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extra freiheit: Beta-Revolution

extra freiheit: Beta-Revolution

Das Internet greift immer mehr in unser Leben ein. Egal ob privat, schulisch oder bei der Arbeit: Manche sehen in der immer größer werdenden Vielfalt an Internetplattformen, Communitys und Onlinediensten eine Bereicherung des Alltags, andere betrachten die exhibitionistische Selbstdarstellung im Netz eher skeptisch. Sind wir überhaupt noch frei oder bestimmt das Internet schon unser Leben? Simon Staib beschreibt einen Web 2.0-Tagesablauf.

 
 

7:00 Uhr: Aufstehen
Von einem grellen Sirren geweckt beginnt mein heutiger Tag. Grund des Lärms ist mein iPod  Touch, der mich wie jeden Morgen unsanft aus dem Schlaf holt. Doch ein Vorteil hat das Teil: Während ich im Halbschlaf in das Badezimmer tapse, verbinde ich mich per iPod mit meinem Router und rufe die neuesten Mails vom Server ab. Mit einer Hand die Zähne schrubbend, navigiere ich mit der Anderen durch einen Haufen Spam zu der Mail meiner Kommilitonin, die mir eine Einladung zur Eröffnung der Grillsaison in ihrem Garten zugesendet hat. Noch schnell ein paar dankende Zeilen getippt und abgesendet.

7:20 Uhr: Frühstück
Doch im Zeitalter des Web 2.0 und der hippen Onlinedienste isst man natürlich keine Haferflocken mehr - nein, ich stelle mir mein Müsli lieber auf myMuesli.de selbst zusammen und lasse es mir zuschicken. Während ich das Müsli in mich hineinstopfe, klicke ich mich auf meinem Notebook per Feedreader durch die neuesten Blogeinträge. In die Uni muss das Notebook eh mit. Aus dem Standby-Modus fährt es auch schneller hoch, als wenn man es jeden Abend abschaltet, und so kann man ja auch kurz beim Frühstück die Tageszeitung per Browser betrachten. Dass dabei das Notebook von der Müslimantsche auch ein paar Happen abbekommt, bemerke ich erst später, als ich die hartgewordenen Frühstückreste aus der Tastatur kratzen muss.

8:10 Uhr: Jetzt aber los!
Die U-Bahn ist verspätet. Zum Glück stellt die gute alte Telekom einen öffentlichen Hotspot zur Verfügung, und ich klappe mein Notebook nochmals auf. Die skeptischen Blicke der umstehenden Mitmenschen ignoriere ich cool - selbst als aus den knarzigen Laptoplautsprechern besoffenes Gegröle der letzten Party von einem Youtube-Video dröhnt. Doch die nahende U-Bahn erlöst meine Mitfahrer. Schnell setze ich mich und stöpsel die Kopfhörer in mein Ohr, um die aktuellste Podcast-Folge der heute-Nachrichten anzuhören. Man möchte ja nicht ganz unvorbereitet in den Politikkurs.

10:06 Uhr: Langeweile
Der Professor ist zweieinhalb mal so alt wie ich, hat seine Arbeitsblätter sicher per Wikipedia  zusammengestellt und hält im Moment einen Dialog mit seinem Overhead-Projektor. Das stört mich eher weniger, denn ich nutze die Gelegenheit mich in das unieigene WLAN-Netzwerk einzuloggen und meine laufenden Ebay-Auktionen zu beobachten. Just in dem Moment, als mein Mailprogramm eine neue Nachricht ankündigt, entscheidet sich unser Professor doch für ein Tafelbild und ich verschiebe die Beantwortung der Mail auf später.

12:45 Uhr: Mittagspause
In der Mail befand sich nur wieder ein Angebot über dubiose medizinische Eingriffe. Doch ich habe eh Besseres zu tun, muss ich doch ein Rezept für heute Abend googlen, da sich ein paar Freunde zum Essen eingeladen haben. Nach kurzer Zeit werde ich fündig und lokalisiere per Google-Maps den nächsten Supermarkt. Danach checke ich kurz das StudiVZ.  Interessanter als die Nachhilfeanfragen per Nachrichtendienst sind die neuesten Fotoalben der letzten Geburtstagsfeiern. Gerade als ich mich über meine oberkörperfreien, stark angetrunkenen Bekanntschaften per Kommentarfunktion lustig machen möchte, entdecke ich mich selbst zwischen den armseligen Gestalten und entlinke mich kurzerhand. Ich muss ja auf mein Image achten.

17:53 Uhr: Kochstress
Zwar konnte ich die Zutaten ohne weiteres besorgen, das Zubereiten per Rezept auf einem 13-Zoll-Bildschirm erweist sich aber als Hindernis. Dazu kommt, dass ich die Hälfte der  Bildschirmfläche für ein Videofenster ausnutze, in dem ich die letzte Krimifolge aus der ZDF-Mediathek anschaue. Dank Luftabgzugshaube des Herds und der Krimitonspur entsteht in meiner kleinen Küche ein ziemlich hoher Lärmpegel, den mein alter Schulkamerad, gerade als Zivi auf Helgoland, per Skype zu übertönen versucht. Als er noch versucht, mir Kochtipps  zu geben, nachdem ich ihn per Videochat einen Blick in den Kochtopf habe werfen lassen, verabschiede ich mich von ihm mit einem Klick auf den roten Hörer. 

19:31 Uhr: Die Freunde treffen ein
Die Gesprächsthemen kreisen mal wieder um neue Lokalistenbekanntschaften, die neuesten Ebay-Verkaufstrategien und Freds neuen 16.000er-Internetzugang. Als uns der Gesprächsstoff langsam ausgeht werfen wir uns aufs Sofa und schauen eine bei hitflip.com getauschte DVD an.

00:17 Uhr: Feierabend
Die Freunde sind gegangen und auf mich wartet eine verunreinigte Küche und ein Stapel Geschirr. Doch es gibt Wichtigeres zu tun! Fit wie ich nach vier Bier bin setze ich mich nochmals vor den PC und logge mich in unsere Google-Group ein und recherchiere, wie weit meine Mitstudenten mit unserer Semesterarbeit sind. Viel hat sich noch nicht getan und der unter Google-Kalender vermerkte Abgabetermin rückt bedrohlich näher. Schnell tippe ich noch einen Aufruf zu mehr Arbeitsmoral in die neueste Diskussionsrunde und logge mich  aus. Zur Ablenkung belästige ich lieber ein paar Kontakte aus meiner ICQ-Liste. Als mir fast die Augen zufallen entscheide ich mich doch für das Bett. Noch kurz den iPod Wecker gestellt, ich möchte ja fit sein, um auch morgens, gleich nach dem Aufstehen wieder die Mails checken zu können. Welch revolutionärer Fortschritt!

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