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Ein Gefühl der Beklemmung
Herr Mein, Sie haben Auslandseinsätze im Kosovo erlebt, in Georgien und nun in Afghanistan. Sind Sie ein abenteuerlicher Typ?
Offen für neue Erfahrungen bin ich schon immer gewesen. In Verbindung mit der internationalen Polizeimission ist Abenteuer jedoch der falsche Begriff. Meiner Meinung nach kann man sich in ein Abenteuer nur spontan hineinstürzen. Möchte man sich allerdings wie ich auf ein sehr schwieriges Umfeld einlassen, sollte und kann man das nur gut vorbereitet tun. Außerdem sind Abenteuer selten lebensbedrohende Situationen.
Dass ein Auslandseinsatz nicht ungefährlich ist, war Ihnen bewusst. Warum haben Sie sich trotzdem dafür beworben?
Meine erste Berührung mit internationalen Einsätzen entstand durch Erzählungen von Kollegen. Sie haben mein Interesse geweckt. Als meine Kinder das Alter erreicht hatten, in dem man solche Einsätze mit gutem Gewissen machen kann, habe ich beschlossen: Ich will es probieren.
Als Familienvater war es sicherlich nicht leicht für Sie, sich für den Auslandseinsatz zu entscheiden. Welche Beweggründe brachten Sie dennoch dazu?
Zu den Gründen gehörten sicherlich die dienstliche Herausforderung und das Bedürfnis, die Polizei vor Ort zu unterstützen. Aber viel mehr hat mich eigentlich interessiert: Wie leben die Menschen, wie fühlt sich der Konflikt vor Ort hautnah an? Was kann man tun?
War es schwierig für Sie, Ihre Familie von Ihrem Auslandseinsatz zu überzeugen, als sie erfuhren, dass Sie den Auswahlkriterien entsprechen?
Natürlich! Die Familie kann ja nicht absehen, was einen in so einer Situation erwartet. Ganz viele Fragen kamen auf, zum Beispiel: Wie ist die Situation für die Familie zu Hause, wie funktioniert die Kommunikation? Und vor allem: Kommt er heil zurück?
Wie wurden Sie auf Ihren Auslandseinsatz in Afghanistan vorbereitet?
Die Vorbereitung dauerte dreieinhalb Wochen. Wir haben vor allem gelernt, mit der fremden Kultur umzugehen. So habe ich erfahren, wie ich mich verhalten soll, wenn ich zum Beispiel von einem Einheimischen zum Essen eingeladen werde. Was bringe ich als Gastgeschenk mit? Wie benehme ich mich während des Essens? Man lernt alles bis ins letzte Detail. Das ist auch wirklich wichtig.
Das Leben in einem anderen Land bringt sicherlich viele Umstellungen mit sich. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ja, Umstellungen gab es tatsächlich viele. Da mein Einsatzort Kundus in 4 000 Metern Höhe liegt, musste ich mich zuerst an den Höhenunterschied gewöhnen. Außerdem darf man mit Luxus innerhalb der Unterkunft nicht rechnen. Wir wurden zu acht Personen in Zelten untergebracht, da hatte jeder nur sehr wenig Platz.
Was war Ihr genauer Arbeitsauftrag vor Ort?
In dem Projekt, das ich koordinierte und leitete, bildeten deutsche Polizeitrainer 300 afghanische Polizeitrainer aus. Diese afghanischen Polizeitrainer sollen später selbst Polizisten ausbilden, besonders für den Einsatz bei häuslicher Gewalt. Daher war der Unterricht für die Auszubildenden vor allem darauf ausgelegt, zu begreifen, wie sich zum Beispiel eine vom eigenen Mann geschlagene Frau fühlt, die sich an die Polizei wendet und keine Hilfe erfährt. Voraussetzung für die zukünftigen afghanischen Polizeitrainer: Sie müssen lesen und schreiben können, um an diesem Projekt teilnehmen zu können. Man muss bedenken, dass 85 bis 90 Prozent der Bevölkerung in Afghanistan Analphabeten sind.
Was hat sich durch den Einsatz der deutschen Polizei verbessert und entwickelt?
Die Möglichkeit, Polizisten vor Ort auszubilden, hat sich stark verbessert. Eine Ausbildung von Polizisten im sicheren Umfeld ist jetzt möglich. Insgesamt ist die afghanische Polizei im Wachstum, trotzdem sollte Deutschland mit der Polizeiausbildung in Afghanistan fortfahren. Wo die Polizei nicht funktionsfähig ist, gerät die Gesellschaft ins Ungleichgewicht.
