gesichtet
Buchtipp: "Guantanamo Boy" von Anna Parera
„Willkommen im Gefangenenlager von Guantanamo Bay. Ihr seid jetzt Eigentum des US-Marine-Corps. Köpfe runter!“ So wird Khalid am zur Zeit für Menschenrechtsverletzungen wohl bekanntesten Ort der Welt empfangen: Guantanamo Bay, dem amerikanischen Militärstützpunkt und Gefangenenlager für mutmaßliche Terroristen auf Kuba.
Am Beginn die heile Welt...
Zunächst beginnt die Geschichte des fünfzehnjährigen Khalid, Sohn pakistanischer Einwanderer, in einer Kleinstadt nahe Manchester in Großbritannien. Er führt das typische Leben eines Jugendlichen: Nervende Eltern, coole Freunde und erste schüchterne Erfahrungen mit Mädchen. Seine Welt ist eigentlich nur in den Computerspielen, die er gerne spielt, brutal. Politik interessiert ihn nicht weiter, Terror und Gewalt kennt er nur aus den Nachrichten. Geschickt beschreibt Perera zunächst diese im Großen und Ganzen heile Welt, die sich schließlich für Khalid ins Gegenteil verkehrt: Trotz Warnungen vor Entführungen fliegen seine Eltern in den Ferien nach Pakistan, um Verwandte zu besuchen und Khalid muss natürlich mit. Tagsüber spielt er nun um des Familienfriedens willen den braven Sohn, die Nächte verbringt er heimlich am Computer, den seine Verwandten zum Glück besitzen.
… die jäh und brutal zu Ende geht
Doch dann verschwindet sein Vater und später wird Khalid selbst mitten in der Nacht von dem Computer weggerissen und entführt. Nachdem er brutal zusammengeschlagen wurde, beginnen wochenlange Verhöre, bei denen man Khalid kein Wort glaubt und nur hören will, dass er zugibt, ein Terrorist zu sein. Er hat keinen Kontakt zu seiner Familie, weiß lange nicht einmal, was ihm genau vorgeworfen wird.
Das Buch wird aus der Perspektive Khalids geschrieben, der nun durch die Hölle geht. Eindringlich schildert es seine Gefühle, das Leid, das er erfährt. Ausführlich lässt Perera ihn das ‚Waterboarding’ durchleben, eine der bekanntesten Foltermethoden, bei dem der Gefolterte zu ertrinken meint.
Guantanamo Bay – ein Lager unter vielen?
Der Leser geht diesen Weg mit Khalid der stellvertretend für tausende andere steht, wird Zeuge der Verbrechen der Amerikaner in geheimen Gefangenenlagern. Die es vermutlich eltweit gibt, es fehlen jedoch Beweise. Auf diesen basiert die fiktive Geschichte, es ist jedoch gut möglich, dass sich auch Minderjährige in Guantanamo befanden. Oder vielleicht noch befinden? Die Autorin spielt mit solchen Unsicherheiten und offenen Fragen, lässt viele am Ende auch offen. Zum Beispiel ob Khalid verwechselt oder gar für ein paar tausend Dollar verraten wurde.
Zu einseitiger Blick auf den Konflikt?
Perera schafft es, diesen harten Stoff in einer einfachen, anschaulichen Sprache zu vermittelnund gleichzeitig eine intensive Geschichte zu schreiben. . Im Gegenteil - die unschuldige Sprache verstärkt noch das Unrecht und unterstreicht Khalids Hilflosigkeit. Man kann Perera jedoch auch vorwerfen, eine zu einseitige Sicht auf den Terror seit dem 11.September 2001 und Amerikas Reaktion darauf einzunehmen. So sind die Muslime und der Islam allgemein meist nur die Opfer der arroganten, böswilligen Amerikaner, die im Buch nur als Soldaten mit Maschinenpistolen und unbarmherzigen Agenten in Anzügen auftreten. Ihr Vorgehen rechtfertigen sie mit Bildern von Menschen, die aus den Türmen des World Trade Centers springen. Die Freiheit, die sie durch den Terror gefährdet sehen, wollen sie verteidigen indem sie anderen die Freiheit entziehen. Nur manchmal liefert die Autorin wirkliche Ansätze zur Erklärung oder gar Lösung des Konflikts zwischen der westlichen Welt und dem Islam. Hauptsächlich geschieht dies bei den nur selten möglichen und geduldeten Dialogen von Khalid mit älteren Mitgefangenen, zum Beispiel über einen eigentlich gewaltfreien Islam, der durch die Politik missbraucht wird. Mehr wäre für ein Jugendbuch wahrscheinlich auch zu viel des Guten.
Spannend und lehrreich zugleich
Deutlich ist Perera bei der Botschaft, die sie dem Leser mit auf den Weg geben will: Gewalt erzeugt nur Gegengewalt, Hass nur noch mehr Hass. Und wenn man einen Unschuldigen foltert und ihn nur dann zurück in seine kleine dunkle Zelle wirft, nachdem er zugegeben hat, ein Terrorist zu sein, wird er sich irgendwann auch so fühlen und seine Peiniger verfluchen und verfolgen. Damit ist „Guantanamo Boy“ ein Plädoyer gegen die Ungerechtigkeit und für wirkliche Freiheit, die nicht auf Folter, Lügen und Gewalt basiert. Und die geht uns alle an.

Anna Perera
Guantanamo Boy
Random House
ab 13 Jahren
384 Seiten, gebunden
ISBN: 3570160505
14,95 Euro
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