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Vom Bildungsland zum Billig-Noten-Land

Als Lehrer oder Lehrerin an einer Schule zu unterrichten kann zwar schön sein, aber leider auch sehr nervenraubend. Nicht umsonst wird der Beruf als Höllenjob bezeichnet. Immer mehr Lehrer(innen) leiden unter einem Burnout. Wie anstrengend es ist ein(e) Lehrer(in) zu sein und was alles falsch läuft in dem deutschen Schulsystem, das erklärt euch der Lehrer Klaus Schenck.

 
 

Klaus Schenck, ein engagierter Powerlehrer, glühte einst für die Schule. Mit 60 bis 70 Stunden pro Woche lebte er regelrecht dafür, seine Schüler auf das Abitur und auf ihren Weg nach der Schule vorzubereiten. Er gründete zuerst die Schülerzeitung „Financial T(‘a)ime“, anschließend die FT-YouTube Sendungen und zuletzt seine eigene Homepage www.KlausSchenck.de. Kurz vor seiner Pensionierung kritisiert er einiges an unserem Schulsystem.


Schule ist für mich Sport. Ich will gewinnen, ich will immer gewinnen, nicht weil ich muss, sondern weil es einfach Spaß macht gut zu sein, an seine Grenzen zu gehen, alles zu geben, um der Sache, um der Aufgabe, um der Menschen willen, aber es hat dennoch etwas Spielerisches, Distanziertes. Wer nicht mitspielt, spielt nicht mit. Ich breche bei Null-Punkten-Leistungen nicht in Tränen aus und wer kein‘ Bock auf Schule hat, soll zu den Maurern gegenüber. Ich biete Leistung, ich engagiere mich, aber ich reibe mich nicht auf! Ich sage klar, was ich wann will, ich arbeite mit präzisen Zeitplänen, wem die Selbstdisziplin fehlt, hat an diesem Punkt einen deutlichen Lernbedarf, den er zu erbringen hat, nicht ich! Und wer Hilfe braucht, für den bin ich da!

Was mir an Schülern nicht passt, ist das ständige Berechnen der eigenen Leistung, sie wird mit komplizierten Methoden exakt so dosiert, dass sie zur nächsten Note knapp reicht. Leistung an sich hat etwas Beglückendes, für viele Schüler unvorstellbar. Ich hasse diese minimalistische Einstellung, dieses Billige, diesen Facebook-Horizont, überall drin, aber nirgends dabei, die fehlende Präsenz in der konkreten Gegenwart, diese Umwertung der Werte: jeder Facebook-Furz lässt rennen, jede Schenck-Mail jedoch pennen! Okay, klar, ich stehe für Schule, für Störung der Freizeit-Bedürfnisse. Ich vermisse oft dieses Stück Leidenschaft, was das Leben so intensiv macht, diese Hingabe an eine Aufgabe, aber auch an einen Menschen. Multi-Tasking-Kids, alles gleichzeitig, nur nichts richtig!

 

„Hauptsache, gute Noten!“, forderte ein Vater von mir auf der Elternversammlung. Früher hieß es: „Hauptsache, mein Kind lernt etwas!“ Welch‘ gewaltiger Unterschied, ein Paradigmen-Wechsel, eine diamentral gegensätzliche Sicht von Schule. Nicht der Schüler hat angemessene Noten sich zu verdienen, sondern die Schule hat gute Noten – ohne Rücksicht auf Angemessenheit – zu liefern. Die Noten sind nicht mehr Ausdruck von Leistung, sondern das Markenzeichen „guter“ Schulen. Das ist eine Pervertierung von Noten, sie werden ihrer Funktion entkleidet und als schulischer Werbe-Gag missbraucht. Mit Bananen lockt man Affen aus dem Urwald, mit guten Noten Schüler an die eigene Schule. Nur sind Noten kein Lockmittel und Schüler keine Affen! Wir als Lehrkräfte haben für Schüler Verantwortung – für deren Gegenwart und Zukunft! Die beklagte Noteninflation hat System: Wo mit Noten Schüler angelockt und von anderen Schulen weggelockt werden, werden junge Menschen zu „Klassenfüllern“ für die jeweilige Schule entwürdigt, missbraucht, nicht aber deren Zukunft in den Mittelpunkt gestellt.
Die Masse der Lehrkräfte hat sich in den Noten zwischen Zwei und Drei stressfrei einquartiert, kein Ärger mit den Eltern, super Verhältnis mit den Schülern, nur ist das letztendlich bewusst gewollter Betrug an ihnen. Feigheit in den Noten ist die eleganteste und angenehmste Form des Stehlens aus der pädagogischen Verantwortung, es bringt dem Lehrer Pluspunkte und den Schulen Schülern, zusammengefasst:

