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Scripted Reality - Das kann doch nicht wahr sein!

Sie werden als „Trash-TV“ und „Sozialpornos“ betitelt. Zappt man nachmittags durch das Fernsehprogramm der deutschen Privatsender, zeigt sich vor allem ein Trend: Sendungen, die dem Zuschauer das (angeblich) echte, reale Leben vorgaukeln möchten. Nahezu jeder hat sie schon einmal gesehen: Familien im Brennpunkt, Die Trovatos, Die Schulermittler, Verklag mich doch, Berlin – Tag & Nacht und Co.

 
 

Das Geschehen der Reality-Sendungen wird der Format-Bezeichnung entsprechend so realitätsgetreu wie möglich inszeniert: Die Erzählstränge kreisen um Alltagsthemen wie Liebe, Eifersucht, Familie, Freundschaft, Urlaub, Streit, dramatische Schicksale, Mobbing, sexuelle Belästigung, Geldsorgen, Betrug und Gewalt. Dabei läuft jede Sendung quasi gleich ab: Es liegt ihnen die „Darstellung von Emotionen, Personalisierung, Dramatisierung bzw. die Darstellung von Gewalt sowie Stereotypisierung“ (Klaus & Lücke, 2003, S. 197) als maßgebliche Charakteristik zugrunde. Die Protagonisten werden in einer privaten und meist problematischen Situation gezeigt, es gibt Konflikte und Tränen, am Ende eine Auflösung der Situation. Die Sendungen spielen vor allem mit einem – Authentizität. Menschen werden in sehr privaten Situationen gezeigt und bieten Einblicke, die der normale Mensch und Zuschauer normalerweise nicht hat. Es wird ermöglicht, die Grenze zur Privatheit anderer zu überschreiten – Voyeurismus pur. Das Ganze läuft unter der Bezeichnung „Doku-Soap“ und „Reality-TV“. Doch was an den Sendungen ist „echt“? Werden tatsächlich Privatpersonen gezeigt, die ihr (problematisches) Leben durch ein Kamerateam begleiten lassen? Diese Vermutung würde auf den ersten Blick nahe liegen. Doch die Antwort ist klar „Nein“.

„Scripted Reality“ wird diese Variation des Realitätsfernsehens genannt. Durch die Kopplung von Elementen der Serie und der Dokumentation entsteht ein neues Hybridgenre (Mischgenre, das Elemente von mindestens zwei Genreformen mischt). Hierbei bleibt zu betonen, dass die erfundenen Geschichten mit Laiendarstellern so nah wie möglich an der Wirklichkeit inszeniert werden. Anhand eines Scripts setzen Laien die Handlungen relativ frei um, zudem werden die Rollen entsprechend des Charakters der Schauspieler besetzt, was die authentische Darstellung verstärken soll. Die hybriden Scripted Reality-Sendungen haben sich jedoch seit der Entstehung zu einem viel kritisierten Gesprächs- und Forschungsgegenstand entwickelt. Den Produzenten wird vorgeworfen, den Inszenierungscharakter sowie die Anwesenheit eines Skripts zu verschleiern und den Zuschauer dadurch bewusst in die Irre zu führen. Es wird außerdem kritisiert, „so viele dramatische Konflikte, Unglücksfälle und kriminelle Machenschaften, die hier eine TV-Familie an einem Sendenachmittag durchzustehen hat, verbraucht man im normalen Leben im ganzen Jahr nicht“ (Wolf, 2011, S. 45).

 

Bei den bei vor allem Jugendlichen beliebten Sendungen Berlin- Tag & Nacht und Köln 50667 spielt Facebook eine große Rolle für die Authentizität der Sendung: „Fast rund um die Uhr können die Zuschauer hier das ‚Leben‘ ihrer Lieblings-WG-Bewohner verfolgen. Ein Online-Redakteur ist bei den Dreharbeiten dabei und dreht mit den Darstellern kurze Filmchen, in denen sie erzählen, wie es ihnen geht“ (Niggemeier, 2012, S.1). Insbesondere jüngeren Kindern soll die Unterscheidung zwischen Inszenierung und Realität aufgrund all dieser Eigenschaften der Sendungen schwer fallen. Einige Studien untersuchten die Problematik und zeigten, dass „sechs (FiB [Familien im Brennpunkt]) bzw. vier (VF [Verdachtsfälle]) Prozent glauben, dass dort real existierende Menschen in ihrem normalen Alltag gezeigt werden. Mit 44 (FiB) bzw. 45 Prozent (VF) sind weitaus mehr der Meinung, hier zwar Schauspieler präsentiert zu bekommen, diese würden aber reale Begebenheiten nachspielen. Jeweils die Hälfte ist der richtigen Annahme, dass Geschichten und Menschen frei erfunden sind“ (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 28). Eine weitere Studie brachte Ergebnisse, die zeigen, dass zwar „alle befragten Jugendlichen (…) Berlin – Tag & Nacht für gespielt“ (Bergmann et al., 2013, S. 29) halten. Allerdings „haben nur sehr wenige der befragten Jugendlichen von Anfang an gewusst, dass es sich (…) um ein gespieltes Format handelt“ (ebd., S. 30) und wurden erst von anderen auf den Inszenierungscharakter aufmerksam gemacht. Bleibt nur zu hoffen, dass Kinder und auch Erwachsene hinsichtlich dieser Problematik eine möglichst ausgeprägte Medienkompetenz entwickeln, um sich beim Anblick dieser und ähnlicher Sendungen nicht hinters Licht führen zu lassen und selbstständig erkennen zu können: „Das kann doch wohl echt nicht wahr sein!“ Wenn man sich dann doch unsicher sein sollte, ob die ein oder andere Nachmittag- und Vorabendsendung gescriptet ist, hilft beispielsweise ein Blick in Wikipedia oder auch den Programmbericht der Landesmedienanstalten: Dort wird ersichtlich, welche Reality-Sendung einem Skript unterliegt.

 

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