
 
Die Bibel mit dem schwarzen Plastikeinband ist eines von Esthers Lieblingsbüchern. Die dünnen Seiten sind leicht rosa verfärbt und haben Eselsohren. Einige Textpassagen sind rot und grün unterstrichen. Eine hölzerne Pommesgabel und ein Schaschlikspieß dienen als Lesezeichen. Immer, wenn Esther gerade nichts zu tun hat, liest sie im Alten oder Neuen Testament. Dann setzt sie sich auf den weißen Plastikstuhl neben dem kleinen Holztisch, auf dem eine Sonnenblumendecke leuchtet. Während sie liest, hat sie immer ein Auge auf den Pappteller mit der gelben Serviette. Dort hinein legen ihre Kunden das Trinkgeld. Esther ist Klofrau bei der populären Fast-Food-Kette McDonald’s im Freiburger Hauptbahnhof.

Keine Statistik für Reinigungsjob

Menschen wie Esther gibt es viele in Deutschland. Sie nennen sich Klofrau, Toilettenputzer, Reinigungskräfte oder - etwas vornehmer - Toilettendame. Offiziell gibt es den Beruf nicht. Die Agentur für Arbeit hat keinerlei Zahlen darüber, wie viele Menschen täglich die Kloschüsseln in öffentlichen Toiletten schrubben. Auch McDonald’s führt keine solche Statistik. Nur so viel ist herauszubekommen: Die meisten McDonald’s-Filialen regeln das Putzen selbst. Im Prinzip soll jeder  Mitarbeiter jede Position einnehmen können: Kasse, Herstellung des Essens, Theke und die Reinigung; auch die der Toiletten. Doch da gibt es Ausnahmen. Teilweise engagieren deutsche McDonald’s-Filialen Fremdfirmen für die Toilettenreinigung. Die Klofrauen dürfen Trinkgeld verlangen und dies auch behalten.

Freundlich sein für ein paar Münzen

Wer die schwarz-weiße Marmortreppe zu Esthers Arbeitsplatz herunterkommt, sieht die 37-jährige Ghanaerin sofort: Sie lehnt an den Kacheln und trägt schwarze Flip-Flops. Unter dem weißen Putzkittel schauen ein T-Shirt von der Fußballweltmeisterschaft und eine schwarze Dreiviertelhose hervor. Sie trägt goldene Ohrringe und eine Kette mit zierlichem Kreuz. Ihr dunkles Kraushaar hat sie mit einem braunen Zopfgummi nach hinten gebunden. Die rechte Hand steckt in einem blauen Gummihandschuh. Ihre weißen Zähne blitzen, wenn sie lächelt. "Bitte schön", sagt Esther und  weist zuvorkommend mit der Hand in Richtung Damen- oder Herrentür, wenn jemand kommt. Gibt ein Kunde nach dem erlösenden Gang Trinkgeld, strahlt sie, als gäbe es nichts, was sie glücklicher machen könnte. "Danke schön", sagt sie. Und: "Tschüss." Esther weiß, sie muss freundlich sein, sonst verdient sie nichts. Das Trinkgeld ist ihre einzige Einnahmequelle.

Esther kommt aus Ghana

Vor zweieinhalb Jahren ist Esther mit ihrem Mann nach  Deutschland gezogen. Ihre beiden Kinder  sind noch in Ghana. Seit sechs Monaten hat sie einen Job: Toilettenputzerin. Englisch spricht sie relativ fließend. Wie jemand, der in der Schule gut aufgepasst hat. Im Deutschen hingegen beherrscht sie nur ein paar Brocken. Eine Klofrau braucht nicht viele Worte. Eine blondierte Jugendliche kommt aus der Damentoilette und geht an Esthers Pappteller vorbei, ohne etwas hineinzuwerfen. Sie entschuldigt sich mit einem Schulterzucken, heute habe sie kein Kleingeld. "Das macht nichts", sagt Esther. Und lächelt. Sie lächelt auch, wenn jemand nur einen Cent gibt. "Es ist ja gut gemeint." Nicht jeder Toilettengast ist geizig, aber 10 bis 20 Cent pro Kunde sind einfach zu wenig, um davon leben zu können. Zumal nur jeder dritte Klobesucher wirklich in den Geldbeutel greift.