Es vergeigt Zukunftschancen junger Menschen zugunsten von Stressfreiheit von Lehrern und vollen Klassen von Schulen.
Welche Schule in Baden-Württemberg als erste zur Noten-Manipulations-Anstalt verkam, weiß niemand. Wir kennen aber das Ergebnis dieser Noten-Manipulation: den Absturz unseres Bildungslandes Baden-Württemberg. Jedes pädagogisch angemessene Durchgreifen – vom Schulverweis bis zu gerechten Noten – wird sofort wieder eingestampft mit Blick auf die Nachbar-Schule, die mit gechilltem Image von irgendeinem Hokuspokus, mit Lockerheit und super Noten wirbt, folglich gleich als Konkurrenz um „Schülermaterial“ ängstlich wahrgenommen wird. Der Strudel nach unten hat vor einigen Jahren begonnen, das verantwortungsvolle Ziel jeder Schule, motivierende Leistungsschule zu sein, die sich der Zukunft junger Menschen verschrieben hat, wurde der leicht „bewerbbaren“ Schul-Attraktivität geopfert und der stete Hinweis auf die Nachbarschule verhindert angemessenes Fordern, angemessene Noten, angemessene Disziplinarmaßnahmen.
Wenn wir weiterhin unser Bildungsland Baden-Württemberg in ein Billig-Noten-Land verkommen lassen, Leistungsmesser Noten zu Werbe-Bananen für Schulen, haben motivierende Leistungsschulen mit gerechten Noten immer schlechtere Karten, wobei gerade diese Schulen ihre Verantwortung wahrnehmen. Sie zu stärken wäre die Aufgabe der Eltern durch die Anmeldung ihrer Kinder, fordert dann aber Eltern mit Rückgrat, das nächste Problem heutiger Zeit.

Irgendwann werden die kaum noch aussagekräftigen Abschlusszeugnisse dazu führen, dass Betriebe und Hochschulen (derzeit Uni Lüneburg) mit eigenen Tests mit entsprechendem Schwierigkeitsgrad und Anforderungsprofil sich ihre Leute selbst aussuchen, was angesichts der Notenwillkür in Deutschland nur gerecht ist. Genau dies wäre dann die Stunde der motivierenden Leistungsschulen, besonders in unserem Bildungsland Baden-Württemberg, was mich für diese Motivations-Schulen ungemein freuen würde, noch mehr aber für ihre Absolventen, die zielorientiert vorbereitet mit Wissen, Kompetenz und Power in ihre Zukunft starten.


Ihr kennt nun die Sicht eines Lehrers auf das Schulsystem. Aber was denkt ihr von dem deutschen Schulsystem? Habt ihr weitere Kritikpunkte - oder seid ihr doch ganz anderer Meinung als Herr Schenck? Teilt uns eure Meinung in den Kommentaren mit!

 

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Kommentar(e) (4) »

