freistil
Das intelligente Gebäude
Schumannstraße 8 in Berlin, um die Ecke liegt die Bundeszentrale der FDP, zwei Straßen weiter der Bahnhof Friedrichstraße. Hier steht das Gebäude der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung. Das Stiftungshaus soll, so lese ich in einer Broschüre, die Werte der Stiftung widerspiegeln. Das sind besonders Ökologie und Nachhaltigkeit. Ein Ökohaus in Berlin Mitte? Wenn ich an nachhaltiges Bauen denke, sehe ich eher ein massives Holzhaus in idyllischer Landschaft vor mir, mit einem Ofen und unbehandelten Dielen. Aber hier, in der Schumannstraße, steht ein moderner, weißer Betonklotz mit großen Fensterfronten. Im zweiten Stock ragt eine grün verglaste Etage über die Seitenwände heraus, als hätte man den Klotz wie ein Sandwich aufgeschnitten und eine Salatscheibe dazwischen geschoben. "Das Gebäude setzt Maßstäbe für umweltgerechtes Bauen", steht es in dem Flyer.
Heizungskeller im zweiten Stock
Von außen deuten lediglich die viele Fahrräder vor dem Eingang auf Umweltbewusstsein hin. Ähnlich wie mir geht es anscheinend vielen anderen Besuchern. "Wir werden oft gefragt, wo denn jetzt die Holzschnitzel-Anlage ist. So ein Betonklotz kann doch kein Öko-Haus sein", meint Bert Bloß schmunzelnd. Der Leiter des Technischen Dienstes der Heinrich-Böll-Stiftung will mir das Haus von innen zeigen und die komplizierte Technik näherbringen. Als erstes führt er mich in den Keller. In einem Raum stehen zwei Geräte, die aussehen wie große Grills. Ein grüner Kasten aus Metall, der auf der einen Seite offen ist. Dort befindet sich der Grillrost. Hinter dem Grillrost, unten im grünen Kasten, sind zwei Ventilatoren angebracht, darüber kleine Wasserdüsen. "Wenn es im Haus zu warm wird, spritzen die Düsen Wasser auf den Rost", erklärt Bert Bloß. Die Ventilatoren pusten Luft unter den Grill. Mit den Wasserspritzern von den Düsen kühlt sich die Luft ab. "Das funktioniert, wie wenn man mit einem nassen T-Shirt Fahrrad fährt", erklärt Bloß.
Zwischen grünen Kästen und einem Grillrost
Ein Kühlsystem ist in der Heinrich-Böll-Stiftung besonders wichtig. Das Haus sei sehr gut gedämmt, damit die Heizungen nicht die Straße mitheizen, erklärt mir Bloß. Das heiße allerdings, dass auch im Sommer kaum warme Luft nach draußen entweichen kann. Die Raumtemperatur in der Stiftung soll 25 Grad aber nicht übersteigen. "Heute ist nicht mehr das größte Problem, wie man ein Gebäude heizen kann, sondern wie man es kühlt", sagt Bloß. Das grüne Gerät im Keller sieht aus wie ein Grill und heißt adiabatischer Rückkühler. Durch diesen Rückkühler verlaufen Wasserleitungen, die mit Leitungen im ganzen Gebäude verbunden sind. Durch die kalte Luft im Kasten kühlt sich auch das Wasser in den Rohren im Rückkühler ab. Das kalte Wasser verteilt sich dann in den Leitungen im ganzen Haus und kühlt so die Luft.
Server dienen als Heizung
Im Winter muss das Gebäude trotz guter Isolation beheizt werden. Der Heizungskeller der Böll-Stiftung befindet sich im zweiten Stock. Hoch gehen wir durch ein knallgrün angestrichenes Treppenhaus, aber auch einen Aufzug gibt es im Haus. In einem Raum stehen die Computerserver der Stiftung. "Was anderswo lästige Wärme ist, nutzen wir hier als Heizung", sagt Bloß. Die Server befinden sich in sogenannten Cool-Racks, einer besonderen Art von Kühlschrank: vier Türme hinter Glas, aus denen ein bunter Kabelsalat ragt. Durch die Cool-Racks verlaufen Wasserleitungen, genauso wie durch die Rückkühler im Keller. Hier wird das Wasser durch die Abwärme der Server gewärmt.
Vorbild für andere
Legt man die Hand auf, spürt man, wie warm die Server sind. Das System ist so effektiv, dass die Stiftung nur wenig über Fernwärme, also mit Wärme von außen, beheizt werden muss. Als ich mir das Gebäude anschaue, hat es draußen noch 12 Grad. Bei dieser Temperatur reicht die Serverwärme aus, die Fernwärmeanzeige steht auf null. "Mit möglichst wenig Technik, dafür aber umso innovativer, ein nachhaltiges Gebäude zu schaffen, war das Ziel beim Bau des Stiftungshauses", betont Bloß. Ganz bewusst habe die Stiftung neue Techniken eingesetzt, um als Vorbild für andere zu dienen - Vorbild für ein nachhaltiges Haus mitten in einer Großstadt.
Ein Energiekonzept aus der Schweiz
Das Energiekonzept kommt von einem Schweizer Ingenieurunternehmen. Entworfen wurde das Gebäude vom Architekturbüro "eckert eckert", ebenfalls aus der Schweiz. Vor der Fensterfront im Büro von Bert Bloß steht ein grauer Holzkasten, der aussieht wie eine praktische Bank. Die Bank ist ein sogenanntes Brüstungsgerät, Heizung und Klimaanlage in einem. Hier laufen Wasserleitungen durch, die mit dem Rückkühler im Keller und den Cool-Racks im Serverraum verbunden sind. Ein Hochleistungswärmetauscher gibt die Wärme oder Kälte aus dem Wasser an die Luft im Brüstungsgerät ab, das die Luft dann durch einen schmalen Spalt ins Büro pustet. Streckt man die Hand über den Spalt, fühlt man, wie die Luft entweicht. Automatisch hält das Brüstungsgerät die Raumtemperatur unter 25 Grad.
Eine Lüftung über das Atrium
Ferngesteuert wie die Heizung sind in den Büros der Böll-Stiftung auch die Lampen und Jalousien an den Fenstern. "Der Mensch ist nunmal die größte Fehlerquelle", meint Bloß. Schon wer das Licht aus Versehen anlässt, verschwendet Energie. Wird es dunkel in der Böll-Stiftung, gehen die Lampen automatisch an. Allerdings nicht gleich auf volle Power, sondern gedimmt, je nachdem, wie viel Licht benötigt wird. Auch die Jalousien gehen automatisch auf und zu. "Wir haben versucht, hier die Balance zu halten und zu überlegen, was man den Mitarbeitern noch zumuten kann und was nicht", sagt Bloß. Er ergänzt: "Lüften dürfen wir schon noch selbst." Gelüftet wird aber über eine Art Innenhof im Gebäude, das sogenannte Atrium. Im Winter wird hier die Abwärme aus der verbrauchten Luft gewonnen und zum Aufwärmen der frischen Luft verwendet. Finanziert wurde das Gebäude der Heinrich-Böll-Stiftung aus öffentlichen Mitteln. Für die Stiftung ist es eine Verpflichtung, mit verschiedenen Veranstaltungen den Bürgern "einen möglichst großen Gegenwert zurückzugeben."
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- alle Artikel von Susan Djahangard
- Stichwort Ökologie
- Stichwort Wissenschaft & Technik
- weitere Artikel aus der Noir
im weiteren WWW:
- Noir - das junge Magazin der Jugendpresse Baden-Württemberg


