freistil
Du bist dein Netzwerk
Du bist online
Der Moment, an dem ich mich der Generation Web 2.0 nicht mehr verweigern konnte, kam an einem Herbsttag, der mich erahnen ließ, wie ich die nächsten Monate verbringen würde: Im Wollpulli und vor dem Rechner. Es war der Tag, an dem ich mich dazu entschloss, Teil eines Netzwerkes zu werden. Ich konnte mich den Gepflogenheiten des modernen Lebens nicht mehr entziehen. Meiner Rebellion war die Luft ausgegangen. Plötzlich veränderte sich etwas in meinem Kopf. Da stand nicht mehr "Du bist Deutschland" oder "Du bist Opfer deines eigenen Lebenslaufes", sondern: "Du bist online".
Spiel des Lebens
Meine Generation und ich, wir verbringen viel Zeit vor dem Rechner. In der Uni, beim Praktikum, im Job, bei Starbucks. Dabei sind wir stets online. Und wir alle müssen Zeit überbrücken, uns ablenken, entspannen, seit neuestem auch ein Netzwerk pflegen. Plötzlich nutzen wir kleine Zeiträume, die wir nicht für Alltagsaktivitäten wie Abwaschen, Einkaufen oder Lernen verwenden können, für "networking" und lassen dabei bewusst unsere Freunde zu offiziellen Figuren in unserem Spiel des Lebens werden, das da heißt "Wer kennt wen von woher über wen?" Schon befindet man sich mittendrin in der Spielvorbereitung, fügt Freunde hinzu, hinterlässt Nachrichten auf Pinnwänden, meldet sich bei Gruppen an. Dann immer dieselbe gespielte Überraschung: "Was, du auch hier? Weißt du noch, damals... und, was machst du jetzt so?" Endlich ist jeder nur noch einen Mausklick entfernt, unser Leben so einfach geworden. Aber eben nur auf dem Bildschirm.
Einfacher, komfortabler, schneller
Lange Zeit habe ich versucht, meine virtuelle Darstellung in Netzwerken zu boykottieren, nach vermehrten Nachfragen meiner Freude im realweltlichen Leben war mir klar: Wenn ich jetzt nicht mitmache, bin ich bald isoliert mit meinen SMS und meinen E-Mails, die ich den Mitgliedern meines Freundeskreises schreibe. Denn nun geht alles einfacher, komfortabler, schneller. Communityvermittelt eben.
Meine wahren Freunde sind in meinem Herzen
Wir kommunizieren transparent, sichtbar für alle anderen im Netz – und das sind schließlich alle. Jetzt kann ich mein Image selbst erschaffen. Lieblingsfilme, Lieblingsbücher, Lieblingsmetropolen, Lieblingsmenschen. Ich definiere mich über die Freunde, die in meinem Netzwerk sind. Und vor allem: wie viele ich dort versammelt habe. Es ist wie früher in der Grundschule, wo ich mich entscheiden konnte, wer in mein Poesiealbum schreibt. Damals war auch noch die Reihenfolge der Einträge wichtig. Die Frage, ob Vanille oder Erdbeere meine Lieblingseissorte ist, wurde existenziell. "Meine wahren Freunde sind in meinem Herzen, nicht virtuell auf einer Freundesliste", meinte ich jüngst zu einer Bekannten, die mir eine Einladung für ihre Community gesendet hatte. Nun hat mich das moderne Leben eingeholt, der romantische Teil in mir schlägt verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen. Die Entschleunigung, die ich für mich stets anstrebte, kann ich nun getrost in einer Kiste auf den Speicher stellen. Meine Seele, die bei meinem schnellen Leben oft nicht hinterherkommt, muss sich erneut an ein turboeskes Tempo gewöhnen.
Ich bin mein Netzwerk
Trotzdem werde ich meine Affinität zu Briefen und langen Spaziergängen niemals verlieren. Ganz einfach deshalb, weil das Leben dort stattfindet, wo kein Rechner steht. Meine Person ist indes virtuell und transparent geworden. Jeder kennt meinen Beziehungsstatus, meinen Musikgeschmack und wird an meinen Geburtstag erinnert. Doch nachdem man mein Profil im Netz gelesen hat, weiß man von mir noch immer fast nichts. Kein Geruch, keine Stimme, kein Blick. Eben nur die Seite eines Poesiealbums, die ich für mich selbst ausgefüllt habe. Ich bin mein Netzwerk und ganz schön traurig darüber.
Weiterführende Links:
im Jugendnetz:
- Stichwort Computer & Internet
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-
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