  1. #1 Kommentar von Bianca Dec 12, 2017 @ 15:38

    Erst einmal möchte ich sagen, dass dies ein sehr schöner Artikel ist, der die heutige Situation in Schulen ganz schön beschreibt. Selbst war ich auf der Realschule nur eine Durchschnittsschülerin. Auf der kfm. Schule im Fachabitur, ebenfalls in Tauber, hat sich das Ganze dann so weit gebessert, dass ich behaupten würde, die Leistung lag über dem Durchschnitt. Es gibt sicherlich mehr als genügend Lehrer die Noten so vergeben, dass sie keinen Stress mit den Schülern und den Eltern bekommen und es dadurch zu einem immer besser werdenden Notendurchschnitt kommt, welcher in keiner Weise mit irgendeiner Leistung übereinstimmt. In den zwei Jahren Fachabitur habe ich oft genug mitbekommen, dass viele Schüler nicht damit zurechtkommen, wenn ihre miserable Leistung genauso benotet wird. Dann wird vor den Lehrern auf die Tränendrüse gedrückt oder es wird sofort zu Mama und Papa gerannt - die werden sich sicherlich kümmern. Insoweit verstehe ich auch viele Lehrer, wenn diese sagen sie vergeben lieber nur noch zweien und dreien, schließlich gibt es auch hier ein Privatleben und die Arbeit endet nicht nach dem Glockenläuten. Ich denke es liegt an unterschiedlichen Aspekten, wieso Schüler keine Leistung mehr bringen und trotzdem gute Noten wollen. Einerseits verstehen viele einfach nicht, dass sie es für sich und ihr eigenes Leben machen. Das Lernen und die daraus resultierenden guten Noten einem die Türe zu so ziemlich jedem Beruf öffnen. Wenn dieser Groschen einmal gefallen ist, ist man auch bereit mehr für die Schule zu tun und das auch in seiner Freizeit. Bis dies aber passiert kann es oft sehr lange dauern und bis dahin sitzen solche Schüler in der Klasse und stören andere, die wirklich effektiv etwas lernen möchten. Beschwert man sich hier jedoch als Schüler bekommt man dumme Kommentare zu hören und muss sich im schlimmsten Fall auch noch beleidigen lassen. Man erhofft sich zwar, dass alle die in der Klasse sitzen freiwillig da sind und somit eine gewisse Reife haben, aber Alter hat traurigerweise nichts mit geistiger Reife zu tun. Solche Dinge führen auch zu einem gewissen Unwohlsein. Man geht nicht mehr gerne zu Schule und möchte dafür auch nichts mehr tun. Solche Dinge führen dann zu einer schlechten Atmosphäre, welche sich dann auch schlecht auf das Lernverhalten ausübt. Einige Lehrer interessiert die Atmosphäre in der Klasse einfach gar nicht, was es jedoch sollte. Eine wirklich gute und entspannte Atmosphäre regt ebenso zum Mitmachen und lernen an, wie ein Lehrer, der den trockenen und manchmal auch langweiligen und schweren Stoff in eine schickere und angemessenere Hülle packt. Ob das mal mit einem Scherz ist oder einem passenden Video ist egal, hauptsache es wird aufgelockert und nicht alles Stocksteif. Ich weiß, Lehrer sollen auch aufs Leben vorbereiten, aber das Leben ist nicht Stocksteif. Mir fiel es in entspannter Stimmung um einiges leichter den Lernstoff aufzunehmen und zu verarbeiten als wenn Lehrer einfach alles runterrattern und auch keine Späße mitmachen und verstehen. Des Weiteren ist es ebenfalls wichtig Schülern beizubringen, dass Kritik nicht an sie selbst geht, sondern an ihre Arbeit und ihre Leistung (dies sollte zwar keine Arbeit von Lehrern sein, aber wenn es wenigstens hier und da mal zur Sprache käme würde es das Leben von vielen anderen Menschen einfacher machen). Das man ihnen auch mal eine schlechte Note geben kann, die ihnen dann sagt das sie einfach mehr tun müssen. Dass sie nicht sofort zu Mama und Papa rennen, sondern sich selbst erst einmal Gedanken über ihre Leistung machen. Oft denke ich auch, dass der Lernerfolg nicht nur an dem einzelnen Schüler liegt, sondern ebenso an den Lehrern. Hier sollten Schulen über ein jährliches Evaluationsverfahren nachdenken. Gegen Ende des Schuljahres, gerne auch schon ab dem zweiten Drittel, dass mit der Klasse auch noch über das Ergebnis geredet werden kann. Lehrer mit schlechter Benotung sollten hier dann ebenfalls mit Konsequenzen rechnen, genauso wie Schüler dies müssen. So würden einige Lehrer auch ihre Art und Weise überdenken und Unterricht wieder lehrreich, informativ und hoffentlich auch spannend gestalten. Und das wichtigste: das Bullemielernen abschaffen! Es bringt keinem Schüler etwas, wenn er den Stoff in sich reinfrisst um es in der Klausur aufs Papier zu bringen damit er es danach dann wieder sofort vergessen kann, weil schon wieder die nächste Klausur ruft. Verständnis abfragen, kein Auswendiglernen. Dann können auch passende Noten vergeben werde und diese sagen dann endlich auch wieder etwas über die Leistung des Schülers aus. Außerdem muss auch der Gesellschaft einfach einmal klargemacht werden, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss keine zweite Klasse oder gar schlechtere Menschen sind als Akademiker und höher gebildete Menschen. Viele junge Menschen sehen sich heutzutage gezwungen zu studieren. Dazu benötigt es Abitur. Dies ist auch der Grund wieso in vielen Klassen Leute sitzen, die andere einfach nur stören und eigentlich nur da sind, weil Mama, Papa und die Gesellschaft das so verlangt. Die Industrie muss auch wieder vermehrt Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen eine Chance geben, dann kann aus dem Billig-Notenland auch wieder ein Bildungsland werden. Wir müssen uns nun einmal eingestehen, dass nicht jeder gleich viel kann. Das einer im Kopf besser ist und der andere dann doch eher handwerklich begabt ist. Das es aber nicht schlimm ist, wenn dies so ist und wenn man "nur" eine Ausbildung macht. Was würden wir ohne Handwerker machen, wenn wir wider einmal ein Problem mit unserem Auto haben? Im Großen und Ganzen müssen Umgebungen geschaffen werden, wo Schüler gerne hingehen und auch mit Spaß (man glaubt gar nicht, dass das geht, aber gibt es wirklich). Wo man ehrlich miteinander umgeht, wo Lehrer ebenfalls Feedback annehmen und sich ihrer Leistung stellen müssen und man den Schülern klarmacht, dass eine Ausbildung nichts Schlechteres ist als ein Studium. In Schulen sollten in den höheren Klassen einfach mal eine Lehrstunde dafür geopfert werden in der sich die Schüler einfach mal Gedanken darübermachen, was sie in ihrer Zukunft überhaupt wollen und sich über diese Berufe informieren. Wer ein Ziel hat ist auch bereit dafür etwas zu tun. Ich denke all dies führt dazu, dass Lehrer immer bessere Noten vergeben, damit auch sie irgendwann einfach mal Ruhe haben und ihr Leben genießen können. Das Schüler immer weniger machen als sie machen sollten und das Eltern sich immer mehr in das Leben ihrer Kinder einmischen und sie in eine Richtung drücken. Ich hoffe ich bin nicht zu sehr vom Thema abgewichen und konnte einen Einblick geben, wie eine ehemalige Schülerin und jetzige Studentin das Ganze sieht. Zur besseren Verständnis wurde in dem Text die einfachere, männliche Schreibweise verwendet. Es bezieht sich trotzdem auf alle Geschlechter.

