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extra kurios: Revolution im Ausverkauf

extra kurios: Revolution im Ausverkauf

Ein Trinkjogurt plant den politischen Umsturz, Pappmännchen füllen die kahlen Reihen im Straßenkampf. Unsere Großeltern gelten heute als Spießer. Unsere Eltern als Revolutionäre. Doch wer sind wir?

 
 

Wahnsinn! Dieser neue Trinkjogurt - einfach revolutionär! Und der hat dabei nur Null-Komma-ein-Prozent Fett!", tönt die schrille Frauenstimme aus dem Fernseher. Unumstritten: Das ist blanker Wahnsinn. Denn was Flüssigjogurt - mit kleinen, die Gesundheit fördernden Bakterien - mit einem meist gewaltsamen, poltischen Umsturz gemein hat, bleibt unklar. Oder was Revolutionsführer wie Che Guevara oder Diktatoren wie Mao Tse Tung mit dem neuen Modell eines osteuropäischen Automobilherstellers. Fakt ist: Deutschland hat definitiv mehr nötig, als ein neuartiges Produkt aus der Kühltheke. Doch leider locken nicht einmal gestärkte Abwehrkräfte die Massen zu Demonstrationen auf die Straße.

Gerade junge Deutsche zeigen auf den ersten Blick nur geringes Interesse, für ihre Rechte einzustehen. Sind wir also die neuen Spießer oder doch heimliche Revolutionäre? Unsere Großeltern und Eltern haben uns kein leichtes Erbe hinterlassen. Denn gelten die einen als konservativ, letztere als Widerständler, tut sich die aktuelle Generation schwer, ihren Platz in der Geschichte zu finden. Während Opa noch Wert auf Tugenden wie Ordnung und Disziplin legt, lassen uns viele Eltern frei nach dem Motto "Laissez-faire" eigene Grenzen erkunden. Doch ohne klare Grenzen fällt die Rebellion gegen ebendiese ähnlich dem Kampf Don Quichottes gegen die Windmühlen schwer. Resignation macht sich breit, verdrängte Hilflosigkeit. Klammheimlich kehrt daraufhin ein Teil der Deutschen mit hängenden Köpfen, künftig Scheuklappen und von der Revolutionswelle gesättigt zu alten Werten und Normen zurück. Schließlich sind die im Großen und Ganzen bequemer, als bei Wind und Wetter auf Deutschlands Straßen zu marschieren. Nur wenige bleiben ihrem eingeschlagenen Kurs treu. Viele der einstigen so genannten 68er versuchen die Welt im Kleinen zu verändern und bilden die Zukunft aus: Sie werden Lehrer. Doch mit der Zeit macht sich auch bei vielen der damals glühenden Verfechter Kampfesmüdigkeit breit. Immerhin wird in der Schule niemand mehr geschlagen und es gibt häufig Teamarbeit statt autoritärem Frontalunterricht - insgesamt ein Schmalspursieg mit schalem Beigeschmack.

Evolution statt Revolution

Das lateinische Fremdwort "Revolution" bedeutet im ursprünglichen Sinne Veränderung, Neuerung. Doch wie kann man etwas Neues noch neuer machen? Wie wird man revolutionärer als unsere revolutionären Eltern? Vielleicht, indem man die in den 60er Jahren initiierte Bewegung nicht als schlagartigen Umbruch sieht, sondern als langsamen Prozess, als Evolution statt Revolution. Denn - und das muss man gestehen - herrschte damals in Deutschland kein Zustand, der den generellen Umsturz zwingend notwendig gemacht hätte. Die Studenten konnten sich eines künftigen Jobs, sozialer Absicherung sicher sein.

Den Wusch nach einem radikalen Neustart bedingt ein anderer Faktor mit: Jede Generation sucht den Unterschied zu ihrer Elterngeneration. Das ist ein natürlicher Vorgang, will man erwachsen werden. Eine zweite Trotzphase, ein "Ich-will-aber!", eine latent aggressive Selbstbehauptung. Teils durch den unglaublichen Rausch der Hormone im Blut junger, entfesselter Deutscher, teils durch die Vorstellung: Alles ist möglich, solange man eine Vision hat. "Wenn man Tag und Nacht und sieben Tage in der Woche hinter der Revolution herackert, da weiß man nach sieben Jahren nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist", reflektiert der ehemalige Außenminister und grüne Aktivist Joschka Fischer.

Revolution beginnt mit Kritik

Revolution war für unsere Eltern nicht rein politisch, sondern ein Lebensgefühl: Gesellschaftskritik bewegte nicht nur die  Köpfe, sondern auch die Musik der 60er, beispielweise Ralph McTells populäres Lied "Streets of London". Gleichzeitig spiegeln die damaligen Vorgänge eine Form des Begreifens wider. Unentdeckte Schwachstellen der Gesellschaft rücken ins Licht - ob sie behoben werden, ist eine andere Sache. Doch zumindest fallen sie auf. Revolution beginnt mit Kritik, der Frage: Sollte es nicht eigentlich anders sein? Heute wird zu oft an Fehlern anderer gemäkelt, anstatt bei sich selbst zu beginnen. Wir haben verlernt, unsere eigene Rolle in der Welt zu erkennen. Stattdessen macht man es sich pauschal einfach: Die Lehrer sind schuld, die Politiker sind schuld, die Welt ist einfach schlecht. Basta. Die Problematik, schlicht alle Kritik von sich zu weisen, erkannte schon Staatsphilosoph Karl Marx: "Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen: dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen." Eine pessimistische Ansicht, doch so klar zutreffend.

