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"Gegenseitiger Respekt ist das Wichtigste"

Im Zusammenhang mit unserer Artikelserie "Schule & Bildung" wollen wir natürlich nicht nur die Schüler-Seite befragen und kennenlernen, sondern auch die Lehrer-Seite, die mindestens genauso wichtig ist. Wir haben drei Preisträgern des Deutschen Lehrerpreises aus Baden-Württemberg ein paar interessante Fragen gestellt.

 
 

Martina Braun, Lehrerin an der integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried

Warum sind Sie Lehrerin geworden?
Der Ausgangspunkt war zunächst das Interesse für meine Fächer Englisch und Sport. Dass ich dabei später Jugendliche unterrichten würde, war mir zwar klar, aber die Dimension des Ganzen habe ich unterschätzt!
Die nötige Pädagogik dazu habe ich erst im Referendariat gelernt und natürlich durch die Erfahrungen an meiner jetzigen Schule, einer Gesamtschule mit 1600 SchülerInnen, gemischt aus allen gesellschaftlichen Hintergründen. Das ist spannend und sinnvoll und tatsächlich eine große Aufgabe.

Hatten Sie früher eine Lehrerin oder einen Lehrer, die oder der Ihnen heute noch als Vorbild dient?
Ich hatte eine Deutschlehrerin, Frau Ursula Steudel, die den besten Fachunterricht meiner gesamten Schulzeit gemacht hat. Abwechslungsreich, interessant, methodisch vielfältig und auch mit ungewöhnlichen Ideen. Das war mir sogar schon als Schülerin klar, obwohl ich da noch keine große Ahnung von Didaktik, Methodik und der ganzen "Hintergrundarbeit" im Lehrerberuf hatte.

Wie stellen Sie sich die ideale Schüler-Lehrer-Beziehung vor?
Diese Frage zu beantworten finde ich sehr schwer. Ideal heißt nicht konfliktfrei, aber prinzipiell finde ich gegenseitigen Respekt das Wichtigste. Und natürlich ist es schön, wenn man eine Klasse lange unterrichtet und sich ein beinahe familiäres Umfeld ergibt, wenn die SchülerInnen sich an mich als Ansprechpartnerin in vielen, auch persönlichen Belangen wenden.
Ideal ist letztendlich, wenn eine Schülerin oder ein Schüler sagen kann, dass sie oder er bei mir etwas gelernt hat - ob das nun Englisch ist oder Handstandabrollen oder kritischer zu denken oder seine Meinung zu sagen. Mein Ziel ist, etwas zum Besseren verändert zu haben.

Mit welchem Verhalten kann ein Schüler Sie richtig auf die Palme bringen?
Es gibt Schüler, die ihr Selbstwertgefühl und ihre Macht daher beziehen, dass sie andere piesacken. Mit so etwas umzugehen - subtile Gewalt, bewusste Ausgrenzung, Hinterhältigkeit - finde ich sehr schwer. Aber es muss einem klar sein, dass auch dieses Verhalten eine Ursache hat und von irgendwoher kommt.
Es gibt außerdem einen Anteil von Schülern und Schülerinnen, gerade während der Pubertät, die sich innerhalb ganz enger Vorstellungen von Geschlechterrollen bewegen. Da herrscht teilweise ein großer Sexismus vor, noch größer als sowieso schon in der Gesellschaft. Dabei fällt es mir sehr schwer, professionell und sachlich zu bleiben.

Was unternehmen Sie, um einen ernsten Konflikt mit einem Schüler zu lösen?

Auf jeden Fall steht Kommunikation an erster Stelle. Durch Gespräche mit Schülern bauen Sie eine persönliche Beziehung auf, und wenn das klappt, wenn Sie nicht nur die Rolle "Lehrer" sind, sondern der Schüler den Menschen dahinter sieht, werden auch die Konflikte weniger.
Man erreicht natürlich nicht jeden Schüler und mit ein paar Gesprächen können Sie auch nicht 15 Jahre soziale Prägung ändern. Trotzdem hat manches einen Einfluss, und wenn nicht ich, dann vielleicht ein anderer Kollege.

Welche Aspekte des deutschen Bildungssystems finden Sie gut? Was würden Sie gerne ändern?
Gut ist die zunehmende Vielfalt im Bildungssystem (Gesamt- und Gemeinschaftsschulen neben der üblichen Dreigliedrigkeit, Gymnasium in 8 oder 9 Jahren), denn Wahlmöglichkeiten bezüglich Schulform und -dauer finde ich sinnvoll.
Meckern kann man immer viel, über Länderhoheit, Finanzhaushalt, Dreigliedrigkeit und verschiedene Bezahlung, Lehrerausbildung und so weiter. Das Schwierige dabei ist, Systeme zu entwickeln, die das besser machen, von daher halte ich mich etwas zurück.
In einem Lehrer-Schlaraffenland würde ich natürlich gerne die Klassengröße reduzieren. Pro Klasse 15 SchülerInnen - es würde mehr Inhaltliches ankommen, die organisatorischen Belastungen und Korrekturen wären weniger und man könnte auf jeden Schüler einzeln besser eingehen. Ich glaube, dass wir uns dadurch später manche Probleme oder Kosten sparen würden.
Außerdem wünsche ich mir nach wie vor eine bessere technische Ausstattung, da ich viel mit neuen Medien arbeite und das oft ein organisatorischer Aufwand ist.

