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„Bei einem Slam wird die Lyrik richtig gefeiert“

Benjamin Weiß ist Mitbegründer und Moderator eines der größten Poetry-Slams Kölns: Reim in Flammen. Hauptberuflich ist er Lehrer an einer Förderschule. Jakob Zimmermann hat mit ihm telefoniert und viel Interessantes über Poetry Slam erfahren.

 
 
Jakob Zimmermann: Wie hast du Poetry-Slam kennengelernt?
Benjamin Weiß : Vor mittlerweile 12 Jahren habe ich Florian Cieslik kennengelernt, der mit mir ja auch den Slam macht. Er hat damals, wie er es selbst nennt, „Alltags-Poesie“ geschrieben und mir den Zugang zum gesprochenen Wort und der Lyrik näher gebracht. Wir haben dann ein Projekt mit zwei weiteren Lyrikern gemacht, wo ich als DJ die drei Slammer mit ihren Texten vertont habe. Irgendwann hat mir dann ein Freund, der damals den Tsunami Club in der Kölner Südstadt betrieben hat, angeboten, ich könne doch einen Slam da veranstalten. Ganz blauäugig habe ich zugesagt. Und im Oktober werden wir acht Jahre alt mit dem Slam; seit acht Jahren organisiere und moderiere den Reim in Flammen Poetry Slam mit einem kleinen Team zusammen.
Jakob Zimmermann: Wie warst du Poetry-Slam gegenüber eingestellt, bevor du es kanntest und was fasziniert dich jetzt daran?
Benjamin Weiß : Als ich Florian kennengelernt habe und er mich gefragt hat, ob ich ihn vertonen kann und ob wir nicht ein Projekt zusammen machen wollen, da hab ich echt gelacht und gedacht: „Ist klar!?“. Ich hatte wirklich keine hohe Meinung davon und war auch nicht besonders interessiert. Das hat sich innerhalb von kurzer Zeit dann geändert. Logischerweise, sonst würde ich das ganze ja nicht machen. Ich finde, dass Poetry Slam in den letzten Jahren ganz krass an Qualität zugelegt hat, was zum Teil an der Jugendförderung liegt, wenn Slammer in Schulen Workshops anbieten, zum Beispiel. Die Haltung der ganzen Szene finde ich toll. Es gibt keine langweiligen Lesungen in irgendeiner Bibliothek, wo in der zweiten Reihe die Hustenbonbons ausgepackt werden, sondern bei einem Slam wird die Lyrik, das „spoken word“, richtig gefeiert und die Worte leben viel mehr.
Jakob Zimmermann: Was braucht ein guter Poetry-Slam?
Benjamin Weiß : Gute Slam-Poeten als allererstes. Wenn man gute Slammer hat, ist das die halbe Miete. Unser Slam ist inzwischen so groß, dass wir viel über Einladungen laufen lassen. Das hat dann nichts mit Arroganz zu tun, wenn wir sagen, wir laden uns die Leute ein. Erstens wollen wir dem Publikum eine gewisse Qualität garantieren können und zweitens Anfänger ein bisschen vor sich selbst beschützen. Die sagen, sie wollen unbedingt auf eine Bühne mit einem Text, den sie gut finden. Der kommt dann doch nicht so gut an und sie kriegen dann von 400 Leuten sozusagen die Klatsche - oder eben kein Klatschen. Das kann dann schon ziemlich hart sein. Ein guter Poetry-Slam sollte ein ausgewogenes Programm haben und mit viel Herzblut geführt sein. Es sollten nicht zu viele Poeten an einem Abend dabei sein, denn irgendwann ist jeder Kopf voll. Ein DJ schafft ein paar „Denkpausen“ und damit Freiraum im Kopf. Aber es gibt so viele verschiedene Modelle, die alle gut laufen, dass man kein klares Rezept für den einen guten Poetry-Slam schaffen kann.
Jakob Zimmermann: Warum ist Poetry-Slam in den letzten Jahren immer bekannter geworden?
Benjamin Weiß : Als wir vor acht Jahren angefangen haben, hatten wir ein Publikum von 40 Leuten. Jetzt sind wir 400 monatlich. Vor acht Jahren hatten die größten Slams 200 bis 300 Zuschauern maximal, das war schon fast unvorstellbar. Mittlerweile gibt es Slams, bei denen 1200 Leute sind. Dass Poetry-Slam so populär geworden ist, liegt an der Qualitätssteigerung, die über die letzten Jahre stattgefunden hat. Ein Poetry-Slam ist für die Zuschauer einfach eine sehr attraktive Veranstaltung, weil man in einer Show lachen, weinen oder nachdenken kann und man immer Abwechslung hat. Wenn einem ein Text nicht gefällt, dann ist der ja nach fünf Minuten vorbei und es kommt der nächste, der einem vielleicht gefällt. Ich glaube auch, dass die Szene selbst zur Popularität beiträgt. Das sind keine Leute, die daraus direkt ein Geschäft machen wollen. Die Slammer reisen durchs Land für Fahrgeld und eine Übernachtung. Mittlerweile ist schon Geld im Spiel, aber so richtig verdienen kann da keiner. Das ist alles Leidenschaft, das sind alles Leute die das gerne machen. Und so etwas findet man ja immer weniger.
Jakob Zimmermann: Zum Schluss: Hast du noch einen Tipp für jemanden der mit Poetry-Slam anfangen will?
Benjamin Weiß : Ich kann nur den Tipp geben, zu Poetry-Slams zu gehen und mit den Slammern zu reden. Das ist eine tierisch nette Szene. Und dann einfach mal bei einem Poetry-Slam melden. Das muss ja nicht direkt der größte in Köln sein. Es gibt ganz viele Slams und offene Bühnen, wo man sich erst mal ausprobieren und Kritik einholen kann. Am wichtigsten: einfach machen!
 

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