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Gefangen in der Toleranz
„Homosexualität ist keine Schande mehr“, sagt die Lehrerin harsch in die Klasse hinein. „Früher hieß es, Homosexualität sei eine Krankheit, aber heute weiß man, dass das nicht so ist.“ So versucht sie, ihren Schülern das Thema Homosexualität nahe zu bringen. Der Gedanke, sie könne einen homosexuellen Schüler oder Schülerin in der Klasse haben, kommt ihr nicht. Warum auch? Wir leben in einer offenen Gesellschaft - hier kann sich doch jeder outen. Ist doch nichts Schlimmes dabei. Oder?
Nach einer solchen Unterrichtsstunde, wie sie exemplarisch in Deutschland ist, läuft auch Tobias aus dem Klassenzimmer. Er selbst ist schwul. Oder homosexuell. Eigentlich mag er keine dieser Bezeichnungen. Homosexuell klingt für ihn viel zu klinisch, viel zu sehr nach etwas, dass man heilen könnte. Und schwul? Dieses Wort begegnet ihm in seinem Schulalltag viel zu häufig. Kaum tritt er aus dem Klassenzimmer raus, hört er es aus allen Richtungen „Ey, bist du schwul?“, „Schwul oder was?“. „Schwuuuuuuul“, ruft in jenem Moment ein Mitschüler einem anderen hinterher, der heute ein rosa T-Shirt trägt. Schwul - das ist heute nicht mehr das, als das er sich gerne bezeichnen möchte. Schwul ist für ihn eine Beleidigung - weil es für alle anderen zu einer geworden ist.
Das Problem, das es gar nicht geben sollte
Homosexualität ist an sich aus der öffentliche Debatte verschwunden und darin liegt auch das eigentliche Problem begraben. Die Emanzipation der LGBT (Lesben, Gays, Bisexuelle, Transgender) ist nach objektiven Maßstäben so gut wie abgeschlossen: Homosexualität wird nicht mehr bestraft, es dürfen der Ehe gleichgestellte eingetragene Lebenspartnerschaften eingegangen werden: Kurzum: Die Situation hat sich verbessert.
Subjektiv gelöst ist das Problem jedoch längst nicht, da insbesondere die Aufklärung unter Jugendlichen nicht angemessen vollzogen wird. Zu spüren bekommt dies Tobias. Ein Outing ist in diesem Moment unmöglich für ihn. Er selbst bezeichnet sich halb-ironisch als eine Art Gollum, der seinen kleinen Schatz, sein Geheimnis durch die Gegend trägt und ständig mit der Angst lebt, es zu verlieren. So versucht er unerkannt zu bleiben und unterzutauchen.
In ländlichen Gebieten ist die Situation am schwierigsten
Der Grund ist die sich vergrößernde Homophobie unter Jugendlichen, die sich einerseits aus der Popkultur ergibt und andererseits aus den Schulen an sich, die Homosexualität in ihrem Lehrplan nur ungenügend behandeln oder gar nicht. Die Lehrer, die meist selbst bereits im fortgeschrittenen Alter sind, können mit dem Thema selbst nur wenig anfangen. Besonders in ländlichen Gegenden hat man keinen Kontakt zu Homosexuellen. Hier sind es noch die besonders feminin wirkenden Friseure, die hinter erhobener Hand und mit einem Augenrollen als „die Schwulen“ bezeichnet werden. Natürlich kennen sie alle Guido Westerwelle oder Klaus Wowereit, aber „das sieht man denen doch an der Nasenspitze an“, heißt es gerne.
Daraus ergibt sich ein Teufelskreis, dessen Opfer junge homosexuelle Menschen wie Tobias sind. Damit das Problem der homosexuellen Diskriminierung bekämpft und etwa in der Schule behandelt werden kann, muss sich erst ein Problembewusstsein entwickeln können. Es muss Lehrern, Mitschülern und allen anderen deutlich werden. Durch die die geringe Toleranz im unmittelbaren Umfeld der Betroffenen outen sich diese meistens jedoch nicht und leben ein Parallelleben aus Angst und Unsicherheit, um nicht zwangsgeoutet zu werden. Sie wollen kein Opfer der Diskriminierung werden.
Dadurch gibt es gerade in konservativen, ländlichen Bereichen nur wenige offen geoutete homosexuelle Menschen. Gepaart mit der Ignoranz der Vorurteile eine „Tunte“ oder ein „Kampfweib“ sofort zu erkennen, wähnen sich solche Menschen in dem Wissen, keinen Homosexuellen zu kennen. Dank dieser Ignoranz sehen die meisten auch keinen Grund zum Handeln, ob in offizieller Form beim Lehrplan oder in inoffizieller Form durch persönliches Engagement. Warum auch? Hier gibt es ja keine Homosexuellen.
Nach der Schule wird alles besser
Die bittere Ironie an Tobias' Problem ist, dass er nicht allein ist. Wahrscheinlich gibt es noch andere wie viel mehr Homosexuelle an seiner Schule, womöglich in seinem Jahrgang, die sich nicht zum Outing durchringen können. Dank dem Internet gibt es zwar auch für junge Homosexuelle, die Möglichkeit sich zu vernetzen, doch bleibt dies gerade für Jugendliche, die sich in Onlineportalen wie GayRomeo.com anmelden, riskant. Dort gibt es genug Menschen, die nur auf schnellen sexuellen Kontakt aus sind.
Eine ähnliche Entwicklung hat sich in Amerika vollzogen. Das Land wurde erst vor einigen Monaten von einer Selbstmordreihe junger Homosexueller erschüttert. Genauso wie hierzulande lässt sich nur wenig an den starren Systemen und Lehrplänen ändern, weswegen einige US-Promis eine andere Kampagne begannen: das "It get's better-Project". Sie machen allen jungen Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen Hoffnung, dass ihre Situation nach der Schulzeit besser wird.
Doch das ist keine Lösung des Problems, sondern vielmehr eine Linderung der „Symptome“. Diesen kleinen Wunsch hat auch Tobias und mit ihm hoffen viele junge Homosexuelle, dass er sich bewahrheiten wird. Tobias versucht mittlerweile, das Beste aus seiner Lage zu machen. Im Internet hat er ein spezielles Portal für jüngere Homosexuelle gefunden. Zusätzlich versucht er seine Freunde auf ein mögliches Outing vorzubereiten. Ob es gelingt, weiß er selbst nicht genau, doch er hofft es. Wie so viele andere Jugendliche.
Dieser Artikel wurde mit dem thema-Award im Juli 2011 und dem Preis für den thema-Artikel des Jahres ausgezeichnet.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- alle Artikel von Alexander Thems
- Stichwort Beratung
im weiteren WWW:
- Das amerikanische Projekt "It get's better"
- Homosexuelle Google-Mitarbeiter berichten von ihren Erfahrungen
- Homepage der Dokumentation "Ich kenn' keinen - Allein unter Heteros"