Schutz vor "bad people"

2005 bezahlte McDonald’s ungelernten Mitarbeitern 6,13 Euro pro Stunde; für Spätschichten gab es sieben Euro. Die 60 Mitarbeiter der Wall AG, die im Bereich "Service Toilettenanlagen" beschäftigt sind, erhalten hingegen 12,17 Euro. Sie sind für 240 City-Toiletten zuständig. Ein "Stammkunde" von Esther ist zum Beispiel der Taxifahrer. Er kommt fast jeden Tag. Mit ihm hält sie meist ein kleines Schwätzchen. Er gehört zu den netten Leuten. Dann gibt es aber auch diejenigen, die alkoholisiert oder drogenabhängig sind oder Gewalt anwenden. Diese muss Esther fortschicken. Wenn sie es nicht alleine schafft, holt sie Hilfe von oben. Esther deutet mit einem Finger auf eine unauffällige Filmkamera an der Decke. Durch diese Kamera sieht sie der Chef. Doch das kümmert sie wenig. Mit Kamera fühlt sich Esther sicher, geschützt gegen die "bad people".

Prüfende Blicke

Auf dem Teller liegen zwei 20-Cent-Stücke. Esther geht Richtung Männerklo, zögert, kommt zum Teller zurück und nimmt die beiden Münzen. Stattdessen legt sie ein 10-Cent-Stück hin. Kraftvoll drückt die Ghanaerin die Schwungtür. Grelles Neonlicht strahlt von der Decke herab. Es riecht süßlich. Esther klopft energisch mit der Klobürste gegen den Rand der Toilettenschüssel. Mit einem rosa Putzlappen wischt sie ein paar Mal im Inneren der metallisch glänzenden Schüssel herum. Ihre Handbewegungen sind schnell und geübt. Dann schüttet sie das  Wasser aus dem Bürstenhalter und klappert mit dem Plastik. Drückt die Spülung. Ein prüfender Blick zum Klorollenspender: langt noch.

Putzen im Rhythmus der Musik

Sie gießt in jedes der vier Pissoirs Reinigungsmittel in S-Form und schrubbt. Der Schaum tropft auf den Boden. Wie man putzt, hat Esther an einem einzigen Tag gelernt. "Das genügt, wenn man gut ist", erklärt sie nicht ohne Stolz. Ein Mann betritt das Klo, stellt sich an das linke Pissoir und pinkelt. Esther macht keinerlei Anstalten, in die Luft zu schauen oder gar zu verschwinden. Esther ist zuständig für fünf Toiletten und vier Pissoirs. Auf der Internetseite eines Dixi-Klo-Vermieters steht, dass fünf Toiletten für eine einstündige Veranstaltung mit 2.000 Personen genügen - bei einer Warteschlange von maximal zehn Personen pro Klo. Von solchen Besucherzahlen träumt die Toilettenfee.

Ein Hauch von Flieder in der Luft

Esther zückt den gleichen rosa Lappen, mit dem sie zuvor das Klo gewienert hat, und reinigt das Waschbecken im Rhythmus der Musik, die aus den Lautsprechern kommt. Ihre Flip-Flops floppen auf den Fliesen. Sie drückt auf den Seifenspender, er funktioniert. Mit den gewohnt flinken Bewegungen wischt sie über den Händetrockner. Dann geht sie zur kleinen  Putzkammer, füllt Wasser in einen roten Plastikeimer und wischt den Boden. Zum Abschluss sprüht sie mit einem eckigen Glasfläschchen in die Luft. Das intensive Fliederparfum hat sie von ihrem eigenen Geld gekauft. Esther sitzt wieder am Holztisch. Ein etwa zehnjähriger Junge kommt aus dem Herrenklo und geht grußlos an ihr vorbei. Dann dreht er sich doch um und kramt 20 Cent aus seinem Geldbeutel. "Good  boy, very good boy", kommentiert Esther. Und lächelt. Gegen 18 Uhr wird sie nach zweieinhalb Stunden Dienst abgelöst. Den Putzkittel legt sie in die Besenkammer. Esther nimmt ihr Trinkgeld und zählt so, dass es keiner sieht. Wie viel sie heute verdient hat? "Ungefähr zehn Euro." Esther füllt ihre Plastik-Trinkflasche auf und holt ihre schwarze Leder-Handtasche. Heute Abend wird sie für ihren Mann ein afrikanisches Gericht kochen. Vielleicht  ein wenig fernsehen und dann schlafen gehen. "Good bless you", sagt sie, und verschwindet Richtung Bahnsteig.

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