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"Also, Frau Staatssekretärin... "

"Also, Frau Staatssekretärin... "

Flexibel, spontan, ehrgeizig und mies bezahlt: Die Karriere vieler junger Journalisten beginnt bei der Lokalzeitung. Die Autorin hat für einen Stundenlohn von rund drei Euro viel durchgemacht!

 
 

Fast zu einfach

Der Abend beginnt damit, dass meine Lokalchefin wegen eines harmlos scheinenden Termins anruft und ich nicht nein sagen kann. Der Termin klingt nicht schlecht: Diskussion und Vesper mit Bauern und einer Staatssekretärin. "Super", denke ich, "die Staatssekretärin will bestimmt schnell nach Hause, dann dauert der Termin nicht so lange." Der Hof liegt weit hinten in einem Tal im Schwarzwald. Die Wegbeschreibung klingt einfach. Fast zu einfach. Mein Vater will mir eine Landkarte mitgeben. Ich lehne dankend ab: "Ich finde das auch ohne  Karte!" Letztendlich besuche ich zwei Bauern in ihren Ställen und halte sie vom Kühe melken ab, um nach dem richtigen Weg zu fragen. Ich finde den Hof gottverlassen am Ende eines Tales auf 1.000 Metern Höhe nach einer langen Irrfahrt durch viele andere Täler.

Vom Stammtisch an den Vespertisch

Dort warte ich mindestens eine halbe Stunde im neu renovierten Vesperkeller des Gastgeberbauern auf die Frau Staatssekretärin. Ich sitze neben meinem Journalistenkollegen von der Konkurrenzzeitung, der eine Stimme hat wie eine Frau und eine Nachtzugphobie. Davon abgesehen ist die Warterei sehr angenehm: Der Gastgeberbauer ist freundlich und der Hoferbe jung und hübsch. Endlich kommt Frau Staatssekretärin mit ihren Begleitern. Die bereits anwesenden Bauern, mein Kollege und ich ziehen vom Stammtisch an den Vespertisch um. Es werden Vesperplatten mit kiloweise Fleisch aus eigener Schlachtung aufgetragen. Niemand traut sich, sich zu bedienen. Also fängt der Gastgeberbauer an zu reden. Und zu reden und zu reden und zu reden. Ich finde ihn bereits nach wenigen Sätzen nicht mehr so nett wie vor einer halben Stunde. Ich habe die Befürchtung, dass es den ganzen Abend so weitergeht.

Ist sie eine gute Schauspielerin?

Richtig. Zwischendurch fängt endlich jemand an, sich an der Vesperplatte zu bedienen. Alle anderen machen es nach. Durch das Essen bin ich zwischenzeitlich zufrieden gestellt und kann den redenden Gastgeberbauern halbwegs ausblenden. Er redet und redet und seine sich ständig wiederholenden Lieblingsphrasen sind: "Also, Frau Staatssekretärin..." und "Frau Staatssekretärin, ich sag Ihnen jetzt mal was ..." Der Gastgeberbauer hat viel zu sagen. Zu viel für meinen Geschmack. Nach und nach haben die anderen Bauern genug gevespert, das dritte Bier getrunken und mischen sich lebhaft in die Diskussion ein. Auerhähne, wegen denen keine Windkrafträder gebaut werden dürfen. Frauen, deren Einsatz in der Landwirtschaft nicht gewürdigt wird. Milchkühe, deren Haltung sich nicht mehr rechnet. Jeder muss mindestens drei Mal lautstark bekräftigen, dass es ihm genauso schlecht geht wie dem Gastgeberbauern. Frau Staatssekretärin hört aufmerksam zu. Oder sie ist eine gute Schauspielerin. Familie scheint sie keine zu haben: Sie macht keine Anstalten nach Hause zu wollen.

Vielleicht passiert noch etwas Spannendes

Nach drei Stunden verabschiedet sich  mein Kollege von der Konkurrenzzeitung. Ich zögere. "Soll ich mich mit ihm verdrücken?" Meine journalistische Sorgfaltspflicht hindert mich daran. Vielleicht passiert noch etwas Spannendes! Und dann war ich nicht dabei und niemand hat es aufgeschrieben.  Leider haben die Bauern nichts Neues zu erzählen. Aber das macht nichts. Sie reden weiter. Erzählen alles doppelt und dreifach. Mit jeder Minute, die ich am dem Vespertisch sitze, sinkt mein Stundenlohn: Ich werde pro geschriebener Zeile und pro veröffentlichtem Foto bezahlt. Wenn ich hier endlich rauskomme, ist der Artikel noch nicht geschrieben, sind die Fotos noch nicht ausgesucht. Könnte ich wenigstens Alkohol trinken wie der Rest hier... Aber erstens bin ich im Dienst und zweitens mit dem Auto unterwegs. Also Finger weg! Nach fünf Stunden Diskussion sitze ich endlich im Auto. Geschafft! Tief durchatmen! Fuß aufs Gaspedal und ab nach Hause. Der Abend endet damit, dass ich nach Hause komme und eine ordentliche Portion Rum in mein heißes Schoki schütte. Mental gestärkt durch Alkohol und Schokolade setzte ich mich vor den Laptop und brüte über eine Stunde vor dem Artikel. Ach ja, mein Verdienst an diesem Abend: 21,70 Euro abzüglich Spritkosten.

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