freistil
Kopfmüllhalde
"Vom Acker, Tasse!" Das Gebrüll weckt die Nachbarn, denn die Tasse ist nicht alleine in ihrer Trägheit. Mit ihr die nie-nie wiederaufladbare Batterie, die in Spinnweben gehüllte Fliegenklatsche, die Zahnpasta, die seit Wochen nicht leer geht und seit Wochen nicht schmeckt, der aufgeschwatzte Flyer in der Hosentasche, alles tritt auf die Bühne, spricht nicht zum gähnenden Publikum und schlimmer noch - vergisst, wieder abzutreten.
Provozieren geht über studieren
Man kann es nicht schön reden, das Gegenstands-Pack ist weder hochbegabt noch dient es der allgemeinen Erheiterung. Der gegenseitigen vielleicht? Wenn das nicht eine eingeschworene Bande ist, die hinter unserem Rücken auf den Putz haut, Saufgelage, Gericht und Olympiaden hält, bis die Obstschale ein Machtwort spricht! Ist das so, kann der Schund was? Sich nachts regen, wenn wir schlafen oder wegsehen? Provozieren geht über studieren: "Der Lehrer schreibt an die Tafel …" Tobt die Toystory? Zackige Halb-Pirouette. Leider nein, nicht mal ein tanzender Toaster. Punkt.
Früher war alles besser
Eine Betrachtung kleinwüchsiger Kinderwageninsassen beim Kulleraugenkreisen und Sabberrinnsaltrielen: Sie staunen, weil vor ihnen ein Hokus-Pokus der Objekte stattfindet, das nur sie sehen können. Gegenstände tauchen auf, wenn der Babyblick sie streift und verpuffen, wenn er weiterzieht. Sandmännchen, Karottenbrei, leicht verschluckbares Kleinteil. Zappzarapp! Keine Rauchwolke, kein gedankliches Überbleibsel erinnert an das Objekt von vor einer Sekunde.
Dank sei der kognitiven Vorstellung
Im Kindswahn zwischen Krabbeln und Grasausreißen vergisst das Baby alles, was es nicht akut sieht, fühlt oder hört. Seine kognitive Vorstellung räumt hinter ihm auf, oder die Mama, es selbst schert das Kuddelmuddel jedenfalls nicht die Bohne, ist längst vergessen. Deshalb brauchen Babys auch keine Statussymbole wie teure Autos. Die könnten sie weder fahren noch kognitiv speichern. Wie, mein Porsche hinter dem Garagentor, meine Gucci-Jeans im Kleiderschrank? Ulkig, Spielkamerad, du halli…hallo…halluzinierst! Doch dann kommt die kognitive Revolution und macht Licht im Kopf.
Kopf-Haltbarkeit
Die leise Ahnung von einem Anti-Verpuffungsgesetz keimt auf, der sogenannten Objektspermanenz. Alles, was seitdem in unser Blickfeld gerät, entwickelt eine enorme Kopf-Haltbarkeit. Jeder Kekskrümel, jedes Bonbonpapierchen brennt sich ins Gedächtnis, schlägt Wurzeln, versenkt rostige Anker, wird unabschüttelbar, zum mentalen Fingerabdruck, zur Plage zum Mitnehmen. Die Ohrfeige der Objekte hat geschallt. Und während wir unsere brennende Wange halten, den Knall noch im Ohr hören, überrollt uns die Gewissheit: Die Gegenstände um uns führen ein Eigenleben! Auch wenn wir längst außer Sicht sind, über alle Berge geflüchtet, sie behalten ihren Platz. Wie Wackersteine - im Sitzstreik für weiß der Kuckuck.
Zwischen Gedankenkrimskrams und Kopfmeer
Der Umkehrschluss aber gefällt mir. Wenn es alles ewig gibt, das einmal unsere Aufmerksamkeit erhascht, dann gibt es nichts, was den Sinnen bisher fremd blieb. So wie Jäger. Die sind Humbug. Und solange keiner meinen Waldweg kreuzt, werden sie sich auch nicht in meinen Kopf quetschen und mein eBay-Passwort verdrängen. Da ist genug Schund. So viel Schund, dass man sich fragen muss, wohin das führt. Eine im Gedankenkrimskrams stapfende, im Kopfmeer ertrinkende Gesellschaft?
Mach, Einen, Abgang
Wir haben wenige Optionen. Eine Flatrate für Anti-Objektpermanenz ist eine. Die sollten wir uns was kosten lassen, ob Geldwert oder Kompromisse. Man müsste bereit sein, den Rest des Lebens nur noch drei Wörter zu verwenden, wenn es das fordert. Mach, Einen, Abgang. Weg, Du, Gegenstand. Oder man rüstet eine mürrische Altherrengruppe mit Golfschlägern aus. Komm in die Hufe und schlag das Zeug aus der Umlaufbahn, Opa! Oh weh, typischer Fall! Erziehung versinkt im Schund der Kopfmüllhalde.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
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