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Ciao Hotel Mama!

Ciao Hotel Mama!

"Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du gefälligst, was ich dir sage!" – Dieser und andere Elternsprüche können ganz schön nerven. Sie sind oft mit ein Grund, Hotel Mama Lebewohl zu sagen und mit der ersten eigenen Wohnung in die Unabhängigkeit zu starten. Felix Pacholleck aus Neustadt und Nina Seiler aus Freiburg wohnen nicht mehr bei ihren Eltern und haben damit hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht. Dass durch einen Auszug allerdings auch Probleme entstehen können, davon weiß der Freiburger Diplom-Sozialpädagoge Dirk Grabolle zu berichten.

 
 

Die Freiheit genießen

"Alleine zu wohnen ist für mich kein Problem", erzählt der 18-jährige Felix Pacholleck aus Neustadt. Der Zwölftklässler genießt die Freiheiten, die er besitzt, seit er Mitte März von zu Hause ausgezogen ist. "Ich war zwar erst 17, wollte aber unbedingt auf eigenen Beinen stehen. Meine Mutter war damals nicht so glücklich über meine Entscheidung", erinnert er sich, "allerdings konnte ich trotzdem auf ihre Unterstützung zählen." Mittlerweile stellt die Selbstständigkeit für ihn kein Hindernis mehr dar, allerdings gehören Kompromisse in seinem neuen Leben dazu: "Man muss natürlich lernen sich zu organisieren, es kann schon mal vorkommen, dass mein Kühlschrank sonntags leer ist."

Von seinem Vater bekommt Felix Unterhalt – insgesamt stehen ihm im Monat 550 Euro zur Verfügung. Wenn er die festen Kosten für Miete, Essen, Telefon und Fahrtkosten abzieht, bleiben Felix noch 170 Euro, die er sich frei einteilen kann: "Das Geld reicht mir auf jeden Fall, vorher hatte ich mit 50 Euro Taschengeld auch nicht mehr." Seine schulischen Leistungen leiden offenbar nicht unter der Tatsache, dass Felix jetzt alleine wohnt: "Wegen meiner kleinen Geschwister hatte ich vorher sogar weniger Zeit zum Lernen."

Fachchinesisch der Behörden

Doch nicht alle Jugendlichen können so gut mit ihrer Selbstständigkeit umgehen wie Felix. Dirk Grabolle arbeitet seit zehn Jahren für die Freiburger Jugendberatung. Er kennt die Schwierigkeiten, die durch eine eigene Wohnung entstehen können. "Manche Jugendliche haben noch nicht gelernt, mit Geld umzugehen. Zum Problem kann aber auch das Fachchinesisch der Behörden werden", weiß der 45-jährige Diplom-Sozialpädagoge. Wer mit solchen Problemen auf sich allein gestellt ist, kann von der Jugendberatung Freiburg Unterstützung bekommen. Der gemeinnützige Verein richtet sich an Freiburger Jugendliche zwischen 14 und 26 Jahren. In entspannter Atmosphäre wird dort über Probleme gesprochen und nach Lösungen gesucht. Grabolle erläutert, wobei die Mitarbeiter der Jugendberatung helfen können, wenn es mit dem Alleine-Wohnen nicht so gut klappt: "Wir unterstützen Jugendliche bei Umzügen oder helfen ihnen dabei, Anträge zu stellen und Formulare auszufüllen, wie etwa den BAföG-Antrag."

Nicht jeder alleinlebende Schüler erhält wie Felix finanzielle Unterstützung von seinen Eltern. Können diese keinen Unterhalt zahlen, greift das BAföG, das Bundesausbildungsförderungsgesetz. Das Wortungetüm lässt es schon erahnen: Dieses Geld zu beantragen kann zum bürokratischen Stolperstein werden. Zuerst einmal kann nicht jeder, der ausziehen will, Geld vom Staat bekommen. Entscheidend sind etwa das Einkommen der Eltern, die besuchte Schulart oder ob durch eine neue Wohnung ein unzumutbarer Schulweg vermieden werden kann. Auch die Höhe der Unterstützung hängt von der jeweiligen persönlichen Situation ab.

