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extra religion: Kinder Gottes
Am 9. September diesen Jahres stimmte eine große Mehrheit des iranischen Parlamentes dem Gesetzesentwurf zum islamischen Vergeltungsrecht, Paragraph 225, zu. Wenn nun auch der konservative islamische Wächterrat einwilligt, kann das, was bisher unter der Hand geschah, bald legal werden: Die offizielle Ausblendung der Religionsfreiheit. Eine Gruppe, die davon unmittelbar betroffen wäre, ist die Bahai Gemeinde. Von anderen Religionen als Sekte und Spalter beschimpft, sehen sich die Bahai selber als Bindeglied, das die Weltreligionen zum Dialog auffordern will. „Alle Religionen sind gleichberechtigt, es gibt kein richtig oder falsch. Wir sind alle Kinder Gottes“, sagt Bahereh Sobhani, Mitglied der Bahai Gemeinde in Potsdam.
Keine absolute Wahrheit
Die Bahai Religion hat sich Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im Iran gegründet. Obgleich durch den Islam beeinflusst, ist sie eine eigenständige Glaubensgemeinschaft. „Wir Bahai glauben an vergangene Religionen, erweisen ihnen Ehre und stehen ihnen mit Respekt gegenüber, doch keine Religion darf den Anspruch stellen, die einzig wahre und letzte Religion zu sein“, sagt Sobhani und ergänzt mit einen Ausspruch Balla’u’llahs, dem Gründer des Bahai Glaubens: „Zu allen Zeiten, in jeder Lebenslage brauchen die Menschen jemanden, der sie ermahnt, lehrt und erzieht“, was im Sinne der Bahai bedeutet, dass jede Religion endlich ist. „Jedes Zeitalter fordert neue religiöse Traditionen, die die Problemen des Zeitgeistes aufgreifen und Lösungen anbieten“, erklärt Sobhani. Deshalb seien alle Gesandten, wie Moses, Jesus, Muhammad, Buddha oder Balla’u’llah gleichberechtigte Propheten Gottes und somit alle Religionen Teile des Ganzen. „Sie sind alle zu einem anderen Zeitpunkt entstanden und basieren auf den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen.“
Mann und Frau sind gleichberechtigt
Ein Beispiel für eine Erneuerung religiöser Weltbilder ist die Definierung von Geschlechterrollen. Im Gegensatz zu den Ideologien der anderen Weltreligionen befürworten die Bahai eine uneingeschränkte Gleichberechtigung von Mann und Frau im familiären und sozialen Umfeld. „Was für uns selbstverständlich erscheint, ist in vielen Teilen der Erde undenkbar. Dabei ist die Gleichberechtigung ein Prinzip unseres modernen Zeitalters. Aus diesem Grund muss die Religion genau dieses Prinzip aufgreifen und umsetzen.“ Natürlich gebe es innerhalb der Familien eine Art Rollenverteilung, was aber nicht heißen soll, dass der eine arbeitet und der andere nicht, weil er nur für die Kindererziehung zuständig sei. Es gehe vor allem um die Ergänzung durch den Partner, so dass beide gleichermaßen ihre Ziele verfolgen könnten ohne dabei die Verantwortung für die Familie zu verletzen.
Beim Thema Homosexualität sind die Bahai konservativ. Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen, wie zum Beispiel dem Christentum und dem Islam werten die Bahai Homosexualität nicht als Krankheit, stehen ihr aber sehr kritisch gegenüber. „Gott hat auf allen Ebenen männlich und weiblich geschaffen, bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Ich sehe deshalb seelische Probleme und mangelnde Erziehung als Grund für eine andere Orientierung.“ Es sei zwar nicht verwerflich, dennoch solle man versuchen durch Gespräche die Männer und Frauen wieder auf den rechten Weg zu leiten.
„Wir wollen eine Einheit der Menschen“
„Da die Bahá'í-Religion das Ziel verfolgt, Ordnung und Frieden in die Menschheit zu bringen“, sagt Sobhani, gebe es auch eigene Gesetze und Gebote, wie zum Beispiel die Enthaltsamkeit von Alkohol und Drogen als verstandesbetäubende Mittel, oder auch das Verbot der üblen Nachrede und das Gebot des täglichen Betens. Die Speisevorschriften vorangegangener Religionen (wie z.B. das Verbot von Schweinefleisch) gelten für die Bahá'í nicht.
Auf welche Weise man Gott verehrt, ist also nicht ausschlaggebend. „Christus hat die Menschen Nächstenliebe gelehrt, Muhammad die Nationenliebe, wir als Bahai wollen die verschiedenen religiösen Idealismen zusammenführen und eine Einheit der Menschen fördern.“ Deshalb wird man nicht zum Bahai geboren oder von den Eltern getauft. „Jeder Mensch kann sich bewusst für den Bahai Glauben entscheiden.“
In Gefahr
Im Iran kann das fatale Folgen haben, vor allem wenn der Gesetzesentwurf vom September wirklich in Kraft treten sollte. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) befürchtet, dass sich durch das Gesetz die Verfolgung von christlichen Konvertiten und islamischen Reformern noch weiter ausdehnen wird. Bereits seit der Machtergreifung islamischer Geistlicher im März 1979 wurden, nach Angaben der IGFM, Andersdenkende und vom Islam abgefallene Muslime inhaftiert, gefoltert oder wegen konstruierter Tatbestände hingerichtet, auch ohne legale Grundlage. So wurden zwischen 1978 und 1998 über 200 Bahai im Iran öffentlich hingerichtet, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. „Wir dürfen nicht gegeneinander kämpfen, sondern müssen miteinander einen friedlichen Glauben vorantragen“, sagt Sobhani, deren Mutter selber im Iran verfolgt und von ihrem Wohnhaus vertrieben wurde, weil sie sich zum Bahai Glauben bekannte.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Alle Artikel zum extra religion
- Stichwort Religion/ Kirche
- Stichwort Politik
im weiteren WWW:
- Seite der deutschen Bahai-Gemeinde
- Studien über die Bahai Religion


