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Du hast die Wahl

"Für die vorherigen Generationen war der Zustand der Gesellschaft viel entscheidender als die Situation des Individuums. Deshalb standen sie für die revolutionären Veränderungen. Wofür will unsere Generation stehen? Sie hat die Möglichkeit, mitzubestimmen, nur sieht sie oftmals die Notwendigkeit und den Sinn dafür nicht." Die Wahlbeteiligung junger Menschen nimmt immer weiter ab. Woran liegt das? Eine kritische Auseinandersetzung von Anne-Marie Berg.

 
 

Diesen Sonntag finden die Landtagswahlen in Baden-Württemberg statt. Junge Menschen, die volljährig geworden sind, müssen sich zum ersten Mal die Frage stellen: Soll ich wählen gehen? Es geht um eine ganz einfache Frage: Bin ich bereit ein Teil der Demokratie zu werden und diese zu unterstützen?
Die Demokratie setzt sich aus uns zusammen, aus einzelnen Bürgerinnen und Bürgern.
Die Wahlbeteiligung junger Menschen lässt dabei allerdings zu wünschen übrig und lässt immer weiter nach. Im Jahr 1972 lag die Wahlbeteiligung der Deutschen von 18 bis 25 Jahren zwischen 80 und 90 Prozent. Im Jahr 2009 gaben nur noch 63 Prozent der 18- bis 20-Jährigen ihre Stimme ab, bei den 21- bis 25-Jährigen waren es nur 59 Prozent.
Was ist da passiert?

Früher sind die Jugendlichen für ihre Ziele auf die Straße gegangen. Gemeint sind die Jugendlichen der 60er und 70er. Das Lied „Another brick in the wall“ von Pink Floyd, im Besonderen die Zeile „Hey teacher, leave us kids alone“, zeigt sehr gut, was der heutigen Generation fehlt: das Auflehnen gegen die ältere Generation. „Hey Lehrer, lass uns in Ruhe!“ – Welcher Jugendliche würde das heute noch sagen?
Ist das Problem also der fehlende Mut?

Können wir noch etwas bewegen?

Auch mangelndes Politikinteresse wird unserer Generation unterstellt. Dabei müssen wir uns die Frage stellen: Kann die Jugend überhaupt noch die Gegenwart gestalten?
Gehen wir mal von einem Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren aus, dann heißt die Antwort eindeutig: Ja.
Es gibt sogar sehr viele Möglichkeiten. Wahlen bilden eine wichtige Grundlage der politischen Partizipation. Sie sind der Grundbaustein unseres demokratischen Systems. Diese und andere Möglichkeiten der Gegenwartsgestaltung sind im Grundgesetz verankert.
Wenn man genau hinschaut, fällt sogar auf, dass in den letzten Jahren einige neue Möglichkeiten speziell für Jugendliche geschaffen wurden wie z.B. die Wahl ab 16 auf mancher Kommunal- und Landesebene.
Darüberhinaus hat sich auf technischer Ebene vieles verändert. Die Bedeutung der Medien hat besonders für Jugendliche erheblich zugenommen. Gerade das Internet erleichtert den Zugang zur politischen Partizipation. In sozialen Netzwerken ist die Unterzeichnung von Petitionen sehr einfach. Auch die Parteien und politischen Gremien wie die Jugendgemeinderäte nutzen sie, um insbesondere Jugendliche zu erreichen und zur Teilhabe zu animieren. Allgemein wurde das öffentliche Interesse an den Jugendlichen in den letzten Jahren viel größer. Zahlreiche Infomaterialien und spezielle Veranstaltungen in der Schule oder der Kommune sollen der Jugend die Bedeutung von Demokratie und politischer Teilhabe genauso näherbringen wie extra auf Jugendliche ausgerichtetes Werbematerial der Parteien.
Aber was nutzt das Interesse an den Jugendlichen und ihre Möglichkeiten, wenn der Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung abnimmt? Das heißt sie sind bei Wahlen unterrepräsentiert, aber das kann und darf auch nicht der Grund für das mangelnde Politikinteresse sein. Anstatt sich umso engagierter für ihre Stimme einzusetzen, wenden sich viele Jugendliche schulterzuckend ab.

Können wir nicht oder wollen wir nicht?

Die Frage sollte also lauten: Will die Jugend überhaupt noch die Gegenwart gestalten? Um diese Frage zu beantworten, sollte man klären, was die Jugend von heute überhaupt ausmacht. Ich spreche hier von der Generation Y. Das Y steht für das englische Wort „Why“ = „Warum“. Eine Generation, die den Sinn hinterfragt und als Gruppe der Egotaktiker alle Entscheidungen nach ihrem persönlichen Vorteil ausrichtet. Der Lebensstandard ist heute für Jugendliche sehr hoch. Das heißt die Jugendlichen können ihre Karriereziele sehr einfach erreichen und sehen dann nicht die Notwendigkeit die Gesellschaft zu verändern. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die vorherigen Generationen war der Zustand der Gesellschaft viel entscheidender als die Situation des Individuums. Deshalb standen sie für die revolutionären Veränderungen.
Wofür will unsere Generation stehen? Sie hat die Möglichkeit, mitzubestimmen, nur sieht sie oftmals die Notwendigkeit und den Sinn dafür nicht. So müsste bei uns das Lied von Pink Floyd heißen: „Hey Lehrer, lass mich bloß nicht in Ruhe! Brings mir bei, damit ich meinen Studienplatz bekomme.“

Am Sonntag die Zukunft mitgestalten

Aber diesen Sonntag geht es nicht um deinen Studienplatz, es geht um vieles mehr. Bei der Landtagswahl am 13. März entscheiden wir uns für eine Zukunft, in der wir leben wollen.
Bin ich für die Gemeinschaftsschule oder ein Verfechter des dreigliedrigen Systems? Will ich, dass die AfD in den Landtag einzieht? Wie wichtig ist mir eine schnelle Energiewende? Welche Strategien zur Integration und Inklusion soll Baden-Württemberg verfolgen?
Du hast die Wahl!
„Hey Lehrer, lass mich bloß in Ruhe! Ich will selber entscheiden und die Zukunft wählen, in der ich lebe.“

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