Zwischen Schule und Haushalt

Nina Seiler aus Freiburg hat durch ihre spezielle persönliche Situation Anspruch auf 568 Euro BAföG im Monat. Die 22-jährige Schülerin lebt nicht mehr bei ihren Eltern – allein ist sie deswegen trotzdem nicht: Vor drei Jahren kam ihre Tochter Emily zur Welt. Seitdem trägt sie sehr viel Verantwortung: "Am schwierigsten ist es, meine Zeit gut einzuteilen. Ich muss darauf achten, dass der Haushalt, meine Tochter und die Schule nicht zu kurz kommen", erzählt die Abiturientin. In der Zeit, in der sich andere Schüler entspannen, mit Freunden treffen und Spaß haben, muss Nina ihrer Rolle als Mutter gerecht werden und den Haushalt auf Vordermann bringen. Seit sie Mutter ist, haben Wochenenden und Ferien für sie eine ganz andere Bedeutung gewonnen: "Normalerweise ist meine Tochter bis 16 Uhr in einer Kindertagesstätte. Die ist in den Ferien allerdings geschlossen, dann muss ich mich den ganzen Tag um die Kleine kümmern und habe nur noch wenig Zeit zu lernen. Kurz vorm Abi gehen die Lehrer jedoch davon aus, dass man gerade in der schulfreien Zeit viel für die Schule machen kann."

Problematisch wird es vor allem, wenn Ninas Kind krank ist: "In solchen Situationen gerate ich schon mal an meine Grenzen, dann bin ich einfach zu erschöpft, um noch zu lernen." Immerhin hat die Schülerin nicht mit Geldsorgen zu kämpfen: "Meine Eltern verdienen zwar zu wenig, um Unterhalt zu zahlen, mit dem Geld, das mir zur Verfügung steht, komme ich jedoch gut zurecht." Zum BAföG kommen noch ihre 160 Euro Kindergeld hinzu. Außerdem bekommt auch Emily bereits monatlich 160 Euro Kindergeld vom Staat und 117 Euro Unterhalt vom Jugendamt. Üppig ist das Geld dennoch nicht – Nina ist derzeit auf Jobsuche: "Sparen kann ich davon nichts. Um mich für Notfälle abzusichern, muss ich zusätzlich arbeiten."

Sozialpädagoge Grabolle rät alleinlebenden Schülern grundsätzlich erst einmal davon ab, zusätzlich noch einen Job anzunehmen: "Durch das Alleinleben hat man schon genug Alltagsaufgaben zu bewältigen und muss aufpassen, dass die Schule nicht zu kurz kommt." In vier Jahren Selbstständigkeit ist die Alltagsbewältigung für Nina längst zur Routine geworden. Ihre Angst ist, dass ihre Kleine neben Schule und Arbeit zu kurz kommt: "Manchmal habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich merke, dass ich weniger Zeit für mein Kind habe als andere Mütter. Ich kann weder als Schülerin noch als Mutter 100 Prozent geben." An der Klassenfahrt teilzunehmen kommt für sie deshalb nicht in Frage. Trotz aller Schwierigkeiten ist Nina zufrieden mit ihrem Leben. Die Schule abzubrechen stand für sie nie zur Debatte, dafür ist ihr das Abitur zu wichtig. "Nach der Schule würde ich am liebsten studieren. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich dem Stress gewachsen bin."

Der Abschied vom Hotel Mama ist verlockend, aber nicht ganz einfach. Felix und Nina beweisen jedoch, dass es bereits in jungen Jahren möglich ist, die Beine unter den eigenen Tisch zu stellen.

Weiterführende Links

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

  • f79 - Das Schülermagazin für Freiburg und Region
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