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Über die Bildungsanstalt

Ein weiterer Artikel aus unserer Bildungs-Reihe. Die kritische Meinung einer Abiturientin über unsere Schulen - die Bildungsanstalt, wie sie sie nennt.

 
 

Was hab ich davon, wenn ich die Abhängigkeit des Volumens einer Temperatur mathematisch modellieren kann? Nicht, dass ich es kann.
Oder was bringt es mir, wenn ich weiß, welches Elektrodenmaterial zur Abscheidung von Chlor geeignet ist? Nicht, dass ich es wüsste, aber selbst wenn, hätte ich doch nicht mehr davon, als möglicherweise eine gute Note.
Lernen wir denn nicht, um zu wissen? Leider nein. Wir lernen, um bewertet zu werden. Wir lernen Dinge, für die sich kaum jemand jemals interessieren wird. Dinge, die nichts mit der Lebenswelt zu tun haben.

Wir wollen lernen, wir sind neugierig, denn Wissen macht Spaß. Aber ich habe keinen Spaß daran etwas zu lernen, das mich nicht interessiert. Was von dem was ich lerne, lerne ich aus Spaß? Was lerne ich, weil ich es für das Leben brauche?
Ich denke, dass wir nicht das, was uns interessiert, beziehungsweise worin wir eine Begabung haben, lernen. Oder zumindest nur sehr selten.
Warum muss ich Mathe lernen und wie soll ich das mit Begeisterung machen, wenn das einzige was ich dabei denke ist: Wozu brauch ich diesen Scheiß?

Jeder hat Fähigkeiten und Interessen, aber diese werden nicht ausgebaut, auf sie wird nicht besonders eingegangen, sondern jeder muss alles können.
Es macht für mich keinen Sinn zwischen Chemie und Physik wählen zu dürfen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass wenn ich keine Physik mag, auch kein Interesse an Chemie habe. Dafür vielleicht an etwas völlig anderem. Aber ich habe kaum die Chance zu entscheiden. Oder überhaupt meine Kompetenzen zu erkennen.

Wir sind eine Leistungsgesellschaft, aber warum lernen wir keine Leistungen, die auch tatsächlich geleistet werden sollen? Warum lernen wir nicht alltägliche Dinge, die wir sicher benötigen werden? Selbstständig zu sein, den Umgang mit anderen Menschen, oder unsere Lebensziele zu erkennen.
Doch selbst das, was wir später nicht mehr brauchen und vergessen werden, lernen wir nicht, damit wir etwas wissen oder können, sondern nur um eine gute Note zu ergattern.

Aber wovon hängen diese Noten ab? Zum einen natürlich von unserer Leistung, aber ich behaupte, dass die Note letztendlich mehr über den Lehrer aussagt als über den Schüler.
Die meisten Lehrer sind davon überzeugt, gut bewerten zu können. Aber wer bewertet die Lehrer? Man kann die Gesamtheit der Lehrer jedoch nicht verändern, sie sind eine Konstante. Man kann ihnen höchstens Richtlinien geben, doch wie sie letztendlich unterrichten, bleibt ihre eigene Entscheidung. Und kann man es ihnen übel nehmen, wenn sie verbittert und genervt sind, wenn sie Jahr für Jahr dasselbe erzählen müssen, und die Schüler es immer noch nicht verstehen und immer noch den gleichen Fehler machen?

Die Vorstellung von einem Idealschüler in den Köpfen der Lehrer verdrängt die Einzigartigkeit jeden Schülers. Sie müssen in ein Bild passen, sich dem Lehrer anpassen und auf seine Art und Weise lernen, wie er es möchte. Dabei ist meistens das Ziel, dass die Schüler bei der Arbeit das vermittelte Wissen wiedergeben und es nicht hinterfragen, oder möglicherweise in Frage stellen.

Wir könnten doch zur Abwechslung mal über die Bedeutung der Dinge für uns nachdenken. Über unsere Sicht und die Dinge, die wir lernen, und diese nicht nur vorgeklascht zu bekommen, auswendig zu lernen, sondern sie zu verstehen.

Natürlich sind alle Lehrer unterschiedlich und es gibt auch die, die noch nach 30 Jahren Spaß am Unterrichten haben und selbstverständlich springt dieser Spaß auch auf die Schüler über. Zu behaupten alle Lehrer sind schlecht, wäre ungerecht und falsch. Es kann, denke ich, eine sehr anspruchsvolle Arbeit sein, junge Menschen auf das Leben vorzubereiten.
Ich sehe jedoch nicht, dass die Lehrer noch, wie von Montaigne beschrieben, als unwürdig oder weniger nützlich angesehen werden. Wobei die Kritik an den Philosophen, nicht zu handeln, einen
wahren Kern hat. Oder wie Hesse sagt, die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt. Aber zurück zum Thema.

Die meisten Lehrer versuchen Schüler zum lernen zu bringen, indem sie ihnen Angst machen. Die Tatsache, dass Angst die Fähigkeit kurzzeitig etwas auswendig zu lernen zwar fördert, aber etwas zu verstehen, oder über etwas nachzudenken geradezu einmalig unterdrückt und zerstört, ignorieren sie dabei geflissentlich. Man befindet sich nicht in einer angstfreien Zone, dabei sollte wenigstens in der Grundschule, nicht durch Angst gelernt werden.
Manche kommen mit dieser gängigen Art einigermaßen klar, andere scheitern daran und geraten durch autoritäre Erziehungsmächte und einer ordentlichen Portion Angst zum wanken, und schlussendlich unters Rad.

Der absolute Tiefpunkt meiner Schulwoche ist Religion.
Es ist schwierig zu beschreiben warum, denn eigentlich sollte es doch ein entspanntes Fach sein, aus dem man mit neuen Hoffnungen und bewegenden Gedanken geht. Stattdessen bin ich jedes Mal aufs Neue davon überzeugt, diesen Unterricht nie wieder besuchen zu können, da ich dauerhaft das Bedürfnis verspüre meinen Kopf gegen irgendetwas zu schlagen.
Grundsätzlich halte ich das Fach Religion für einen netten Gedanken, der in der praktischen Umsetzung allerdings hoffnungslos grausam ist. Allein schon der Versuch eine Note zu geben, der in meinen Augen auch im Fach Kunst völlig fehl am Platz ist, ist mir absolut unverständlich. Was will man denn benoten? Wie stark der Glaube ist? Das Wissen über Religion? Den Geschmack, oder die Meinung? Ich sehe darin keinen Sinn.

Es gibt noch unendlich mehr zu sagen, aber ich denke einige wichtige Punkte angerissen zu haben. Mehr schreiben möchte ich nicht, schon gar nicht um diesem Essay mehr Text hinzuzufügen, damit er mehr als 9 Punkte gibt.

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