  2. #2 Kommentar von Klaus Schenck Dec 12, 2017 @ 21:09

    Vielen Dank für das ausführliche Feedback. Ich kann eigentlich dem meisten nur zustimmen. Vor wenigen Tagen lud ich erneut einen ehemaligen Schüler in meinen Unterricht ein, der zwei Botschaften meinen Klassen eintrichterte: Schule macht Sinn, hängt euch 'rein und gebt alles! Verwirklicht eure beruflichen Träume, glaubt an sie und kämpft für sie! Dieser Student im Medienbereich war zigmal glaubwürdiger für junge Menschen als ich als Lehrer. Wer um ein Warum weiß, erträgt jedes Wie (Nietzsche), das ist mein Lieblingsspruch, meine Lebensausrichtung, stößt aber bei der Masse der Passiven und Gleichgültigen auf komplettes Unverständnis. Ich habe gelernt, diese Sinnlosigkeit in meinem Lehrerdasein wegzustecken und immer wieder für die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu werben, meist umsonst! Klaus Schenck

  3. #3 Kommentar von Bianca Dec 17, 2017 @ 13:45

    Ich danke Ihnen für Ihre Antwort. Es wäre sehr schön wenn sich viele Ihrer Kollegen daran ein Beispiel nehmen würden und solche Besuche von ehemaligen Schülern öfter vorkommen. Und ich kann mir vorstellen, dass es genügend ehemalige Schüler gibt, die davon gerne erzählen. Sowas kann, in meinen Augen, ungemein motivieren und auch aufzeigen was man erreichen kann. Bis vor vier Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass ich meinen Traum im beruflichen Leben mit so großen Schritten entgegen komme. Wenn man dies Schülern klarmachen kann, dann ist vielleicht auch irgendwann wieder Licht am Tunnel zu erkennen. Bianca R.

  4. #4 Kommentar von Klaus Schenck Dec 19, 2017 @ 05:47

    Genau so war es, Bianca, es war für alle beeindruckend. Mein ehemaliger Schüler stand in dem Raum, in dem er drei Jahre bei mir in mehreren Fächern Unterricht hatte, hier aus seiner Mail: "...Mich hat es auch sehr gefreut, seit langer Zeit mal wieder an die Anfänge von allem zurückzukehren und nicht zuletzt das Klassenzimmer zu betreten, in dem erst dieser Glauben hervorkam. Es hatte sehr viel Spaß gemacht! Wirklich tolle Erinnerungen! Ein sehr schöner „Ich träume noch…“ zu „Aus Träumen wurde Realität“-Vergleich, den die Bilder doch irgendwie herüberbringen." Und dieses beglückende Gefühl spiegelte er meinen jetzigen Schülern, und das ist überzeugend! Ihnen, Bianca, ein gesegnetes Fest und ein beglückendes neues Jahr! Klaus Schenck

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