Zwei Kulturen treffen bei Auslandseinsätzen aufeinander. Wie empfanden Sie die Begegnungen mit der Bevölkerung vor Ort?
In Afghanistan hatten wir fast gar keinen Kontakt zu Einheimischen. Vor Ort gingen wir von einem gesicherten Bereich zum nächsten. Es ist nicht möglich, sich in Gaststätten oder Bars aufzuhalten. Als "Internationaler" fällt man sofort auf. Unsere Anwesenheit würde sich herumsprechen und Aufständischen und Kriminellen die besten Angriffsmöglichkeiten verschaffen. Aus diesem Grund muss man immer ganz genau schauen: Wo bewegt man sich? Wie bewegt man sich? Auch mussten wir genau planen, wie wir von einem Ort zum anderen kamen. Die wenigen Afghanen, die ich innerhalb der internationalen Polizeimission kennenlernen durfte, erschienen mir sehr freundlich und offen.
Gibt es überhaupt die Möglichkeiten, die Polizistenrolle einmal abzulegen?
Der Alltag ist sehr eingeschränkt, weil wir uns nur in den abgesicherten Bereichen bewegen konnten und auch unsere Freizeit nur dort verbrachten. Wenn man sich gut mit seinen Kollegen versteht oder gerne liest, ist das ein großes Glück. Aber ein normales soziales Leben ist vor Ort fast nicht möglich.
Die Bevölkerung in Afghanistan ist sehr zerrissen. Hat man als internationaler Polizist das Gefühl, vor Ort abgelehnt zu werden?
Selbstverständlich hat man bei der kritischen Sicherheitslage und den andauernden Anschlägen den Eindruck, dass größere Teile der Bevölkerung keinen Wert auf die Anwesenheit der internationalen Einsatzkräfte legen. Unterwegs in der Stadt haben wir die Ablehnung durchaus zu spüren bekommen. Die Wahrscheinlichkeit in einen Anschlag verwickelt zu werden, ist relativ hoch.
Wenn man sich ständig in Gefahr befindet, gibt es dann nicht auch Situationen, die selbst einem Polizisten wie Ihnen Angst einjagen?
Natürlich gab es diese. Im Sommer 2008 wurde beispielsweise ein Lastwagen mit Sprengstoff in meiner Nähe gezündet. Auf Grund einer weiteren Explosion direkt im Anschluss wurde eine Anschlagserie befürchtet. In diesem Fall kommt natürlich ein Gefühl der Beklemmung auf.
Gibt es eine besondere Situation, die Sie noch heute in Erinnerung haben?
Die negativen Seiten des Landes erlebt man jeden Tag neu. Man sieht überall bettelarme Kinder und Frauen auf den Straßen. Im Winter laufen viele Kinder barfuß und spärlich bekleidet durch die Stadt und durchforsten Müllberge, um darin noch Brauchbares zu finden. Solche Bilder bleiben einem in Erinnerung.
Gab es Möglichkeiten, sich auszutauschen über das, was einen bewegt?
Im Kollegenkreis tauscht man sich natürlich immer aus. Nach dem Auslandsaufenthalt gibt es eine Nachbereitungswoche, in der man Erlebtes noch einmal besprechen und aufarbeiten kann. Diese Woche ist verpflichtend für jeden, der an solch einem Projekt teilgenommen hat.
Vermissen Sie die Zeit im Ausland jetzt, da Sie wieder in Deutschland sind?
Davon abgesehen, dass das Ganze eine große Herausforderung war, sollte man trotz allem den Bezug zum Dienst in der Heimat nicht verlieren. Ein gesunder Mix von Ausland und Heimat ist natürlich ideal. Einen weiteren Auslandsaufenthalt habe ich aber trotzdem ins Auge gefasst. Wohin es genau geht, weiß ich noch nicht, aber in meiner Sammlung würde mir noch ein Einsatz in Afrika fehlen.
Was haben Sie persönlich für Ihr weiteres Leben aus diesem Auslandseinsatz mitnehmen können?
Es gibt viele, viele Menschen, die nicht einmal annähernd mit den notwendigen Dingen des alltäglichen Lebens versorgt sind. Menschen in Deutschland würden schreien, wenn sie diese Grundbedürfnisse nicht hätten. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, in Verhältnissen, wie wir sie hier haben, leben zu dürfen.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- alle Artikel von Ronja Most
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