Drucken

freistil

 

extra stadtundland: Hommage an ein "in-between"

extra stadtundland: Hommage an ein "in-between"

Fridtjof Vieth passt in kein Klischee. Er ist weder Dorfbub noch Großstadtjunge, ist offiziell Hamburger, wohnt aber viel näher an der schleswig-holsteinischen Provinz als am Kern der Metropole. Vieth kommt aus Poppenbüttel, einem Stadtteil am Rand der Hansestadt. Für thema erzählt er, wie der Alltag zwischen den Welten aussieht.

 
 

„Wo kommst du eigentlich her?“, fragt sie, nachdem wir uns einige Zeit unterhalten haben. „Aus Hamburg“, entgegne ich stolz und denke an die große Hansestadt mit ihrem Hafen und der Reeperbahn „Wow! Ich war schon mal in Hamburg. Wo genau wohnst du denn da?“ Und genau an diesem Punkt wird es peinlich für mich. „Naja, im Norden von Hamburg“, antworte ich wahrheitsgemäß. Meine Urlaubsbekanntschaft scheint sich mit dieser Antwort nicht so ganz zufrieden zu geben. Also muss ich wohl genauer werden. „Ich wohne in einem Ort in der Nähe von Poppenbüttel“, sage ich. Stille. „Ich dachte du wohnst in Hamburg?“, fragt sie erstaunt.

Zwischen Hansestadt und grüner Idylle

Das tue ich und das ist mein Dilemma. Poppenbüttel liegt tatsächlich in der wunderschönen Freien Hansestadt Hamburg. Der Stadt mit dem zweitgrößten Hafen Europas, der auch das „Tor zur Welt“ genannt wird. Ja, Poppenbüttel gehört wirklich zur Stadt mit der berühmten Partymeile und Nachtszene, auch wenn das komisch klingen mag.

Warum das ein Problem ist? Ganz einfach: Wenn ich mein Haus verlasse, bin ich schneller in Schleswig-Holstein, umgeben von Feldern und idyllischen Wäldern, als in der Hamburger Innenstadt, geschweige denn dem Hafen. Wer in Poppenbüttel (oder wie ich in der näheren Umgebung) aufwächst, ist weder Dorfbub noch Großstadtjunge. Weder verbringe ich meine Abende auf Dorfpartys in der nahegelegenen Scheune, noch brauche ich nur eine U-Bahn-Station bis zu den angesagten Clubs auf dem Kiez. Ich liege nachmittags nicht auf den Feldern in der Sonne, kann aber auch nicht mal eben in der Innenstadt shoppen gehen.

Fehlendes Zugehörigkeitsgefühl

Wer in Poppenbüttel wohnt, kann sich weder mit dem Einen, noch mit dem Anderen identifizieren. Denn für riesige Ackerflächen ist selbst mein Dorf zu dicht besiedelt und bis zum Hauptbahnhof dauert es 35 Minuten, wenn man das Glück hat in der Nähe der S-Bahnstation zu wohnen. Wer, wie ich, noch weitere 15 Minuten bis zum Bahnhof braucht, der hat tatsächlich ein Problem. Wie neulich, als ich nachts gegen zwei Uhr, auf meinen Bus warten musste. Im Winter, bei - acht Grad Celsius. Über eine Stunde saß ich dort nach einem langen Abend in der „Stadt“ und dem ein oder anderen Getränk und musste miterleben, wie es sich anfühlt, jegliches Gefühl in den Füßen zu verlieren.

Was hätte ich in diesem Moment dafür gegeben im Stadtkern zu leben. Oder wenigstens auf dem platten Land. Denn dann hätte ich meinen Samstagabend wahrscheinlich „Wetten, dass…?“-guckend auf der Couch verbracht. Der Unterhaltungswert des Abends wäre wahrscheinlich deutlich geringer gewesen, aber mir wäre dafür auch deutlich wärmer. Ich aber bekomme weder den einen, noch den anderen Luxus zu spüren, sondern sitze an der besagten Bushaltestelle in Poppenbüttel und friere.

Irgendwie ja doch ganz schön

Doch ich will nicht jammern. Wenn ich dann an einem sonnigen Frühjahrstag morgens mit meinem klapprigen Fahrrad (fast wie ein Dorfkind) durch den Wald zur Schule fahre, um dann aber den freien Nachmittag mit Freunden in der Sonne auf den Terrassen an der Binnenalster, mitten in der Stadt, zu verbringen; dann weiß ich warum es sich lohnt hier zu leben: Weil ich beides genießen darf. Stadt und Land. Poppenbüttel for ever!

Dieser Text hat den thema Award im Mai 2011 gewonnen.

 

Weiterführende Links

im Jugendnetz:

thema lebt von seinen jungen Machern. Damit wir auch in Zukunft jung, lebendig und aktuell bleiben, suchen wir ständig junge Menschen, die Lust haben, selbst aktiv zu werden und etwas beizusteuern.

Wir suchen dich! - für thema

thema lebt von seinen jungen Machern. Damit wir auch in Zukunft jung, lebendig und aktuell bleiben, suchen wir ständig junge Menschen, die Lust haben, selbst aktiv zu werden und etwas beizusteuern. >>>