freistil
In Stuttgart die Welt finden
Um an meinem freien Samstag alle möglichen Nationen zu erfahren, plane ich den Tag in der Woche davor sehr gründlich. Dazu blättere ich sämtliche Seiten der Zeitschrift „Interkultur“ vom Dachverband der Migrantenvereine und das Internet durch. Auch meine Eltern können mir gute Tipps geben in Sachen ausländische Läden und Festivitäten. Los kann es also gehen auf die kleine Weltreise im Herzen Stuttgarts.
Um halb neun stehe ich am Samstag auf der Matte und eine Weile später vor dem Café Heller. Dort bin ich zunächst die erste Frühstückerin, werde von guter Oldie-Musik beschalt und von der scheuen Sonne beschienen. Mein griechisches Omelett ist wahrscheinlich nicht das übliche Frühstück des mediterranen Volkes. Die über 14 000 hier lebenden Griechen trinken sicherlich wie in ihrer Heimat morgens nur einen Kaffee. Aber der salzige Geschmack des Feta-Käses stimmt mich immerhin angenehm ein.![]()
So kann ich gut gestartet ins Linden-Museum für Völkerkunde spazieren, wo mich besonders die Inuit-Abteilung anspricht. Mit einem Audioguide erfahre ich einiges, was mir bisher unbekannt war: Die Labrador-Inuit sind durch das weitgehende Verbot des Robbenfangs in eine Wirtschaftskrise gerutscht und können sich bis heute nur durch den Verkauf ihrer wertvollen Bodenschätze, durch Arbeit in der Fischereiindustrie oder in Städten daraus retten. Sie wurden auch stark durch die evangelischen Herrenhuter Missionare beeinflusst. Missionsstationen vor Ort halfen den Inuit, Geld zu verdienen. Dabei wurden der protestantische Unterricht und Gottesdienste eingeführt.
Um einiges Wissen reicher mache ich mich auf zum Chinesischen Garten, mit dem Bus vorbei am Hauptbahnhof. Der Bahnhof wartet mit vielen Touristen auf, die herumwuseln, auf Taxis warten oder in Busse steigen. In meinen Bus steigt sogar ein sehr lebhaftes spanisches Ehepaar ein. Sie reden sehr laut, begutachten die Häuser draußen und bringen südländisches Temperament in die Stuttgarter Luft.
Mit dem Ying & Yang-Zeichen auf dem Boden begrüßt der Garten die Besucher. Dem Informationsschild am Eingang nach ist er ein Geschenk der Provinz Jiangsu an Baden-Württemberg und bis vor ein paar Jahren ein Teil des Rosensteinpark. Sein Name „Qing yin“ stammt aus dem Gedichtteil aus der Tang-Dynastie: „Nicht nur Laute und Flöte, sondern auch Berge und Wasser ergeben eine schöne Melodie.“ Zwischen Teich und Pagoden lerne ich sogar zwei Chinesen kennen. Die in Chemnitz Studierenden kommen aus Peking und Hubei. Für eine Woche möchten sie Stuttgart besichtigen und finden es erstaunlich, wie viele Chinesen in Stuttgart wohnen. Nachdem sie ein Foto für mich vor der Halle der Freundschaft geschossen haben, verabschiede ich mich mit einem „Zài jiàn!“ und fahre in die Innenstadt.
Ein kleines Paradies entdecke ich per Zufall: Die Versandgesellschaft Manufactum hat in ihrem Laden nebst origineller Kleidung, Haushaltsgegenständen und Reiseutensilien viele französische Spezialitäten zum Schlemmen: Nougat aus Montélimar, Entenpastete und das Gemüsegericht Ratatouille aus dem Glas. Oh là là!
Englisch geht es weiter mit dem Piccadilly English Shop, wo von Walker’s Kartoffelchips über englischsprachige Romane bis hin zu Touristensouvenirs nichts fehlt. Peter Sondheim an der Kasse ist einer der Besitzer, kommt aus London und lässt im Laden jetzt britisches Radio laufen. „Hier kaufen viele Deutsche, auch einige Engländer“, sagt er. „Am meisten wird englisches Essen und Whisky gekauft.“
Nicht von Whisky, sondern von Känguruschinken und Krokodilfilet erzählt mir eine Kellnerin von Australian Bar and Restaurant Sydney’s. Der Chef Thomas Kochenburger hat zehn Jahre in Australien kochen gelernt. Stuttgartern, Engländer, Franzosen und auch Amerikaner probieren anscheinend gerne die ausgefallenen Speisen. Die italienischen Gaststätten in der Calwerstraße überbietet dieses Restaurant eindeutig an Ausgefallenheit.
Ich merke, dass man in unserer Stadt viel von der Welt mitbekommt.
„Die Welt wird Stadt“ heißt die derzeitige Ausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen (IFA). In einer kleinen Halle erfahre ich von den typischen Baustilen anderer Länder, die je nach Landschaft, Wohlstand und Klima variieren. Über Kopfhörer höre ich einen Teil aus dem Buch „Aké. Jahre der Kindheit“ von Wole Soyinka. Darin erzählt der Autor von der Stadt seiner Kindheit in Schwarzafrika. Dieser Audioeffekt peppt die für mich zu textlastige Ausstellung auf.
Bei all den Ländern, von denen ich erfahren habe, kommen mir Urlaubsgefühle hoch. In der Reiseabteilung der Buchhandlung Wittwer scheint es vielen Leuten ähnlich zu gehen. „Deutschland und Europa sind gerade gefragt“, erklärt die Gruppenleiterin der Reiseabteilung Heike Timuz. Auch die USA sei im Kommen. Das passt ja zu meinem Programm.
Inzwischen ist es nämlich Abend geworden und ich mache mich auf den Heimweg. Vorbei an dem Tangocafé, wo nachher wieder Salsabegeisterte auf ihre Kosten kommen.
Zuhause sitze ich dann mit einer selbstgefüllten Tortilla und höre die SWR1-Sendung Weitwinkel. Die Korrespondentin in New York Lena Bodewein erklärt während zwei Stunden wie es sich in dieser „aufregendsten Stadt der Welt lebt“. Anschaulich zeigt sie, dass die Bewohner keine Hemungen haben, sich am großen Pott der Kulturen zu bedienen. Ich finde es auch interessant, dass die New Yorker in der aktuellen Wirtschaftskrise bei kreativen „How to do … yourself“-Kurse für ein paar Dollar mitmachen, um beim Reparieren, Kochen oder in der Freizeit Geld zu sparen.
Heute habe ich über alle möglichen Kulturen etwas erfahren könne, von Griechenland über England bis in die USA – ob im Restaurant, im Museum oder im traditionellen Garten. Sicherlich gibt es Städte wie London oder New York, in denen die Einwanderung größeren Einzug hält als in Stuttgart. Und doch ist hier viel interkulturelles Potenzial zu entdecken. Übrigens, nachher locken noch Balkanbeats ins Café Gecko. Ob ich da noch hingehe?
Dieser Artikel wurde als "Bester Artikel" mit dem Jugendnetz-Medienpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Weiterführende Links
im Jugendnetz:
- Jugendnetz-Medienpreis Baden-Württemberg
- Alle Artikel zu 10 Jahre Jugendnetz
- Mehr zu 10 Jahre Jugendnetz Baden-Württemberg
- Weitere Artikel von Caroline Haro