Jochen Herkert, Schulleiter am Nicolaus-Kistner-Gymnasium Mosbach

Warum sind Sie Lehrer geworden?
Es bereitet mir unheimlich Freude, Schülern mathematische und physikalische Zusammenhänge beizubringen und gemeinsam zu erforschen. Ebenso ist es etwas Tolles, vorne an der Tafel zu stehen und diese zu entwickeln. Das habe ich während meiner Schulzeit schon gemerkt und mich dazu entschlossen, Mathematik und Physik zu studieren.

Hatten Sie früher eine Lehrerin oder einen Lehrer, die oder der Ihnen heute noch als Vorbild dient?
Es waren viele. Von jedem etwas! Zu einigen habe ich noch heute Kontakt. Die Schulzeit uns natürlich die eigenen Lehrer prägen einen schon!

Wie stellen Sie sich die ideale Schüler-Lehrer-Beziehung vor?
Offen, respektvoll, motivierend, kameradschaftlich aber auch klar strukturiert.
Es muss möglich sein gut und effektiv miteinander zu arbeiten, aber man muss auch mal miteinander lachen können.

Mit welchem Verhalten kann ein Schüler Sie richtig auf die Palme bringen?
Noch nicht passiert.

Was unternehmen Sie, um einen ernsten Konflikt mit einem Schüler zu lösen?

Durch ein gutes Miteinander und frühzeitiges Gespräch / Gespür versuchen, gar nicht in solche Situationen zu kommen.

Welche Aspekte des deutschen Bildungssystems finden Sie gut? Was würden Sie gerne ändern?
Mir gefällt unser dreigliedriges Schulsystem, aber wir brauchen ein starkes Gymnasium und sollten Gemeinschaftsschulen abschaffen. Außerdem müssen begabte Schüler mit mehr Deputatsstunden Förderung erhalten.

Daniela Rommel, Lehrerin am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Metzingen

Warum sind Sie Lehrerin geworden?
Das war ein Beruf, den ich mir immer schon gut vorstellen konnte. Ich habe auch sehr gerne Nachhilfe gegeben und bereits da haben mir meine Mitschüler attestiert, dass ich sehr gut erklären könne.

Hatten Sie früher eine Lehrerin oder einen Lehrer, die oder der Ihnen heute noch als Vorbild dient?

Ich kann mich noch an alle meine Lehrer sehr gut erinnern und an viele denke ich gern zurück. Von einigen übernehme ich noch heute Stundeneinstiege. Ein Vorbild direkt gibt es nicht, überzeugend fand ich es immer, wenn der Lehrer/die Lehrerin authentisch war.

Wie stellen Sie sich die ideale Schüler-Lehrer-Beziehung vor?
Der Lehrer ist für den Schüler eine Respektsperson, kein Kumpel. Dennoch ist er auch eine Vertrauensperson und ein wichtiger Ansprechpartner, der immer ein offenes Ohr für Probleme haben sollte. Ganz wichtig ist es, das richtige Gespür zu haben und den richtigen Ton zu treffen.
Aber auch der Schüler ist natürlich respektvoll zu behandeln und seine Leistungen sollten angemessen gewürdigt werden.
Das gegenseitige Geben und Nehmen ist sowohl für den Lehrer als auch den Schüler ein Gewinn.

Mit welchem Verhalten kann ein Schüler Sie richtig auf die Palme bringen?
Im Unterricht: Jede Stunde da sitzen und kein einziges Mal auch nur annähernd lächeln.
Viel schlimmer aber ist in der Klasse natürlich Mobbing und noch schlimmer: Mobbing ohne Einsicht.

Was unternehmen Sie, um einen ernsten Konflikt mit einem Schüler zu lösen?
Ich kann mich an keinen ernsten Konflikt mit einem Schüler erinnern. Aber natürlich würde ich das Gespräch suchen und versuchen, es gemeinsam mit dem Schüler zu lösen.

Welche Aspekte des deutschen Bildungssystems finden Sie gut? Was würden Sie gerne ändern?
Das dreigliedrige Bildungssystem in Baden-Württemberg fand ich bisher gelungen, da es tatsächlich jedem Schüler ermöglichte, den für Ihn bestmöglichen Abschluss zu machen. Die Durchlässigkeit zwischen der Werkrealschule, der Realschule und dem Gymnasium und zusätzlich das Angebot mit beruflichen Schulen war absolut gelungen.
Mittlerweile ist die Bildungslandschaft leider etwas undurchsichtiger geworden, da alle Parteien versuchen, der Bildungspolitik sofort ihren Stempel aufzudrücken. Ich würde mir wünschen, dass sich gerade beim Thema Bildung alle Parteien zusammensetzen und langfristig planen und nicht nur für eine Wahlperiode.

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