gesichtet
Buchtipp: "Memory Error" von Tanya A. Wegberg
„Du hast aber verdammtes Glück gehabt.“ So beginnt Tanya A.Wegbergs besonderes Buch: Memory Error. Das Leben Jordans, der eigentlich ein ganz normaler Teenager ist, aber an einer dissoziativen Störung leidet wird eindrücklich beschrieben. Durch diese Störung hat er in seiner eigenen Biographie Gedächtnislücken. Bei schweren seelischen Verletzungen programmiert sein Körper sich auf Memory Error. So sind einige Ereignisse verschüttet und er wacht an Orten auf, ohne sich zu erinnern, wie er dort hingekommen ist. “Du hast die ganze Zeit hier auf dem Boden gehockt und vor dich hin gestarrt und dann bist du plötzlich ohne Vorwarnung wieder aufgesprungen und auf die Tür zugerast. Ich habe dich dann festgehalten, wenigstens versucht, leider war ich immer schnell genug.“ Diese Ereignisse sind erschreckend für Jordan und unbegreiflich für sein Umfeld.
Das Aller-Allerschlimmste: die Gleichgültigkeit
Doch woher kommt diese dissoziative Störung? Sie stammt aus Jordans Kindheit, in der er von seiner Familie durch Misshandlungen und Gleichgültigkeit seelisch extrem verwundet wurde. Jordan selbst sagt: „Ich meine, es würde ja angehen, nicht geliebt zu werden, vielleicht ist an mir auch nichts Liebenswertes. Aber das Aller-Allerschlimmste war die Gleichgültigkeit.“
Seit seinem ersten längeren „Memory Error-Abenteuer“ lebt Jordan nach einem Klinikaufenthalt in einer betreuten katholischen Jugendwohngruppe. Dort kann er zu Beginn seine Mitbewohner, die er Zwangsbrüder nennt, nicht leiden und hat außerdem Angst vor ihnen. Trotz allem ist Jordan für seinen Wohnheimplatz dankbar. Dies zeigt er durch den sonntäglichen Kirchenbesuch. Dort fühlt er sich wie ein „Brotosaurus oder sonst etwas Ausgestorbenes. Was er an der Kirche nicht leiden kann ist, „dass sie ihre Leute nicht besser im Griff hat. Da bietet sie acht Jugendlichen reichlich Essen, ein Dach über dem Kopf, da könnte man doch als Gegenleistung von diesen Versagern verlangen, dass sie wenigstens eine Stunde pro Woche ihre Ärsche in die Kirche tragen.“
Happy End auf besondere Art und Weise
Jordans erste große Liebe lernt er in der Kirche kennen. Ein junges reiches Mädchen aus gehobenen Familienverhältnissen - das Gegenteil von ihm. Durch diese Beziehung entstehen viele Konflikte: Jordan kommt in Erklärungsnöte, denn wie soll er seine „Memory Error-Momente erklären, wenn er sie selbst nicht versteht? Der Doktor, der in Jordans „Unterbewusstsein rumwühlt, als wäre es ein Grabbeltisch bei Woolworth“, stellt auch noch etliche Fragen.
Am Ende des Buches trifft Jordan seinen Bruder wieder, der ihm hilft seine Gedächtnislücken zu füllen. Es ist ein Happy End auf eine ganz besonderer Art und Weise. Anstelle eines Lebens mit seinem Bruder und seiner Familie entschließt sich Jordan für das Vertrauen in ein Leben mit Robin. Er ist einer der sieben Mitbewohner und leidet unter akuter Magersucht. Zwischen den zuerst verfeindeten Zwangsbrüdern entwickelte sich eine tiefe Freundschaft.
Einfühlsam und authentisch
Robin freute sich sehr für Jordan und das Wiedersehen mit seinem Bruder, aber ihn plagten auch Verlustängste. Doch Jordan nennt als den wichtigsten Grund nicht das Wohnheim zu verlassen: „Das Zimmer wird nicht groß genug für uns beide sein.“ Das Buch endet mit den Worten Robins, die an Jordan gerichtet sind: „Komm, gib mir noch etwas zu essen“!
Die Autorin hat sehr nachhaltig, einfühlsam und authentisch die Biographie eines kranken Teenagers beschrieben. Sie bedient sich einer sehr einfachen Jugendsprache und teilweise auch Vulgarismen. Auffallend sind die vielen Bibelverse die Jordans Leben prägen. Dieses Buch ist sehr lehrreich, denn es zeigt, wie an einer Freundschaft alle Seiten wachsen können und wie heilsam Freundschaften sind. Darüber hinaus schildert es wie sich seelisch-kranke Menschen fühlen. Mein persönliches Lieblingszitat: „ … während ein anderer in meinem Unterbewusstsein rumwühlt, als wäre“s ein Grabbeltisch bei Woolworth!“ Mit diesem Worten erklärt Jordan seine Angst vor dem Doktor und seiner Tiefenentspannungstherapie. Mir gefällt dieses Zitat deshalb, weil es belegt, wie authentisch die Autorin schreibt und ich vermute, dass jeder Mensch sich deshalb in Jordan hinein versetzen kann - egal ob mit seelischer Störung oder ohne. Ein besonderes Buch, das für Einfühlsamkeit steht und zum Nachdenken anregt über Identität, Freundschaft, Seele und Gedächtnis.

Tanya A. Wegberg
Memory Error oder Wie mein Vater über den Jordan ging
Rowohlt Verlag
Taschenbuch
320 Seiten
ISBN 978-3-499-21478-3
8, 95 Euro
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