Die Medienflut erschlägt die Menschheit. Sie überflutet uns gleich einem Tsunami ununterbrochen, Tag für Tag, mit Reizen jeglicher Art - und lenkt ab. Statt gegen unzumutbare Zustände in Deutschland zu protestieren, gehen die Deutschen lieber gegen Kriege in Sonstwo auf die Straßen. Wir reden uns ein, Globales gehe vor regionalen Problemen. Schließlich können die armen Menschen das ja nicht selbst. In Tibet beispielsweise werden Dutzende "versehentlich" von Chinesen für freie Meinungsäußerung erschossen. In Deutschland hingegen ist schon lange niemand mehr verschwunden, der für seine Rechte eintritt. Eine provokante Hypothese: Vielleicht fehlt dem hiesigen Sofavolk der Nervenkitzel, das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Wir sind vom Fernsehen, von Nachrichten aus aller Welt abgestumpft. So leicht lockt uns nichts mehr hinter der Couch hervor. Für seine Mitmenschen tritt der Durchschnittsdeutsche nicht mehr ein - solange bis es ihn persönlich trifft. Da wo es besonders schmerzt: im Geldbeutel. Der sowjetische Ex-Diktator Josef Stalin spöttelte einst über die Deutschen: "In Deutschland kann es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müßte." Weil man Demonstrationen im voraus anmelden und genehmigen lassen muss. Spontanität? Gleich Null.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Alternative: In die Politik gehen und die Welt verbessern. Doch schnell erkennt man, dass auch hier Verbindungen zu den richtigen Menschen, Freunde an richtiger Stelle wichtiger sind, als Idealismus und konstruktive Ideen. Wer davon verschont bleibt, fällt spätestens beim Aufstieg  Ränkespielchen zum Opfer oder verliert innerhalb kürzester Zeit seinen Glauben an das Gute, an Freiheit und Demokratie. Heute ist für viele junge Deutsche politisches und gesellschaftliches Engagement nur noch Mittel zum Zweck: Eine notwendige Fußnote im reinweißen Lebenslauf. Berechnend kalkulieren sie investierte Zeit, den Nutzen: Für was soll ich eintreten? Fürs Stipendium, für die Wale oder doch eher gegen die Globalisierung? Das hat nichts mehr mit Idealen gemein, sondern ist Ausdruck des heutigen Lebensmottos: Lebe für den Lebenslauf. Und tue nur das, was dich persönlich weiter bringt - nach oben Richtung Traumkarriere.

Wer dabei wieder einmal ins Abseits gerät, sind die, die eigentlich Grund für eine Revolution hätten. Nicht die Intelektuellen, sondern die Hartz-IV-Kinder, deren Zukunft in Deutschland oft schon vorbei ist, bevor sie überhaupt beginnt. Die sich nicht artikulieren können, keine Lobby haben, die Druck machen kann. Und dann gibt es noch die Gruppe der Studenten, die heute schon erkennt, dass es morgen keine Zukunft mehr für sie in ihrem Heimatland geben wird. Da der Inder beispielsweise für die Hälfte des Lohns den Server des Unternehmens  pflegt, die Brücke baut. Oder der Weißrusse, der zwar kaum ein Wort Deutsch spricht, aber uns in der Notaufnahme zusammenflickt. Wann werden die, die das Zeug dazu haben, sich zu wehren, den Mund aufmachen? Aus ihrer Lethargie erwachen und für ihre Zukunft eintreten: für ihre Freiheit, für ihre Umwelt, für die schiere  Existenz sowie die Möglichkeit, sich in dem Land zu entfalten, dass sie ihre Heimat nennen.

Viele sehen das Desaster nahen. Die Sackgasse, in die uns kurzsichtige politische und ökonomische Schachzüge steuern. Und unternehmen - nichts. Was wird uns bewusst, wenn wir in einer klaren Sommernacht in den Sternenhimmel schauen? Wir sind mäuseklein, unwichtig. Genau dasselbe verspüren junge Deutsche, wenn sie in der globalisierten Welt an ihre Rolle denken. Doch das stimmt nicht: Es gibt sie noch, vereinzelt. Die heimlichen Revolutionäre. Die langsam aus ihrem Tiefschlaf erwachen und nachts wach im Bett liegen und sich Gedanken machen: Wie geht es mit uns weiter? Und es gab sie auch nach 1968: beispielsweise in den 80ern, in der DDR. Wir müssen uns nur eins bewusst machen. Selbst wenn es noch niemand ausspricht, wir denken nicht allein. Und: Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

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