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Kränkelt das Mikrofinanzwesen?
Mikrokredite
"Wir wollten auf den Mond, also sind wir da hingeflogen. Wir erreichten, was wir wollten." Muhammend Yunus ist tatsächlich eine Punktlandung in der Entwicklungspolitik gelungen. Vor mehr als 30 Jahren gründete der gebürtige Bengale in seinem Heimatland die erste Bank für Mikrokredite. Seitdem hat die Grameen Bank mit inzwischen über 2500 Filialen in Bangladesch Kredite in Höhe von umgerechnet sechs Millionen Dollar an rund sieben Millionen Arme vergeben.
Als Sozialunternehmen ist die Grameen Bank nicht gewinnorientiert. Sie verfolgt ausschließlich das Ziel der Armutsbekämpfung. Das Konzept des Mikrofinanzwesen ist simpel: Die Bank verleiht Kleinstkredite in Höhe von meistens bis zu hundert Euro an Menschen, denen der Zugang zu herkömmlichen Krediten verwehrt bleibt. Somit ermöglicht sie Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten den Start ins eigene Gewerbe. "Heute bin ich Geschäftsfrau", sagt Frau Nabori, eine erfolgreiche Kreditnehmerin aus Kenia, stolz. Ein Kredit von 80 Euro half ihr, das erste Gemüsebeet anzulegen. Heute beliefert sie die örtliche Grundschule mit Gurken und Tomaten. Das bringt ihr ein stattliches Monatseinkommen von rund 50 Euro. So kann sie für jedes ihrer Kinder die notwendigen Schulgebühren aufbringen.
Hilfe zur Selbsthilfe lautet die Maxime
Und tatsächlich fällt das Konzept des Mikrofinanzwesens auf fruchtbaren Boden. Diesen Beweis liefert auch die ungewöhnlich hohe Rückzahlquote der Kreditnehmer, die mit rund 98,6 Prozent den deutschen Durchschnittswert von 95, 4 Prozent bei weitem übertrifft. Inzwischen gibt es in fast allen Ländern Mikrokredit-Programme. Mit dieser weltweiten Adaption des erfolgreichen Konzepts aus Bangladesch geht allerdings auch eine beunruhigende Entwicklung einher. Vom Begründer Muhammed Yunus noch sehr genau als Werkzeug gegen die Armut definiert, verliert das Mikrofinanzwesen allmählich diese Funktion. Spätestens seit große Investoren wie die Investmentbank CitiGroup die Rentabilität von Mikrofinanzinvestments für sich entdeckt haben, findet eine fortschreitende Kapitalisierung des Sektors statt. Das Sozialunternehmen Mikrokredit wird zur Kapitalanlage.
Damit gerät auch dieser Sektor in die vernichtenden Fänge der Finanzkrise. Die Auswirkungen der Krise auf die weltweit Ärmsten verschärft diese Situation zusätzlich. Durch steigende Öl- und Nahrungsmittelpreise sind vor allem die wirtschaftlich schwachen Entwicklungsländer betroffen, wo die meisten Kreditnehmer rund 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Viele können somit ihre Kredite nicht mehr begleichen.
Hinzu kommt, dass viele Kleinstunternehmen der Kreditnehmer von der Insolvenz bedroht sind, da auch in den Entwicklungsländern die Binnennachfrage auf Grund der Krise abschwächt. Folglich sind Mikrofinanzinstitute von zwei Seiten durch die Finanzkrise bedroht: Von "oben" sind sie durch die Insolvenz ihrer Kapitalgeber, der Investoren, gefährdet. Von "unten" droht die Insolvenz ihrer Kreditnehmer und damit das Ausbleiben von Kreditrückzahlungen. Neben ganzen Banken und Staaten, die vor dem Bankrott stehen, mag die Gefährdung des Mikrofinanzsektors vielleicht klein anmuten. Dennoch, ein kleiner Verlust für die Finanzkrise, ein großer Verlust für die Entwicklungspolitik. Möge Muhammed Yunus bei seiner Mondlandung nur nicht einfach den Boden unter den Füßen verlieren.
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