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Es gibt sie auch heute noch - wandernde Handwerksgesellen

Es gibt sie auch heute noch - wandernde Handwerksgesellen

Einen besonderen Gast konnte die Klasse 8 der Bildungswerkstatt Bergatreute begrüßen. Ein wandernder Handwerksgeselle der „freien Vogtländer", der sich zur Zeit in Bodnegg befindet, war der Einladung von FitAS gefolgt und war in die Bildungswerkstatt nach Bergatreute gekommen. Gespannt und fasziniert hörten die Schüler, was denn die Wanderschaft für Handwerksgesellen bedeutet.

 
 

Die Wanderschaft im Handwerk mit ihrer „drei Jahre und einen Tag"-Tradition geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. „Walz" oder auch „Tippelei" genannt, besagt sie, dass junge Handwerker drei Jahre lang auf Wanderschaft gehen müssen, um den väterlichen Beruf bzw. Betrieb übernehmen zu können. Früher konnte nur derjenige Meister werden, der auch auf die Walz gegangen war. Das Wandern war zunächst ein Muss und diente dem Zweck, dem „Wanderburschen" die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln. Mit der Zeit wurde es aber zu einer Ehrensache, zu einer Tradition, nach dem Freispruch mindestens  drei Jahre und einen Tag  lang auf Wanderschaft zu gehen.

Zünfte

Anlaufstellen für die Reisenden waren damals die Zünfte, die sich um ca. 1200 zu bilden begannen. Sie entstanden zuerst in größeren Städten, wo das Handwerk damals eine große Bedeutung hatte. Meist waren mehrere Berufe in einer Zunft vereint, z.B. die Zünfte der Zimmerer, Dachdecker und Maurer. Die auch bis heute noch übliche Einstufung in Lehrling, Geselle und Meister geschah erst im 16. Jahrhundert. Damals bildeten sich die Gesellenschaften im Rahmen einer jeden Zunft heraus und vertraten die Belange der Gesellen gegenüber den Meistern.

Die Gesellenschaften hatten traditionellerweise Abteilungen, die sich um reisende Gesellen kümmerten.  Heute gibt es vier große Zünfte in Deutschland: die „Rechtschaffene", die „Rolandsbrüder", die „Freiheitsbrüder" und die „Freien Vogtländer". Unter ihrer Obhut gehen junge Handwerker auf Wanderschaft. Jede Zunft hat ihre eigenen Regeln. So  darf man drei Jahre lang nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort kommen - außer zu schweren Ereignissen wie Krankheit oder Tod von engen Familienangehörigen.

Äußeres Erkennungsmerkmal der Wanderburschen sind ihre Trachten, insbesondere aber die Farbe ihrer Schlipse. „Rechtschaffene" tragen einen schwarzen, „Rolandsbrüder" einen blauen und die „Freiheitsbrüder" einen roten Schlips. Die „Freien Vogtländer" tragen eine Nadel am Hemd.

Eigenständigkeit und Selbstvertrauen

Die jungen Handwerker lernen, sich auf sich selbst zu verlassen, selbständig für sich zu sorgen und im wahrsten Sinne des Wortes ihren Weg zu machen. Die Walz ist somit eine „praxisnahe Lebensschule", die gesundes Selbstvertrauen gibt, wovon man sein ganzes Leben lang zehrt.
Auf die Walz zu gehen, heißt nicht: Urlaub machen. Während der Walz darf kein richtiger Gewinn und keine Ersparnisse aus dem Arbeitslohn erzielt werden. Nur die nötigsten Sachen dürfen mitgenommen werden, und zur Not müssen auch andere Arbeiten als rein handwerkliche Tätigkeiten angenommen werden, um Essen und Unterkunft zu erhalten. Heute ist ein Wandergeselle auf der Walz natürlich durch die in Deutschland üblichen Sozialversicherungen vor Krankheitskosten und Not geschützt.

Egal wo der Wandergeselle „tippelt" oder arbeitet - er ist ständig direkt in Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort und lernt die fremde Lebensweise somit hautnah kennen. Das Ergebnis: man gewinnt viel Menschenkenntnis und lernt, die Verhaltensweisen anderer Leute zu verstehen. Darüber hinaus erweitert man seine beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Man muss lernen, sich unentwegt anzupassen und andere Fertigkeiten zu erlernen, denn an jedem Ort, in jeder Firma wird anders und mit anderen Methoden gearbeitet. Die Walz ist damit die optimale Vorbereitung auf den Beruf, auf die Meisterprüfung und auf den eigenen Betrieb.

Voraussetzung für die Walz: man ist anpassungsfähig bzw. -freudig! und geht mit mit offenen Augen und wachem Blick durch die Welt geht. Eine gewisse Solidarität, mit seinen Kameraden in guten und schlechten Zeiten zusammenzuhalten, sollte man ebenfalls mitbringen.  Nur eines geht nicht: sich auf die faule Haut legen. Während der Walz gibt es kein Arbeitslosengeld.

Die Schüler der 8. Klasse konnten kaum fassen, dass jemand aus freien Stücken, ohne EC- Karte und Handy auskommen kann - und das aus Überzeugung.  Staunend betrachteten sie das  Wanderbuch unseres Gastes mit den Eintragungen aus aller Welt.
Ein ganz herzliches Dankeschön gilt der Zimmerei Huber aus Bodnegg, die es ermöglicht hat, dass ein Wandergeselle unseren Schülern einen kleinen Blick in sein Leben auf Wanderschaft  geben konnte.
Allen Wandergesellen sei an dieser Stelle zugesichert,  dass ihnen unsere Hochachtung  sicher sei und wir uns über ihren Stopp in unserer Gemeinde stets freuen.

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