thema - Das Magazin

Drucken

Immersion - Posthardcore zwischen metaphorischen Fragen und freigesetzter Energie

Werte sind wie Regeln, Regeln sind wie Grenzen, Grenzen sind… jedenfalls nichts, wovon Immersion sich aufhalten lassen. Weder bei der Struktur ihrer Songtexte, noch beim Touren durch ganz Deutschland, und schon gar nicht beim Alkoholkonsum. Eine Band im Portrait.

 
 

Regeln sind da, um gebrochen zu werden – das scheint die Band aus Sindelfingen mit ihrer neuen EP Leaves vermitteln zu wollen. „Es geht um Blätter, die herunterfallen wollen und damit gegen die normative Ansicht verstoßen, dass es erstrebenswert ist, im Baum zu bleiben“, erklärt Sänger Tobias B. Bacherle [20]. Alle fünf Songs auf der EP fragen nach dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft, behandeln die Andersartigkeit einzelner und den Mut zum Umdenken – und lassen dem Zuhörer dabei genug Raum, um seine eigenen Schlüsse aus den Texten zu ziehen. „Wir geben den Text und die Musik aus der Hand, haben keinen Einfluss mehr darauf, welche Bedeutung der Zuhörer dem in seinem Leben gibt, aber das ist auch ok“, sagt Tobi dazu.

Wie die Blätter im Titel der EP, so ist jeder Song eine Metapher oder erzählt eine Geschichte. „Ich würde niemals auf die Idee kommen, Texte über irgendeinen Scheiß zu schreiben“, sagt Tobi, „Das müssen bei mir wohl die ganz großen Themen sein – und damit mein ich nicht Liebe!“

In den Texten von Immersion finden sich vermutlich viele Jugendliche und junge Erwachsene wieder – aber die Musik? Mit der können einige nichts anfangen. Posthardcore nennt sich das, und ist sicher nicht für jedermanns Ohren gemacht. Warum sie sich trotzdem für diese Art der Musik entschieden haben, erklärt Songwriter und Lead-Gitarrist Fabian Glück [20]: „Es ist einfach eine sehr emotionale Musik. Strukturen und Regeln sind kaum vorgegeben, du kannst kreativ sein und machen, worauf du Bock hast.“

Dass Immersion sich bei der Songstruktur nicht an Regeln halten, sorgt für Abwechslung – mal geschrien, mal gesungen sind die Parts, die einen laut, die nächsten leise, einmal gute Laune, dann wieder sehr ernsthaft. Oder mit Fabis Worten: „Wir haben Parts, die halt echt voll auf die Fresse sind, aber dann auch wieder ruhige Stellen und tragende Melodien.“

Inspiriert ist die Musik der fünf Jungs unter anderem von Bands, die früher selbst in Sindelfingen und Böblingen gespielt haben – Big Spin und On Top Of The Avalanche zum Beispiel. Außerdem schaut Fabi sich viel ab von The Devil Wears Prada, Bring Me The Horizon und Madison Affair. „Am meisten beeinflussen uns auf jeden Fall Bands, die wir selbst schon live gesehen haben. Von jedem Konzert nimmt man etwas mit.“

Früher nur im Publikum, mittlerweile mittendrin: Heute sind Immersion mit den Bands unterwegs, die sie zuvor nur bewundern konnten. Angefangen hat für Fabi und Tobi alles mit der Gründung der Band 2012: Daniel Greber [19] konnten sie als Sänger und Gitarrist gewinnen, Christian Schmitt [19] sitzt seitdem am Schlagzeug. Bassist war für lange Zeit Daniel Durak, der auf der EP noch zu hören ist, aber die Band danach aus Zeitgründen verlassen musste. Die Frage nach ersten Meilensteinen wird mit Gelächter quittiert: „Meilensteine haben bei uns meistens mit Alkohol zu tun.“

Dennoch: Das erste große Ereignis war die Demo-Release-Show im November 2012, vor ziemlich genau zwei Jahren. Im Sommer 2013 sind Immersion dann durch Deutschland getourt, haben überall gespielt, wo sie durften: „Das war das erste Mal, dass wir für einen Gig das ganze Wochenende unterwegs waren und unzählige Stunden auf der Autobahn verbracht haben, um irgendwo spielen zu können.“

Dann ging’s von der Bühne ins Studio: Im Januar haben sie beim Newcomer-Contest „Rocktest“ vom Popbüro Stuttgart den Publikumspreis gewonnen – und damit drei Tage im Studio. Einen Wert von 750€ hatte dieser Preis, aber für Immersion war das nicht genug. Wenn, dann schon richtig, haben sie sich gedacht, und sind direkt zwei Wochen ins Studio gegangen. Den Rest haben sie also selbst draufgezahlt, heute besitzen sie Aufnahmen im Wert von weit über 3.000€. Aber sie haben nicht nur aufgenommen, sondern wurden auch gecoacht: „Das ging von so langweiligen Grundlagen über Performance-Rückmeldungen bis hin zu besserer Pressearbeit, oder: Wie bau ich auf, ohne dass der Tontechniker ausrastet?“

Die Zeit im Studio hat die Bandarbeit für die Jungs in ein neues Licht gerückt. Jetzt haben sie fünf Songs aufgenommen, daraus ihre EP Leaves zusammengestellt, und die wird am 16. November diesen Jahres veröffentlicht. Danach wartet ihr bisher abenteuerlichstes Erlebnis auf Immersion: Mönchengladbach, Leipzig, Nürnberg, Gießen, Stuttgart und sogar Berlin. Von November bis Anfang Februar touren sie durch Deutschland, reißen Bühnen ab und lassen sich feiern für das, was sie geschafft haben. Warum man sich das anhören sollte? Einig sind sich Fabi und Tobi nicht, die Gründe reichen von „Weil’s geil ist“ und „Weil wir gut aussehen“ über „Weil wir Spaß dabei haben“ bis hin zu „Weil wir saufen können“ oder einfach „Weil Hardcore-Mucke die heftigsten Emotionen auslöst.“

Grenzen sind wie Mauern, die Mauern kommen näher, die Mauern sind das Ende – das singen sie in ihrem neuen Song Very own secret. Aber das Ende ist noch lange nicht in Sicht, denn für Immersion geht es jetzt erst richtig los.


Schnellsuche:
 
Jugendstiftung Baden-Württemberg - Alle Rechte vorbehalten